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Schnitger Huß Ahrend Orgel Stade

ev. St. Cosmae et St. Damiani

Orgelbauer:

Schnitger/Ahrend/Huss

Baujahr:

1669/75/88/1975

Datum des Erstbesuchs:

2018

Disposition und Spielhilfen

St. Cosmae: 3 M, 42 Register, Berendt Huß 1675, letzte Restaurierung: Ahrend 1975 und 1994. HW heißt hier Oberwerk, voll ausgebautes Pedal. Orgelpunkt 4. Italienische Orgel ca. 1780. Ann-Helena Schlüter und Martin Böcker. Historische Huss/Schnitger Orgel. Kirchenmusik in Stade.

Hansestadt Stade (Niedersachsen), sogenanntes „Altes Land“ bei Hamburg: wunderschöne mitteltönige Jürgen Ahrend / Arp Schnitger / Berendt Huß Orgel St. Cosmae und Domiani Stade; 1972-1975 Restaurierung durch Jürgen Ahrend (Leer-Loga). Historische Huß-Schnitger-Ahrend Orgel 1669-1673 in Stade St. Cosmae et Damiani, Ann-Helena Schlüter, Video: Michael Beier, One Point Media Hannover. Dank an Martin Böcker! Ich mag sehr die sinnlichen, ungleichmäßigen Tasten wie Luftschokolade, das Rückpositiv, das Innenleben der Orgel. Wunderschöner Zwiebelturm. Soli Deo Gloria!

 

Rückpositiv I

1 Principal 8‘

2 Rohrflöt 8‘

3 Quintadena 8‘

4 Octav 4‘

5 Sesquialter   II

6 Waldflöt 2‘

7 Sieflöt 1  1 / 3‘

8 Scharff   V

9 Dulcian 16‘

10 Trechter Regal 8‘

 

Koppeln

Schiebekoppel III/II

 

Spielhilfen

– Tremulant für gesamte Orgel

– Glockenspiel (von Manual II aus spielbar)

– mechanische Ton- und Registertraktur

 

Oberwerk II

11 Principal 16‘

12 Quintadena 16‘

13 Octav 8‘

14 Gedackt 8‘

15 Octav 4‘

16 Rohrflöt 4‘

17 Nassat 3‘

18 Octav 2‘

19 Mixtur   IV

20 Cimbel   III

21 Trommpet 16‘

22 Trommpet 8‘

Brustwerk III

23 Gedackt 8‘

24 Querflöt 8‘

25 Flöt 4‘

26 Octav 2‘

27 Tertia 1  3 / 5‘

28 Nassat-Quint 1  1 / 2‘

29 Sedetz 1‘

30 Scharff    III

31 Krumphorn 8‘

32 Schalmey 4‘


Pedal

33 Principal 16‘

34 Subbass 16‘

35 Octav 8‘

36 Octav 4‘

37 Nachthorn 1‘

38 Mixtur   V-VI

39 Posaun 16‘

40 Dulcian 16‘

41 Trommet 8‘

42 Cornet 2‘

Klang und Akustik

Raumfüllend, satt, Klangkronen und dennoch zart, sparkling und brillant und dennoch warm und mit Gravität. In meinem Konzert spielte ich bewusst und auf Ermutigung Martins hin süddeutsche und italienische Musik auf norddeutscher Orgel und Werke, die nicht typisch für mitteltönige, norddeutsche, historische Instrumente mit kurzer gebrochener Oktave sind, wie Mozart, Neue Musik, Schlüter, Muffat, Rathgeber, Knecht, Scarlatti (siehe Videos unten). Norddeutsche Musik auf norddeutschen Orgeln wurde schon tausend Mal gespielt. Viele Organisten sind sehr festgefahren, was Repertoire auf mitteltönigen Orgeln angeht. Ich habe hier 12 Videos aufgenommen und Konzert gespielt.

Ich liebe hier Sesquialtera, Cornet Décomposè und Krummhorn.
Fernweh, Wehmut, Sehnsucht.
Schwedische Musik in Norddeutschland, früher schwedisch besetztes Gebiet.








