Startseite Nach oben

Tur Blogg

14. November 2009

Tags: ,

Kommentar verfassen

Calvi

Es ist nicht leicht, eine Gruppe guter Musiker zu führen, wenn wir alle etwas müde sind vom anstrengenden Alltag. Ich bekomme manchmal dann dieses Perfektionistische. Wir sind ein Quartett, 2 Jungs, 2 Mädchen, es braucht eigentlich keinen Leiter. Wir probten heute in der Mergentheimer Straße wegen dem Drumset. Es ist schön, zusammen mit Schlagzeug und Streichern, es klingt schön, zu proben, sich zu engagieren, wir hatten einige spontane Zuhörer. Die Planungen für Korsika 2010 stehen auch wieder, diesmal fahre ich zwei Wochen mit einer Musikerin, einer Freundin im Juni für die Musik, es baut sehr auf, dort zu sein, es ist einfach wohltuend, und schöne Konzerte.

Erfurt Concerts

Nächstes Wochenende fahre ich nach Erfurt. Am Sonntag zwischendrin spiele und singe ich im Hochschulgottesdienst der St Stephanskirche. Heute um 20 Uhr eine erste Generalprobe mit meiner kleinen Band im Bechtolsheimer Hof. Meine kleinen Schülerinnen sind extrovertiert, willig und begabt.

Das Ticket nach Schweden ist gebucht, wir fliegen am 19. mit SAS nach Stockholm, fahren später nach Norrköping, dann nach Vadstena an den zweitgrößten See Schwedens. Die Arbeit an der CD macht Spaß, aber ist vor allem neben all der künstlerischen Tätigkeit eine Organisationsfrage, wer wann wo probt und wann wo spielt, Cello, Geige, die Stimmen, Klavier, Percussion … Abläufe, Koordinierung usw. — und ich bin verantwortlich und manchmal etwas überfordert damit in der kurzen Zeit.

Aber ich bin froh, dass die meiste Arbeit bei mir selber liegt und dass ich nun zumindest (als Klassikerin) schon zwei Jahre Studio-Erfahrung habe. Beim Üben am Flügel purzeln bei mir Gedichte, Ideen und Lieder, ich komme kaum hinterher, sie aufzuschreiben. Wie Kerzenwachs. Und ich muss mich auf das normale Üben auch konzentrieren. Mit all meinem Herzen.

Doktorandenseminar

Als ich meine erste wissenschaftliche Arbeit abgab, sagte der Professor: “Sie wissen ja, die Wissenschaft ist emotions-los.” Es war die sachlichste Arbeit meines Lebens. Ich verstehe nicht ganz, wie emotionale Menschen emotionslose Arbeiten schreiben sollen. Wissenschaft ist für mich in keiner Weise emotionslos.

Schweden

Wir fuhren früh gestern los nach Schweden mit dem Kammerchor der Universität Würzburg.

Die Ostsee fiel mit dem Himmel und der aufgehenden Wintersonne zusammen, als wir die Öresundbrücke erreichten, die Brücke über das Meer zwischen Dänemark und Schweden, zwischen Kopenhagen und Malmö, zwischen Seeland und Schonen. Es ist ein Erlebnis, wenn die Brücke schier in der Meerenge verschwindet, aber in einen Tunnel unterhalb des Meeres mündet.
Tags zuvor hatten wir Helsingborg und Helsingör besucht und überquerten die schmalste Stelle dieser Meerenge mit der Fähre Hamlet. Früher war das nun schwedische Gebiet um Lund und Malmö herum dänisch gewesen. Man spürt von der Atmosphäre her vielleicht den Unterschied, wenn man zwischen Dänemark und Schweden pendelt, aber der wunderschöne skandinavische Stil ist doch in vieler Hinsicht gleich hier zwischen den beiden Ländern: die interessanten, freundlichen Farben der Häuser, der geschmackvolle, schlichte Stil, die weißen, großen Fenster, die Sauberkeit, die frische Meeresluft an der Küste, die roten großen Rathäuser. Dänemark kommt mir immer etwas holländisch vor, während Schweden für sich eine eigene Welt ist. Lund am Öresund in Schonen gefiel mir noch besser als Malmö. In Helsingör bewunderten wir die nachgebaute Orgel Buxtehudes in der Marienkirche. Ich musste dabei an Bach denken, der kilometerweit zu Fuß gewandert war, um Buxtehude zu besuchen.

