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Buchholz Orgel St. Nicolai Kirche Osterburg, Altmark

ev. Stadtkirche St. Nicolai in der Altmark

Orgelbauer:

Johann Simon Buchholz & Sohn (Berlin)

Baujahr:

1825 / 1928 / 2016

Datum des Erstbesuchs:

Mai 2025

Disposition und Spielhilfen

Historische, wertvolle, frühromantische Buchholz Orgel St. Nicolai Kirche Hansestadt Osterburg, Altmark, Sachsen-Anhalt, Denkmal-Orgel, 2 M, 23 R, 6 originale Windladen

Die vollmechanische Buchholz-Orgel von 1825 mit ihrem historisch rekonstruierten Seitwärts-Schweller-Löffeltritt aus Eisen und den 3 Sperrventilen hat mit sehr gut gefallen. Schwergängig finde ich sie nicht, auch nicht mit Koppeln.

Die konsequente, strenge und komplizierte Rekonstruktion von Wegscheider 2016 hat über 400000 Euro gekostet, weil vieles erst bei der Rekonstruktion ans Licht kam, z.B. das Schwellwerk: Es ist kein Jalousie-SW, sondern zwei Schwell-Kästen mit Fenstern, die sich öffnen. Es ist die bisher komplizierteste Restaurierung Wegscheiders.

Allein der Subbass war zwischen 5000 und 10000 Euro, da rekonstruiert, nicht neu.

Sinnlich ist auch, dass die Buchholzorgel per Calcant eingeschaltet wird. So gehört es sich. Es ist ein Schleifladen-Instrument.

Ich mag, wenn ich mich beim Konzert „anstrengen“ muss, heißt, mit Registern hantieren, die teilweise eingehängt werden müssen. Erst dann lernt man die Orgel wirklich kennen mit ihren Klangfarben. Das ist wie Autofahren mit Stick. Setzeranlage ist Automatik-Autofahren. Allerdings macht bei einer Setzeranlage das genaue Festlegen der Farben Spaß.

Es ist meine 6. Buchholz Orgel. Ich spielte sie in Gristow, Stralsund und Greifswald. Diese wurde von Wegscheider (Dresden) rekonstruiert samt Schweller.

Die Berliner Orgelbauer Johann Simon Buchholz und Sohn Carl August Buchholz bauten dieses herausragende, weiße Denkmalinstrument in Sachsen-Anhalt, eine Orgel zwischen den Zeiten.

Das HW in klassischem Aufbau, spätbarocke Klangtraditionen und das OW mit romantischen Charakterstimmen gefallen mir sehr, die Orgel hat eine Fülle im Raum.

Osterburg liegt nahe der Hansestadt Stendal in der Region Altmark.

Kirche Osterburg Musik

HW I

Bourdon 16

Principal 8

Viola da Gambe 8

Rohrflöte 8

Octava 4

Quinta 2 2/3

Superoctave 2

Mixtur 3fach

Trompete 8

OW SW

Prestant 8

Gedect 8

Salicional 8

Viola d‘amour 4

Rohrflöte 4

Nasard 2 2/3

Flageolet 2

Fagott 8

Pedal

Subbass 16

Groß Nasard 10 2/3

Violon 8

Principal 4

Posaune 16

Die große runde rote Kirche ist innen schlicht und hell und grün. Sie riecht angenehm modrig. Sie soll in den nächsten Jahren saniert werden. Der Turm wurde schon saniert. Der flache Prospekt mit Rundbogenfeldern steht ebenfalls unter Denkmalschutz.

Das Klangmonument erinnert mich an die Buchholzorgel in Stralsund und Demmin.

Es ist schön, einen spannenden Fund in Bezug auf Instrumente zu machen. Konsequent restaurierte, klangschöne Instrumente gehören dazu. Handwerk ist doch genial – also top Handwerk kombiniert mit Kunst. Erbauungszustände sind doch heute sehr erbaulich.

Wenn alte, kraftlose, störanfällige Instrumente aus ihrem Schattendasein befreit werden. Viele wertvolle Instrumente wurden leider vernichtet. Pfeifenwerk, Windanlagen, Windladen, Winddruck, Ventile, Schleifen, Kanzellen – all das ist kompliziert, zu rekonstruieren. Orgelbau Kohl hatte 1928 die Orgel pneumatisiert und damit der mechanischen Traktur beraubt.

Klang und Akustik

Die Akustik ist samtig-trocken, da die romanische Kirche gotisch überbaut wurde und der Klang sich in den großen Bögen verfängt. Ich mag solche sprechende Akustik, die wie eine samtig pelzige Zunge spricht. Der Elefant (die Pedal-Posaune) und auch die anderen Zungen haben ihren wundervollen Charme.

Der Klang ist warm, poetisch, ausgewogen, flötig, mit Fagott und Oboe – schlank und expressiv gleichzeitig. Die Register Salicional und Viola d‘amour und die Gamba sind weich und symphonisch.

„Nach meiner Ueberzeugung würde die Herstellung dieser Anlage circa 40 rtl. kosten.“ (C.A. Buchholz in Osterburg 1825)

Persönliche Note

Es war sehr schön, hier in Osterburg, Altmark, zu konzertieren. Die Orgel ist eine Wucht, und so auch der Kantor Friedemann und seine Frau. Wenn ich solche Menschen erlebe, glaube ich wieder an die Kirchenmusik

In ihrer urgemütlichen Wohnung haben wir nach dem Konzert bis in die Puppen über Musik, speziell über Chormusik und Chorarbeit geredet, und dabei Rotwein getrunken.

Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich man an Musik herangehen kann, je nachdem, aus welchem Umfeld und Haushalt, aus welcher Kinderstube man kommt.

Aber alle, die musikalisch sind, oder besser, alle, die innen diesen künstlerischen Drang verspüren, der nach außen will, werden ihren Weg finden, wenn sie aus ganzem Herzen wollen.

Ein Team zu sein, wie dieses wunderbare Ehepaar, ist natürlich das Beste und eine enorme Hilfe. Alleine ist es nicht wirklich möglich – auch mit dem Druck umzugehen und mit den eigenen Wünschen und Ideen, vor denen man sich teilweise selbst schützen muss.

Gnädig und geduldig sein ist auf jeden Fall ein Schlüssel. Und eigentlich auch, sich weniger im Internet aufzuhalten. Was als konzertierende Künstler wiederum schwer möglich ist.

Abgeholt vom Zug wurde ich von Friedemann mit seinem unfassbaren Tandem-Fahrrad mit Anhänger und Schwedenflaggen, und ich sollte mich vorn vor den Lenker setzen, während das Gepäck im Anhänger lag. Die Touristen starrten uns an, als wir so durch die Stadt zur Kirche fuhren. Bei jeder unvorbereiteten Kurve dachte ich, mein letztes Stündlein hätte geschlagen. Danach fragte ich ihn, ob er tatsächlich der Kreiskantor sei. 🙂

Die kleine Hansestadt Osterburg ist der nördlichste Zipfel von Anhalt. Man denkt, man ist in einem Vorort von Hamburg.

Unten gibt es noch eine kleine anonyme Dorforgel von 1860, 1 M, ohne Pedal, frei beweglich. Als ich sie anstellte, verursachte sie einen Kurzschluss und legte kurzfristig ganz Osterburg lahm. Nein, aber immerhin die Kirche. Und das kurz vor dem Konzert.

Ich habe Blumen und leckeres Essen bekommen.


2 Antworten auf “Buchholz Orgel St. Nicolai Kirche Osterburg, Altmark”

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