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3. September 2020

Disposition, Unterwerk, Copula.

Grobgedackt, Koppeln, Spielhilfe.

Zeitz in Sachsen – wunderschön! Schloss Moritzburg und der wunderschöne Blüthner. Die Eule-Orgel in Zeitz (Dom) ist wunderschön. Sie hat auf der anderen Seite eine Zwillingsorgel, so wie Schütz es wollte. Sie sehen exakt gleich aus, mit Schnitzpalmen und Schnitzwerk überall und goldenen Kugeln. Die Attrappe-Zwillingsorgel ist nun innen eine digitale Roger-Orgel (deren Midis leider neu eingerichtet werden müssen). Die richtige Orgel ist rechts: Die wunderschöne, 2002 restaurierte Eule-Orgel mit zwei Manualen und einem straighten Pedal und wunderschönen Zungen. Sie wurde nun wieder zurück-restauriert, weil eine Säule einstürzte und die Orgel stark beschädigte. Dieser Schaden war ein Segen, denn so wurde sie in ihren ursprünglichen Zustand zurück-restauriert. Ganz früher waren beide Orgeln hinten, jedoch der eitle Herzog wollte einen direkt Zugang vom Schloss Moritzbau in die Kirche, die einst Schlosskirche hieß. Er saß mit seiner Familie in der warmen Lounge, während das Volk im Kalten stand im Gottesdienst. Zusätzlich hatte er überall sein Wappen und sein Initialen und Krone im Dom verewigt und den Bibelvers, dass man die Obrigkeit als von Gott ehren soll. Er ließ die Wand einreißen, die Türme mit den Glocken und die Orgeln vorne einbauen. Verrückt, dass die Kronen dieser Herrscher in unseren Zeiten nicht endlich entfernt werden. Manche Herrscher haben nicht verstanden, dass die Verantwortung zu herrschen mit Bedingungen und Charakter verbunden ist. Wird die Ehre vor und von Gott nicht eingehalten, ist der “Herrscher” zu entfernen: Siehe Saul. Siehe Luzifer.

Morgens übte ich an der Merseburger Orgel und nachmittags an der Eule- diesmal nicht in Naumburg, aber in Zeitz. Sie sind wie Feuer und Wasser, wie Tag und Nacht. Völlig verschieden: Die große, romantische, süffige Wunder-Ladegast und die kompakte, edle Eule-Orgel. Auch die Eule-Orgel in Naumburg gefiel mir sehr gut. Aber diese in Zeitz ist mindestens genauso schön; sicher ist die Akustik leichter zu “ertragen”. Allerdings liebe ich die Akustik in Merseburg. Nachts dort üben – herrlich. Aber nach zwei Uhr morgens höre ich Stimmen in den Pfeifen. Einbrecher unten. Dann weiß ich, dass ich aufhören muss.

Die Moritzburg mit ihren Museen und wunderschönen Inneneinrichtungen hat mir sehr gefallen, überhaupt die  Innenstadt von Zeitz. Was auch sehr schön ist: der wertvolle, hochverzierte, mit grünem Marmor bestückte Blüthner-Flügel im Tafelsaal in der Moritzburg, den zu spielen – ich spielte Chopin. Der Tafelsaal mit der herrlichen Decke und dem dunklen Boden – ich liebe Blüthner, den Flügel, das Schließen der Augen und die Klänge, die ich selbst produzieren kann ohne Laden und Maschinen und Knöpfe. Meine Ohren und meine Finger sind meine Registerknöpfe. Es ist mir immer noch unerklärlich, wie man als Organist denken kann, dass der Flügel weniger Klänge hätte als eine Orgel. Nun, da ich beides spielen kann, kann ich die Wahrheit nur wiederholen: Der Flügel hat genauso viele Klänge und Farben und Gesichter wie die große Ladegast in Merseburg.

Viele Wahrheiten habe ich schon vorher gewusst. Aber man glaubte mir nicht, “weil ich ja noch nicht soweit war”. Aber jetzt, wo ich soweit bin, sehe ich: Ich hatte schon zuvor Recht.

Wenn man dann nach Hause kommt, muss man sich doch erst wieder auf die im Vergleich kargen Übeinstrumente einstellen, die bis zuletzt von mir ausgeschöpft sind und nun an ihre Grenzen kommen. Bei manchen Instrumenten kann man eben einfach nicht besser registrieren als es ist, als das, was da ist.

Manche spielen Orgel so unendlich langsam, dass es fast eine Zumutung ist. Da werden Liszt und Beethoven im Schneckentempo gespielt. Übertragen am Flügel wäre das Musikschul-Niveau, 5. Preis Jugend musiziert Regionalwettbewerb. Für manche Organisten heißt Orgel spielen “langsam spielen” – weil sie nicht anders spielen können. Damit erniedrigen sie die Orgel.  Und diese verurteilen am meisten virtuose Spielende – und tun so, als sei alles andere als ihr langsames, langweiliges, unmusikalisches, abgesetztes, in jedem Takt registriertes Spiel kein “richtiges” Orgelspiel. An der Orgel lässt sich Musikschul-Niveau verstecken, denken sie. Und sitzen  im Dom!

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