Auch zur Kronborg, der großen Burg an der Küste, in der Shakespeare seinen Hamlet spielen liess, liefen wir. Da ich nicht den Stadtkern von Helsingör mit 35.000 Einwohnern gesehen habe, kann ich leider wenig über diese schöne Stadt schreiben. Aber sowohl Malmö, Lund, Kopenhagen, Helsingborg und Helsingör scheinen insgesamt richtig herrliche Städte zu sein, jede einzelne für sich. Wobei ich sagen muss, dass Malmö nicht ganz meinen Geschmack getroffen hat.

Durch Helsingborg mit seinen knapp 100.000 Einwohnern sind wir leider nur durchgefahren.
Gestern abend besuchte ich ein sogenanntes spex, ein Play, im Medizinergebäude der Universität Lund, ein schwedisches Musical. Die große Universität ist in verschiedene, so genannte Nationen aufgeteilt, das heisst, in etwas ähnliches wie Verbindungen, und jede einzelne hat seine Schauspielgruppe, etwas in der Art, und diese führen Musicals auf, also Plays, dort singen und tanzen sie und haben eine Band oder ein kleines Orchester. Diese Plays heissen spex. Ich merke, dass die schwedischen Studenten sehr auf Gemeinschaft aus sind, zusammen helfen, kaum rauchen. Alles wirkt so sauber und anständig, etwas konservativ vielleicht, aber schön. Das ganze Gebiet wirkt wie von einem anderen Planeten: die großen Herbstbäume, die angestrahlte weißen Universitätsanlage, alles voller Brunnen, Blätter und Fahrräder. Es muss eine schöne Atmosphäre sein, hier zu arbeiten, zu forschen. Die Doktoranden haben dort ein ziemlich gutes Gehalt, ein eigenes Arbeitszimmer. Viele sprechen nicht schlecht Deutsch, alle Englisch. Selbst die Mensa sieht aus wie ein Tempel, sowohl innen als auch außen. Die Aulen und Säle mit Steinway-Flügeln sind eher ein Museum oder eine Kirche und doch nicht steif und kalt, alles ist freundlich, menschlich. Alle Kirchen sind ohnehin beheizt und recht warm. Die verschiedenen Professoren der Hochschule in Malmö und der Universität Lund waren alle sehr interessiert und freundlich, wirken weicher und bescheidener, auch in der Art, wie sie duzen. An den Musikhochschulen einen künstlerischen Doktor zu machen, ist mittlerweile sehr im Kommen. Besonders schön war es, in der Hauptbibliothek die handgeschriebenen Originale von Werken von Schubert und Liszt, also historische Dokumente, die Tinte, das alte, gelbliche Notenpapier, zu sehen, und auch, die Musik des schwedisch-deutschen Komponisten W. W. Glaser kennen zu lernen.