Persönliche Note

Meine erste Begegnung mit dieser unglaublich schönen Orgel in einem nie zu vergessenden Prospekt war 2018 mit der Orgelklasse der HfMDK Frankfurt während meines Orgel-Studiums in Frankfurt. Eine noch intensivere Beziehung mit ihr bekam ich dann während meines Orgel-Studiums in Hamburg an der HfMT. Ich übte und konzertierte an der Orgel und nahm auf. Wunderschöne helle Kirche mitten in der kleinen Stadt, die nach Meer riecht und nach der großen Weite. Nach Schweden schon. Ich mag die Segelschiffe an den Decken, die Kerzen und Engel und die kleine italienische Barockorgel mit den Vögelchen vorne.

Videos 2021 und 2020: Michael Beier, Hannover

Das Konzert war sehr schön. In meinem Stück konnte ich wiederum Kontraste ziehen zum flötigen Scarlatti, Mozart, Rathgeber. Schön war, dass die Tageslosung der Kirche zufällig Sehnsucht als Thema hatte – genau der Titel meines Stückes. Martin Böcker hat sehr schön gelesen. Worte dieser Art inspirieren mich sehr. Ich konnte mich hinterher in die Orgel versenken.

Wenn man in Cosmae gut spielen kann, dann in Wilhadi erst recht, denn es ist butterweich, dort zu spielen. Das Hotel liegt direkt bei Wilhadi, und ich kann die mächtige, schöne Kirche vom Fenster aus sehen.

Musik ist Leben und nicht Überleben. Kein Formel 1, kein Rasen. Die Orgel vermittelt mir genau das, sie kommuniziert und reagiert. Sie sagt mir, was sie mag und was sie nicht mag. Ich muss hören. Ich liebe das sprechende Spiel. Und dass das Pedal der Dirigent ist. Im Grunde ist es so, als hätte ich lange die Früchte von Bäumen gegessen, die im Garten X stehen (Klavier). Und nun lerne ich die Früchte im Garten Y kennen (Orgel). Die habe ich aus der Ferne immer nur geahnt. Und plötzlich kenne ich beide Früchte und beide Gärten. Sie sind nicht nur verschieden, sie sind konträr. Und genau das, dieses Konträre, eröffnet einen dritten Garten. Dieses Konträre eröffnet einen Garten der Einheit, ein XY. Und daraus ergeben sich unglaubliche Möglichkeiten. Ich stehe noch im Tor. Und es ist schwer. Nicht, weil es aktiv schwer ist. Es ist mehr deswegen schwer, weil es zwar nicht passiv, aber ruhig ist. Ruhig, zart und delikat. Bevor X und Y nicht verbunden werden, stoßen sie sich eher ab. Dieses Abstoßen zu überwinden, das ist das Programm. Ein neues Herz. Ein neues Organ. Neues Blut. Mein Immunsystem muss es annehmen. Dass die Orgel eine solch mächtige Lehrerin sein könnte, wer hätte das gedacht. Sie vermittelt mir eine unglaubliche Ruhe und Majestät, wie ein Baum, wie ein großer Vogel, der seine Fittiche ausbreitet. Sie mag mich. Ich merke das. Ich fühle mich geborgen bei ihr. Sie ist geheimnisvoll, sensibel, zart, flötend, farbig, wunderschön, und sie sagt: Ich habe lieb die Stätte deines Hauses, Herr. Und ja, auch ich habe diese Stätte lieb.

Die Aufnahmen hier in Stade sind sehr schön geworden, wir sind durch ein großes Programm recht schnell durchgekommen: Scarlatti, Bach, Rathgeber, Mozart, Schlüter, Muffat Sohn und Vater, Reincken, Knecht – und Weihnachtslieder. Die Glocken kamen immer im richtigen Moment. Die Dohlen waren leise. Die etwas sperrige Höhe der Tasten ist spannend; und auch der Winkel, in dem man sitzt, vor allem, was das 3. Manual angeht, lässt nur Konzentration zu. Und die kurze Oktave mit all den Konsequenzen darf man nicht vergessen. Und alles zart, damit nichts hängt. Was warm und gut klingt, ist Mendelssohn, habe ich noch nicht aufgenommen. Ich habe den ganzen Tag an der Orgel gesessen. Sie macht süchtig. Hinterher verlässt man sie im Delirium. Auch die italienische Orgel mit den drei Vögelchen hat mir sehr gut gefallen. Wie in Heiligenhafen (200 km von hier) hängt hier ein riesiges Segelschiff von der Decke. Ich fühle mich heimisch, wenn es Meer, Hafen und Schiffe gibt. Dann spüre ich mein Wikingerblut. Morgen Zoom an der Orgel und um 16 Uhr Konzert. Dann darf ich am Freitag die wunderschöne Furtwängler-Orgel in Buxtehude hier nebenan spielen. Ich freue mich sehr. Und dann ab nach Fulda. Es sind so unterschiedliche Orgeln, in Hannover, Hamburg, Stade, Fulda, Buxtehude, Mönchengladbach… es ist für mich ein Erlebnis, diese motorisch zu erfühlen und klanglich zu verarbeiten. Ich merke, dass ich Klänge wie Farben verarbeite.

