Sauer Orgel St. Gertraud Kirche Frankfurt an der Oder / Lebus
ev. St. Gertraud Kirche Oberlausitz (1873)
Orgelbauer:
Wilhelm Sauer op. 348
Baujahr:
1879 / 1917 / 1989 / 2009
Datum des Erstbesuchs:
Juli 2025
Disposition und Spielhilfen
Historische romantische Sauer Orgel ev. St. Gertraud Kirche Hansestadt Frankfurt an der Oder, Brandenburg, Lausitz, 3 M, 36 R
Das mechanische weiße Kegelladen-Instrument mit Barker-Maschine, halb-pneumatisch, wunderschönen Zungen (Posaune, Trompete und Krummhorn) und Löffeltritt besitzt einen Prospekt von Architekt Johannes Otzen. Auf ihr prangt: Friede den Kommenden, Freude den Bleibenden, Segen den Scheidenden.
Ich bin in Frankfurt (Oder) in Brandenburg angekommen. Die wunderschöne Wilhelm Sauer-Orgel in der evangelischen neugotischen St. Gertraud ist so süchtig machend, dass ich mich gestern kaum trennen konnte und bis in die Nacht geübt habe und dann mehr oder weniger von ihr weggezogen werden musste.
Früher gab es eine Crescendo-Walze und ein Tremolo für die Vox humana. Lady Sauer
Die neogotische rote Kirche mit dem Bronzetaufbecken (Taufe) und siebenflammigen Bronzeleuchter von 1376 und dem Marienaltar (Hochaltar Wandelaltar) von 1489, Reliefs, Epitaphen und Tafelbildern aus dem 16. Jh. gehört zum Kirchenkreis Oderland-Spree der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und steht im Park mit Kleist-Denkmälern. Die dreischiffige Basilika ist eine Augenweide.
Leider gab es 1943/1954/1959 schlimme Neobarockisierungen der Disposition durch Sauer (!) mit einem Austausch von 17 Registern im Sinne der sogenannten „Orgelbewegung” und der Neo-„Barockisierung“.
Dadurch wurde die Vielzahl an romantischen 16′- und 8′-Registern durch die Erbauerfirma (!) zerstört!
Sauer meinte es sicher gut, da das Instrument durch Krieg und Vandalismus stark beschädigt war seit 1943. Auch die Schweden sind in Frankfurt eingefallen.
Schrittweise wurde die Rekonstruktion durch Sauer bis 1989 durchgeführt.
2009 geschah dann die wahre Rekonstruktion der ursprünglichen Disposition durch die Orgelwerkstatt Christian Scheffler.
Ich liebe historische Sauer-Orgeln. Es ist meine 21.
I HW
Principal 16′ (1879/1989)
Principal 8′ (1879/1989)
Gedackt 8′
Oktave 4′
Rohrflöte 4′
Quinte 22/3‘ (1943)
Flûte Harmonique 8′ (rekonstruiert)
Terz 13/5‘ (1954)
Mixtur 4-6f (1954)
Trompete 8′ (1954)
II OW
Principal 8′
Rohrflöte 8′
Salicional 8′
Spitzoktave 4′ (1954)
Blockflöte 4′ (1943)
Oktave 2′ (1954)
Sifflöte 1′ (1954)
Terzian 2f (1954)
Zimbel 3f (1959)
Krummhorn 8′ (1959)
III SW
Quintatön 16′
Singend Gedackt 8′ (1943)
Geigenprincipal 8′ (rekonstruiert)
Gemshorn 4′
Gedacktflöte 4′ (1959)
Aeoline 8′ (rekonstruiert)
Vox coelestis 8′ (rekonstruiert)
Tremulant
Pedal
Principal 16′ (1879/1989)
Subbaß 16′
Oktave 8′
Baßflöte 8′ (1943)
Oktavflöte 4′
Mixtur 4f (1954)
Posaune 16′ (1879/1954)
Singend Cornett 2′ (1959)






| Spielhilfen & Koppeln | Koppeln II/I, III/I, I/P, II/P; Tutti I, II, III, P (mit Zungen); Kollektivschweller (Walze), Schweller III als Löffeltritt |
Klang und Akustik

Das poetische Instrument hier in der Gubener Vorstadt klingt berauschend. Vor ihm steht der riesige siebenflammige Bronzeleuchter und der große goldene Altar. Die Akustik ist edel und brillant.
Man darf die Orgel jedoch zurückhaltend spielen, da der Raum ja im Grunde „halb so klein“ geworden ist, denn es wurde eine Zwischendecke eingezogen. Die Kirche ist jetzt nur noch durch eine steile Treppe bzw. durch einen Fahrstuhl zu erreichen, was aussergewöhnlich ist.
Dadurch ist die Kirche heller geworden. Es geschah aber deswegen, weil in der DDR-Zeit Grundstücke der Kirche enteignet wurden. Um Gemeinderäume zu haben, wurde die Kirche sozusagen geteilt. Unten treffen sich die Chöre, Kinder und Gruppen, oben ist die Kirche und ganz oben sind Orgel und Glocken.
Ich mag das Prinzipal 8 sehr im HW I, es klingt wie eine helle kleine Trompete im Diskant. Manche Register blühen erst nach oben hin auf. Ich spielte die Flötenuhren im SW mit dem Löffeltritt (der nach unten eingehängt am Lautesten ist), die Klänge waren so leise, kaum zu hören. Das Krummhorn mit dem Salicional ergibt eine schöne Klarinette.
Die Colletiv-Pistons sind Tutti-Tritte, die schmale Walze ist mechanisch, hier sollte man die Koppeln ziehen und im Fluss bleiben, damit sich nichts verstimmt anhört. Wichtig ist, alle Registerzüge ordentlich durchzuziehen, da sie auf der Hälfte stecken bleiben können.
Das „Singend Cornett“ im Pedal gehört nicht zur ursprünglichen Disposition und wurde leider stillgelegt.
Es war interessant, die Barker Maschine in der Orgel zu sehen, dazu die großen Bälge und den Motor.
Persönliche Note

Mein Konzert an der teilpneumatischen Lady Sauer war sehr schön und gut besucht. 10 € Eintritt. Sie spielt sich butterweich (Barker Maschine). Nur das Pedal ist extrem breit und gestretched, vor allem die Außenkanten, ein echtes „Bauernpedal“, wie man mir sagte. Und ich bin ja eher klein.
Kurz vor dem Konzert haben wir die Zungen gestimmt, die Posaune, die Trompete und das Krummhorn. Christian Scheffler brachte mir noch Cola und einen Burger hoch die letzten Minuten davor. Ich kletterte sogar in die Orgel – zumindest teilweise (Höhenangst). Nach dem Konzert waren wir alle im Blesses Royal etwas trinken, da bereits die Bürgersteige hochgeklappt waren.
Ich besuchte auch die wunderschöne große Sauer Orgel 1901 in der katholischen Kirche in Frankfurt (Oder), die saniert werden muss. Der Wilhelm Sauer & Co, der ja lange seine Werkstatt in dieser schönen Hansestadt hatte (mit dem Wegzug schien die Firma langsam unter zu gehen), baute tolle Orgeln wie verrückt in dieser Gegend.
Zudem die schicke kleine Sauer Orgel in Sieversdorf samt Orgelwerkstatt Scheffler und die neue Silbermann-Kopie von Wegscheider in Güldendorf.





Unten in der Kirche ist auch die Gemeindeverwaltung und das Archiv untergebracht. Orgelinfos kann nur Christian prüfen.
Organ Index schreibt fälschlicherweise Opus 248 – die liegen meist falsch oder sind sehr notdürftig