Zurück ging es wieder durch Dänemark vorbei an Rödby mit der großen Fähre nach Deutschland, die eine Dreiviertelstunde bis zur Insel Fehmarn, Puttgarden und der Fehmarnsundbrücke braucht. Genau wie im Systembolaget in Schweden wird auf der Fähre ebenfalls Schlange gestanden für Alkohol. In Lund hatte ich die Gudrun Sjöden-Mode, die es ja auch in Deutschland mittlerweile gibt, kennen gelernt; die Damen-Mode in Schweden ist sehr weiblich, voller Rücke und Kleider und Farben wie Rosa und Lila und Rot, also sehr auffällig durchaus, aber individuell und stilvoll, mit Punkten und auch etwas kindlich, aber schöne Materialien. Ich habe mir einen rosa Windmantel gekauft, sehr auffällig. In Würzburg braucht man ja Mut, um anders auszusehen als die anderen. Schweden ist wie USA, jeder kann tragen, was er will. Großstädte sind insgesamt freier, finde ich, und Lund ist mehr Großstadt als Würzburg — es kommt eben nicht nur auf die Einwohnerzahl an.
Eventuell werde ich Weihnachten in Südschweden verbringen.

Kaum ist meine zweite Schlagzeugstunde um, bat mich Bernd Kremling, in der Philharmonie Würzburg am Wochenende Perkussion, die sogenannte Große Trommel, zu spielen, etwas wie Pauke. Ich habe außer als Solistin keine Erfahrung mit Orchester: also innerhalb eines Orchesters zu spielen — diese schöne Erfahrung macht man als Pianistin nicht, da ich kein Orchesterinstrument spiele. Außer das Celest bei Holsts Planeten in den USA habe ich innerhalb des Orchesters nicht gespielt. Klavierkonzerte habe ich mit Orchester gespielt, aber das ist nicht dasselbe, innerhalb eines Orchesters zu sein. Perkussion im Orchester spielen meist Männer; ich freue mich auf die Trommel, und es ist interessant, aus einer Perkussions-Orchester-Partitur zu lesen, zu spielen. Da ich im Sommer in der Musiktherapie eine Verbindung zur Trommel bzw. Pauke hergestellt habe, ist dies jetzt ein besonderes Geschenk. Was es bedeutet, weiß ich nicht. Ich empfinde fast etwas Zärtliches für die Trommel. Es stimmt, dass Musik Propaganda pur ist — diese Trommel hat so viel Klang, tief und weich, so voll Power und ist doch so zärtlich, finde ich. Morgen beginnen die Orchesterproben.
Wie kann man mit Herz und Seele allein nur im Akademischen aufgehen? Es scheint mir eine Flucht vor dem Wesentlichen zu sein, sogar die Pädagogik kann eine Flucht sein. Es kommt mir immer mehr vor, als sei die Musik und die Kunst das Gegenteil vom Akademischen. Doch ich glaube an eine Verbindung.
Seitdem ich in dem schwedischen Chor Lucia bin, hat Weihnachten spätestens schon angefangen, mit schwedischem Glühwein und Lebkuchen, Gemeinschaft und Liedern — für mich ist die Lucia schön als Lichtträgerin und Hoffnungsbringerin. Es macht Spaß, in einem solchen Laienchor zu singen. Ich freue mich sehr auf unsere Lucia-Auftritte und finde es schön, dass sich der schwedische Stammtisch mit der Uni deckt. Das letzte Mal Lucia war ich mit 10. Ich hatte einen Lichterkranz im Haar, soll wie ein Engel ausgesehen haben im weißen Gewand; ich singe alle schwedischen Texte auswendig.
Die kleine evangelische Kirche in Wenkheim bei Würzburg war ein Genuss. Morgen buchen wir das Ticket nach Vadstena, drei Stunden von Stockholm entfernt.

Malmö

Jag är i Malmö. Ich liebe das Meer, von der Fähre aus zu sehen; es war windig und die Ostsee schmutzig und grau, aber die Weite und die Luft und die vielen Menschen von ueberallher — es ist ein Erlebnis. Höre ich Schwedisch, klopft mein Herz vor Freude. Wir sind bei Puttgarden auf die Fähre nach Dänemark, sämtliche Busse und Autos und der ICE. Dann fuhren wir nach Köpenhamn auf die Öresund-Bruecke und waren anschliessend direkt schon in Malmö. Nach 12 Stunden Busfahrt war ich aber doch ziemlich muede, als wir ankamen.

