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Romantische Orgel Drachhausen Spreewald

Geissler Orgel Kirche Drachhausen Peitz Spreewald Niederlausitz

ev. Pfarrkirche (1894)

Orgelbauer:

Conrad Geißler (Eilenburg, Sachsen) Nr. 115

Baujahr:

1895 / 2007

Datum des Erstbesuchs:

September 2026

Disposition und Spielhilfen

Romantische historische C. Geissler Orgel ev. Kirche Drachhausen Spreewald Niederlausitz Brandenburg, 2 M, 15 kl. R, mech. Schleiflade

Wunderschöne große rote Backstein-Dorfkirche mit historischer Geißler-Orgel in Drachhausen, die Kirche ein neugotisch-neoromanischer Ziegelbau aus den Jahren 1894/95 nach Plänen des Cottbuser Baurats, geweiht am 20.12.1895.

Zuvor gab es hier eine Fachwerkkirche von 1513, mit Ziegeln und Turm aus Holz mit 2 Glocken.

Die Taufschüssel von 1761, Altarleuchter von 1781 und eine Kirchenlade von 1819 gingen in den DDR-Zeiten „verloren“.

Weitgehend original aus der Erbauungszeit erhalten sind neben der Orgel auch der Altar, die Kanzel, das Gestühl und die zeittypische, reich dekorierte Innenausmalung. So sind Orgel und Kirche wichtige Denkmäler und Wunder hier in der ehemaligen DDR.

Geissler aus Eilenburg war ein bekannter Meister des 19. Jahrhunderts.

Sein Instrument ist Bestandteil der wertvollen historischen Originalausstattung der Kirche, die auch deshalb gut erhalten blieb, weil der Ort jahrzehntelang in einem Bergbauschutzgebiet lag und vor dem Abriss bewahrt wurde.

Das bedeutete zuerst, dass der ganze Ort einem Braunkohletagebau weichen sollte. Bewahrt wurde alles, weil die „Russen“ (gemeint ist die Armee der einstigen Sowjetunion) nahe des Dorfes einen riesigen Schießplatz hatten. Letztendlich war dieser Schießplatz noch wichtiger als die Braunkohle.

Die Orgel ist ein typisches Zeugnis der mitteldeutschen Orgelromantik. Der Fokus liegt auf einem warmen, grundtönigen und orchestralen Klang, dominiert von zahlreichen Registern in der 8′-Lage wie Prinzipal, Gambe, Salicional oder Gedackt).  Passend zur neugotisch-neoromanischen Dorfkirche baute Geissler in dieser Spätphase Kegelladen, die ein fließendes, dynamisches Steigern des Klangs ermöglichen; doch diese besitzt Schleifladen.

Die Orgel wird von Tino Herrig/Dirk Redies betreut. Tino ist Intonateur bei Scheffler, aber auch freischaffend und für andere Firmen tätig.

Die Disposition ist hier zum ersten Mal im Netz.

Links

Salicional 8 OW

Fugara 4 OW

Manualkoppel

Pedalkoppel

Vacat

Floete travers 8 OW

Quinte 2 2/3 HW

Doppelflöte 8 HW

Bordun 16 HW

Rechts

Principal 8 HW

Viola da Gamba 8 HW

Mixtur 3-4fach HW

Oktave 4 HW

Oktave 2 HW

Blockflöte 4 HW

Prinzipalbass 8 P

Subbass 16 P

Violoncello 8 P

Es ist sehr schön, dass diese kleine romantische Orgel so viele leuchtende 8-Füße hat, auch prinzipalisch, dazu einen 16 Fuß im HW. Weitere Spielhilfen wie Tremulant, Schweller etc. bedarf es gar nicht, sie singt von ganz allein.

Der historische Spieltisch mit Elfenbeintasten und langen Registerzügen ist eine Augenweide. So etwas will ich fühlen und sehen! Keine Neobarockisierung.

Klang und Akustik

Die Akustik ist schön, vokal, rund und samtig trocken. Das Dorf Drachhausen ist malerisch und schön, gepflegte Häuser, ein Drachen, ein Laden, ein niedliches Feuerwehrhaus mit Turm und – ein Wurstautomat, mit frischer Spreewalder Wurst, Gurken, Suppen hausgemacht in Gläsern: Der Automat steht in Turnow, also auf dem Weg von Peitz nach Drachhausen.

