4 Antworten auf “Orgelkonzert St. Bonifatius Freckenhorst, neue Seifert-Orgel: Lichtphantasien (Bach, Mozart, Liszt, eigene)”

  1. Matthias

    Schon oft ist die dem Hl. Bonifatius geweihte Kirche des ehemaligen adeligen Damenstiftes als das neben der Patroklikirche in Soest charakteristisches und bedeutendste Werk der romanischen Baukunst in Westfalen gerühmt worden. Ihr Weihejahr 1129 können wir auf dem lateinischen Inschriftenband am gleichermaßen berühmten Taufstein im Innern der Kirche ablesen. Fast tausend Jahre umfasst die Geschichte des Stiftes zu Freckenhorst, das, als Kloster gegründet, am Ende des 15. Jahrhunderts in ein freiweltliches Damenstift umgewandelt und 1811 im Zuge der Säkularisation aufgelöst wurde. Die nach einem Brand des Vorgängerbaus errichtete Kirche bildete sinnfällig und weithin sichtbar die Mitte der klösterlichen Niederlassung, so wie sie noch heute die Mitte der Stadt bildet.

    Burghaft fest sind die wuchtigen, fast schmucklosen Baumassen aus unbearbeiteten Bruchsteinen hingelagert. Der Blick wandert über einen kreuzförmigen Basilikabau mit zwei Chorflankentürmen und ein klar gestaffeltes dreischiffiges Langhaus mit einfachen, rundbogigen Fensteröffnungen. Er verharrt dann bei dem gewaltigen Westwerk: Zwischen zwei runden Treppentürmen ragt ein viereckiger Mittelturm auf. Seine einmalige Wirkung erhält er aus der völligen Schlichtheit und Sicherheit des Gesamtgefüges, den in der Höhe dreifach übereinander angeordneten doppelbogigen Schallöffnungen und dem pyramidenförmigen Abschluss mit der barock gewölbtem Turmhaube.

    Bemerkenswert ist auch das Geläut der Stiftskirche mit 12 Glocken. Sieben von diesen Glocken werden mit Motorantrieb betrieben, während fünf Glocken nach wie vor nur mit der Hand geläutet werden können.

    Über dem Untergeschoß des Turmes öffnen sich aus einem ehemaligen Frauenchor zwei von hohen Rundbögen zusammengefasste dreiteilige Arkaden zum Innern der Kirche. Erschien uns die Außenwirkung der Kirche klar und gleichzeitig malerisch, so antwortet ihr nun ein bei aller Einfachheit schöner und bedeutender Innenraum: Bei der letzten Umgestaltung wurde der Charakter einer romanischen Basilika mit sechs längsrechteckigen Pfeilerpaaren, die Haupt- und Seitenschiffe trennen, fast unverfälscht wiedergewonnen. Während Querschiff und Chor schon bei der Erbauung eingewölbt wurde, war das Mittelschiff ursprünglich flach gedeckt und erhielt erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts ein gotisches Kreuzrippengewölbe.

    Belebend wirken auch die drei spätgotischen Tabernakeltürme, Stiftungen jener Äbtissin Maria von Tecklenburg, die das Mittelschiff der Kirche einwölben ließ. Zwei von ihnen, ausgezeichnete Steinmetzarbeiten, sind flächig vor die Abschlusswand des Hochchores gesetzt. Ein drittes erhebt sich in edler Maßwerkarbeit mit seinem gotisch-spitzen Turmaufbau vor dem nördlichen Vierungspfeiler. Am unteren Rand seiner Tabernakelzone kann man einen kleinen Elefanten entdecken, das uralte Symbol der Weisheit und Stärke.

    Zum geschichtlichen Ursprung von Stift und Kirche in Freckenhorst führt die Thiatildiskapelle mit dem barocken Thiatildisschrein im südlichen Querhaus. Bischof Christoph Bernhard von Galen schenkte ihn dem Stift im Jahre 1669. Die Schenkung bezeichnet auch den glanzvollen äußeren Abschluss der Gegenreformation im östlichen Münsterland. In der Hl. Thiatildis aber begegnet uns die als erste Äbtissin eingesetzte Nichte des kinderlosen sächsischen Adeligen Everword. Er und seine Frau Geva gründeten im 9. Jahrhundert das Kloster Freckenhorst.