Malmö ist international, 300.000 Einwohner. Zu viert aus der Universität Würzburg sind wir dann erst einmal losgezogen in ein paar schwedische Pubs. Eine BWlerin, zwei Schweden, wobei einer halbfranzösisch war, und ich. Es dauert eine Weile, bis ich mich entspannt auf Schwedisch unterhalten kann, aber ich bleibe dran, ich möchte nicht ins Englische wechseln, Englisch kann ich schon. Man kommt schnell rein, auch wenn wir oft Haende und Fuesse verwenden. Ich hätte stundenlang zusehen können, wie diese interessanten Menschen sich in dem Pub bewegten. Viele waren sehr tätowiert und hatten Wollmuetzen auf und lange rote oder teilweise blondgefärbten Haare. Das, was ich erwartet hatte, dieses typisch Schwedische, war eigentlich nicht dabei. Aber insgesamt war eine freie, kuenstlerische Atmosphäre. Dennoch hatte ich das Gefuehl, dass ich von einem anderen Planeten komme. Heute fahren wir nach Lund, in diese alte Universitätsstadt, in der bereits die Kinder meiner Uroma studiert haben.
Lund ist eine wunderschöne alte Stadt, ungefähr so gross wie Wuerzburg, 120.000 bis 130.000 Einwohner. Eine sehr freundliche schwedische Dame erklärte uns mit ihrem typischen skandinavischen Singsang (das meine Mutter noch im Deutschen hat nach all den Jahren und ich im Ohr), die Geschichte Schwedens, des Nordens und Lunds. Der grosse Dom Lunds beruehrte mich sehr; meine Urgrossmutter mit ihren Söhnen, als diese um 1900 in Lund studierten, musste hier gewesen sein. Anschliessend liefen wir durch den mit grossen Ulmen verzierten Herbstpark, besuchten die Philosophische Fakultät und das grosse, weisse Tempel — Hauptgebäude der Universität. Wir assen in der Mensa, und hier fand ich all das typisch Schwedische, kein Wunder bei insgesamt 30.000 Studenten. Ich spuere eine besondere Liebe zu diesem Land. Was das genau fuer mich bedeutet, weiss ich nicht. Die Atmosphäre in Lund und unter den schwedischen Studenten und Professoren ist kreativer oder freier, nicht so hart wie in Deutschland. Das liegt sehr an dem Duzen und dass das Land nicht zerbombt worden war. Ich spuere eine groessere Freiheit und Unschuld und insgesamt weniger Traumata. Abends sind wir in die Oper in Malmö gegangen, in eine Oper Rossinis. Die Wissenschaft ist ein sprachlicher Prozess, sogar fuer meine Ohren.

Musikpädagogik

An der Universität habe ich wegen Magister Musikpädagogik Schlagzeug-Unterricht bei Bernd Kremling bekommen. Es ist sehr interessant, plötzlich eine Cajòn zuhause zu haben. Zwei Djemben, groß und klein, original aus Afrika, habe ich mitgebracht. Bernd Kremling kennt meine Familie. Er sagte, ich hätte eine ausgezeichnete Veranlagung zum Rhythmus. Es gehört viel Energie dazu, einen steady Rhythmus zu spielen an einem Drumset, das groovy ist und einen schönen Klang hat, dazu die wirklichen Rhythmen heraus zu akzentuieren. Die wirklichen Rhythmen wie Samba locker aus dem Handgelenk sind nicht das Problem, sondern der stabile Ghost — Rhythmus im Hintergrund. Rhythmus hat viel Power, es macht mich lächeln und tanzen. Mein Gesicht tanzt mit.