Zudem ist hier nah der größte künstliche See Deutschlands: der Tagebausee „Cottbusser Ostsee“ oder Cottbusser Meer, noch nicht gesichert, und die größten Teiche und Karpfenteiche Deutschlands. Und es gibt frischen Fisch rings um Peitz. Die Forelle ist so lecker.

Persönliche Note

Es war sehr schön, hier zu spielen. Ich freue mich, dass die Kirche nicht zerstört wurde in den bösen Zeiten.

Unter der Kirche befindet sich nämlich wertvolle Braunkohle. Daher war die Orgel unter „Bergbauschutz“ – was jedoch ein perfider Ausdruck war, denn die Kirche stand damit zum Abschuss frei. Jedoch die sowjetischen Gruppen hatten hier ihren Übungsplatz, daher durfte der Kirche Gott sei Dank nichts angetan werden. Nun steht sie Gott sei Dank unter Denkmalschutz.

Unter der Gegend von Drachhausen liegt Braunkohle. Zu DDR-Zeiten sollte diese abgebaut und im nahen Kraftwerk Jänschwalde zu  Elektroenergie umgewandelt werden. Deshalb wurde Drachhausen mitsamt der Kirche zum „Bergbauschutzgebiet“ erklärt. Man denkt sofort: Schön, ein Schutzgebiet. Was schön klingt, ist aber überhaupt nicht schön! Das Dorf mit Kirche sollte abgerissen werden.

Die Kirchengemeinde inverstierte nicht mehr in die Kirche. Die sonst üblichen Modernisierungen blieben hier aus.

Heute zum Glück, denn so blieb die Kirche im Originalzustand erhalten.

Dass die Kohle hier nicht abgebaut wurde, kann man durchaus der Armee der Sowjetunion, die in der Nähe von Drachhausen ein riesiges Militärübungsgelände hatte, verdanken.

Die DDR mit ihren Braunkohleplänen traute sich hier nicht ran, Drachhausen blieb stehen. Wär hätte gedacht, dass die Sowjetunion indirekt diese wunderbare Kirche gerettet hat?  Nun steht sie Gott sei Dank unter Denkmalschutz.

Man darf gar nicht zählen, wieviele hervorragende Orgeln und Kirchen mutwillig zerstört, rausgeflackt und Kirchen verbaut, zerstört oder verschandelt wurden. Wo zu viel Geld und die Nase im Wind war. Wo der Zeitgeist anstatt Verstand und Wahrheit dominierte.

In Peitz flog die romantische, große und geniale Dinse-Orgel raus. Sie wurde nicht mal aufbewahrt oder verkauft. Stattdessen kam eine kleine neobarocke Sauer-Orgel hinein, die den Raum nicht füllen konnte. Sie musste ebenfalls weichen.

Auch die hübsche Schuke-Orgel in Leipzig war plötzlich nicht mehr gut genug und wurde verkauft. Genauso auch die Ladegast-Sauer-Orgel. Man wollte eben einen Porsche.


3 Antworten auf “Geissler Orgel Kirche Drachhausen Peitz Spreewald Niederlausitz”

  1. „Auch die hübsche Schuke-Orgel in Leipzig… “ Du meinst die in der Thomaskirche? Ja, ich hatte auch den Eindruck, was aus der DDR war nicht mehr gut genug, wenn die Allianz einen siebenstelligen Betrag springen ließ. Man hätte ja die Schuke mit den Möglichkeiten des westlichen Orgelbaus topfit machen können und, um eine „recht große und recht schöne Orgel“ im Sinne Bachs (und in meinem Sinne) draus zu machen, noch um einen Untersatz 32 ergänzen können. Ann, Du weißt aber, daß 42 der 47 Register der Schuke aus der Thomaskirche jetzt im Fürstenwalder Dom weiter pfeifen?

  2. Spannend! Bei Drachhausen der Zusammenhang zwischen Dorf mit Kirche vor der Bergbauzerstörung mit dem sowjetischen Truppenübungsplatz.

    • Da wunderts mich aber, daß die Kirche von den Druckwellen vom „Russen“schießplatz ganz blieb.

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