Wieder in Stade. Schnitger-Love. Mittlerweile ist mir die Orgel vertraut, ich begrüße sie mit zärtlichen Gefühlen. Aber natürlich ist sie mir auch noch fremd. Beides. Vertraut und fremd. Man muss sich erst wieder gewöhnen, wieder einrichten, wo HW (2. Manual) ist: ganz außen, welche Klänge wo im Rückpositiv, wie der Umfang und was nicht geht.. was muss ich arrangieren, ah, die kurze Oktave –

Wir haben später die Zungen gestimmt, die leisen, die ich möchte, also Dulzian im RP und natürlich das besondere Krummhorn im OW (3. Manual). Es ging recht zackig.

Was macht es beispielsweise schwer, an dieser Schnitger Trio-Sonate zu spielen? Es ist die etwas unbequeme Möglichkeit des Sitzens, dazu die nicht leichtgängigen Manuale (was mir ja entgegenkommt) und die noch fremden Klänge, die hinter dem Rückpositiv noch etwas abgewürgt klingen, so, als säße man in einem Tunnel, was natürlich in Alkmaar noch viel stärker ist, die große Schwester, die sehr große Schwester … dort ist das Rückpositiv so riesig, noch größer als in Hamburg, dass man gar nicht mehr das Gefühl hat, mit der Orgel verbunden zu sein, gar überhaupt noch an einer Orgel zu sitzen, man sitzt in einem Spaceschiff, in einer Höhle, in einem Tunnel, in einem Schrank. Und irgendwo in der Vorstellung schwebt eine riesige Orgel in einem, um einen, über einem.

Ich brauche meist Momente mit mir allein mit der Orgel, um mich zu akklimatisieren. Sie ist mächtig und dennoch klein, sie ist rustikal, aber sie ist zart (insbesonders das b1 im Pedal).

Das Hotel ist schön, Stade eine wunderschöne Stadt. Michael hat schon heute Abend alles aufgebaut. Ich bin über Harburg umgestiegen. Ich erinnere mich, wie schüchtern ich der Orgel das erste Mal begegnet bin, 2018.

Gefallen hat mir, was Martin Böcker über Monet und Musik sagte. Je nachdem, zu welcher Jahreszeit man ein Bild malt – zu welcher Tageszeit –  ändert sich das gleiche Motiv sehr stark. Genauso ist es mit Interpretationen vom gleichen Werk. Orgelspielen ist wie Malen. Ich glaube, das ist genau das, was ich liebe an der Orgel. Ich habe eine Gänsehaus bekommen, als er das sagte, denn es spricht mir aus dem Herzen.


5 Antworten auf “Schnitger Huß Ahrend Orgel Stade”

  1. Alexander Abs

    Nun, diese mitteltönige Orgel in Stade verfügt in der Tat über einen ungewöhnlichen Klang, der es sowohl möglich macht, größere Ton- Tableaux aufzuführen, wie auch modernere Werke jeder Provenienz zu spielen.. aber es ist auch, wie eines der Orgelvideos deutlich macht, sehr wohl möglich, moderne Improvisationen hier ohne weiteres wiederzugeben. Eine Orgel mit ungewöhnlich vielen klanglichen Möglichkeiten! In keiner Weise beschränkt oder festgefügt.

  2. Vielen Dank für diesen vorweihnachtlichen Einblick in die norddeutschen Orgellandschaft, fachlich und spieltechnisch perfekt bis hinreißend. Viel Erfolg beim Konzertexamen Studium am Misikkampus Südpol Luzern.

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