21. Oktober 2009

Tags: , ,

Kommentar verfassen

Surfbrett der Wissenschaft

Es ist für mich ein Wunder, dass ich innerhalb kürzester Zeit gelernt habe, wie man wissenschaftlich arbeitet, also auch wissenschaftlich denkt. Es ist wie eine Sprache lernen: im Schwedischen lernt man auch nicht einfach eine Sprache, man lernt, anders zu denken, sogar anders zu fühlen. Schwedische Schriftsteller zum Beispiel vermitteln ganz andere Grundstimmungen als deutsche, die Literatur ist ganz anders. Und so ist die Wissenschaft eine Sprache. Zunächst schweigt sie an der Kreativität vorbei; es kostet mich viel Demut. Sie ist auf der einen Seite hochinteressant und eine Welt für sich, die voll Sortierung und Logik ist, auf der anderen Seite für mich fast widerlich, da ich mich ständig bemühen muss, mein eigenes Surfbrett auf der niedrigsten Welle zu halten, während ich vor mir das große Meer sehe. Ich habe eher Probleme mit niedrigen Wellen als mit großen Wellen. Große Wellen mögen mich, kleine rauben mir den Nerv, mein Gehirn scheint auszusetzen. Vielleicht ist meine Seele auch in meinem Gehirn? Ich bin froh, Wissenschaftler und Forscherinnen zu kennen, die mir helfen, diese Welt zu erforschen.

Nächste Woche dann Schweden. Ich freue mich. Ich habe viele Kindheitserinnerungen: dass unser weißer Mercedes im Schnee — im Graben — stecken blieb und uns ein Traktor herausholen musste — Baden im See, Pilze sammeln, Oma Pilze in der Pfanne, in ihrem Bett zu schlafen, die Waschküche, die Wälder, die großen Städte, die Kirchen, die blauen Schreibhefte, die Treppe im Haus meiner Oma, schwedische Bücher, der Garten im Haus meines Onkels…

Duo Orgel und Klavier mit Torsten Laux

Das letzte Konzert war sehr schön, Klavier und Orgel im Duo, auch wenn mich die Orgel bei der Zugabe zu Butter spielte. Torsten Laux spielte laut, mein armer Flügel bebte unter der Orgel. Der 100. Psalm machte mir am meisten Spaß.

Die vertonten Psalmen wurden vorgelesen vor dem Spiel. Ich sehne mich sehr danach, auch junge Leute zu erreichen, sie scheinen oft unerreichbar: die breite Masse möchte ich mit der Schönheit ganz neuer und fremder Musik erreichen.

Ich habe mit einem alten Freund Schach gespielt. Es ist möglich, dass einer im Endspiel und der andere noch im Mittelspiel ist und sich das überdeckt. Es ist nicht leicht, eine wirklich saubere, gesunde Partie zu spielen.

Atemschaukel: Duo Orgel und Klavier

Gestern Abend probten Torsten Laux und ich in der Schlosskirche in Düsseldorf, Duo Korg.
Der Flügel ist ein auf die Orgel frisch abgestimmter Gotrian Steinweg-Flügel, gemietet für das Konzert, etwas älter mit leicht gehenden Tasten, zu leicht für meinen Geschmack, ich werde dann übermütig. Ich konnte Torsten oben an der Orgel nicht sehen, und er mich auch nicht unten am Flügel, wo der Altar ist.

Wir spielten blind zu- und miteinander. Das ist auch nicht schlimm, denn wir hatten vorher gut miteinander in Bonn geprobt an zwei Flügeln oder an Flügel und Orgel auf einer Etage. Schlimmer ist, dass die Orgel immer nachhängt, wenn man auf zwei Etagen spielt, also oben und unten, das heißt, es klingt für mich, als wäre sie dauernd zu spät.

Aber ich gewöhnte mich daran. Dass heißt, auch das Publikum wird unten nur in der genauen Mitte der Kirche hören, dass wir zusammen sind. Es geht dabei um Sekundenbruchstücke, aber das ist nervenaufreibend und verwirrend. Es kostet mich Überwindung, frei zu spielen, wenn ständig eine Orgel nachhängt. Dennoch macht diese Kombination großen Spaß, eine Mischung aus alt und neu, aus historisch und modern, Saiten und Pfeifen, vor allem, wenn man improvisiert.

Bei seinen Psalmen gibt es eine Stelle, die wie eine ägyptische Karawane klingt. Es kam mir vor, als schlängele sich die Orgel wie eine Schlange aus dem Korb, während ich als Kamel durch den Wüstenstaub rockte.

Die Atemschaukel, die Herzschaufel und das Herztier Herta Müllers und ihre Schöpfung mit Worten gehen mir nicht aus dem Kopf. Kaum zu fassen, dass diese Kriegszeit kaum ein Menschenleben her ist.

Als ich einem Freund sagte, ich sei die Kurve und divergentes Denken die vierte Dimension, lachte er und sagte, die Kurve solle lieber üben gehen. Ich glaube, es müsste in der Literatur eine wissenschaftliche Abzweigung geben, oder man müsse sagen, Poesie und Kunst sind eine Geisteswissenschaft und auch eine Naturwissenschaft, denn die vierte Dimension lässt sich messen, numerische Begriffe werden in Sprache getaucht.

Es ist dies alles die Symbolik für die Suche nach Wahrheit und Ewigkeit. Ich glaube, dass man diese zeigen kann. Ich weiß, dass es in mehrdimensionalen Räumen manchmal einsam ist, ein Grenzland, da auch die Null unendlich ist und alles in mehrdimensionalen Räumen ins Unendliche konvergiert; da ich nach Unendlich divergiere; aber das Böse kann nicht bis ins Unendliche folgen.

Bonn

Besuche Bonn. Mein Musikerkollege Organist Torsten Laux wohnt in Bonn, obwohl er in Düsseldorf und Bayreuth unterrichtet. In seiner Wohnung steht ein kleiner Ibach-Flügel, ungefähr so alt wie mein Blüthner-Flügel; Bonn war einmal die Hauptstadt Deutschlands, ich finde, das merkt man, es liegt noch dieser majestätisch schläfrige Schleier über der Stadt mit den 300.000 Einwohnern, die man nicht spürt. Ich wohne mitten in der Innenstadt, hinter dem Theater Bonn, hinter dem Rhein. Trotzdem habe ich den Rhein erst einmal nicht gefunden. Bonn ist eine Großstadt wie Nürnberg, und kommt mir doch nicht wie eine vor. In Nürnberg bin ich geboren und zur Schule gegangen; Nürnberg war immer eine Großstadt für mich, ist es immer noch, und mit die schönste Stadt. Gewohnt hat unsere Familie immer etwas außerhalb von Nürnberg in einer ländlichen Umgebung, in einem Dorf zunächst sogar oder dann in einer Kleinstadt an der Pegnitz.
Bonn ist eine schöne Stadt, ohne Zweifel, wenn auch kalt um diese Zeit. Aber ich habe skandinavisches Blut, keine Kälte kann mir etwas anhaben. Ich genoss sogar Sonne und Sturm, obwohl ich zitterte.
In der Rheinlust saß ich dann mit Musikerkollegen; wir philosophierten über das Leben am Theater oder freischaffend oder an der Hochschule, während neben mir geraucht und Schach gespielt wurde. Uli sagte, er habe nicht genügend Killer-Instinkt für Schach. Ich sagte ihm, man kann sich auch Geschichten dabei ausdenken, sein Land zu retten oder für das Gute zu kämpfen, zu befreien. Er fragte mich, wer mein Vorbild sei. Ich gerate dann ins Schwärmen über Mose aus dem Alten Testament, während wir Burger und Sandwiches essen.

Das Orgel-Festival, auf dem Torsten Laux und ich zweimal spielen zusammen, ist mit das größte Orgelfestival der Welt, er ist der künstlerische Leiter.