    Auf einem attischen Profil erhebt sich der Taufstein in Form einer Säulentrommel. Das auf die Kirchweihe von 1129 bezogene Inschriftenband trennt zwei Reliefzonen, während ein Ornamentfries den oberen Abschluss bildet. Sechs Löwen der unteren Zone, in denen das in Bann geschlagene Böse anschaulich wird, tragen widerwillig die Hauptzone mit den bildnerischen Darstellungen der christlichen Heilsgeschichte. Zwischen den Löwen bemerken wir einen Menschenkopf, wohl David in der Löwengrube, als Hinweis auf die Heilsgewissheit. Sieben Bilder, von Säulen getrennt und von reich ornamentierten Arkaden übergewölbt, veranschaulichen in der oberen Zone das von Christus geschenkte Heil, das durch die Taufe zugänglich wird. Sieben ist dabei zugleich die Zahl der Fülle und Vollkommenheit. Ganz auf die wesentlichen Motive konzentriert begegnen uns so folgende Darstellungen: die Verkündung Jesu und seine Geburt, seine Taufe – als Auferstehung Christi in einer Doppelszene, die Himmelfahrt und die Wiederkunft Christi im Weltgericht. ….

    Begegnet uns der im Taufstein das schönste Werk der Kirchenausstattung, so stellen das Gabelkreuz des Münsteraner Barockbildhauers J. W. Gröninger am Abschluss des südlichen Seitenschiffes und die Marienklage des Meisters von Osnabrück im nördlichen Querschiff die bewegendsten Kunstwerke der Stiftskirche dar.
    Im nördlichen Seitenschiff hat seit 1962 der Bronze-Kreuzweg von Heinz-Gerd Bücker seinen Platz und erinnert an das zentrale Glaubensgeheimnis des Christentums: das Leiden und Sterben Jesu.
    Das früher den Ortsausgang nach Warendorf schmückende Kreuz erhebt sich nun, von vielen kleinen Holzkreuzen umgeben, in der Gedächtniskapelle für die Kriegstoten, göttliches und menschliches Leiden in sich einend. Die Marienklage, als Kunstwerk ebenfalls von hoher Qualität in Ausdruck und Gestaltung, vergegenwärtigt auf bedrängende Weise die Qual des Kreuztodes, die Liebe und den Schmerz der Gottesmutter. ….

    Die Kreuzverehrung in Freckenhorst reicht weit ins Mittelalter zurück. Das Heilige Kreuz ist eine silberummantelte Steinform, die mit Edelsteinen geschmückt ist. Der ebenfalls silberummantelte Fuß aus dem Jahre 1763 birgt hinter einem Bergkristall eine 1743 aus Rom beschaffte Kreuzreliquie. Die Freckenhorster St. Bonifatius Gemeinde feiert alljährlich das Krüßingfest in Verbindung mit dem früheren gesamtkirchlichen Fest der Kreuzauffindung am 3. Mai. In feierlicher Prozession begleitet sie das Kreuz, das durch die geschmückten Straßen der Stiftstadt getragen wird.

     

    (Quelle: “Die Stiftskirche und ihr Taufstein,Text: Klaus Gruhn)

  2. Matthias

    Der Ende 2014 gegründete Orgelbauverein wurde zum Motor der Renovierung der Orgel. Im Frühjahr 2016 wurde von der Kirchengemeinde unter Beteiligung des Orgelbauvereins und des Orgelsachverständigen im Bistum Münster, Ulrich Grimpe, die Orgelbaufirma Romanus Seifert & Sohn aus Kevelaer mit dem Neubau beauftragt. Dabei sollten wiederverwendbare Teile der alten Orgel genutzt werden. Letztlich konnte mehr als die Hälfte der Pfeifen aus der alten Orgel in das neue Instrument eingearbeitet werden.  Die Traversflöte stammt noch aus der Vor-Vorgänger-Orgel um 1900. Mit den neu erstellten Pfeifen wurden v.a. die Grundstimmen erweitert und Register aus dem Bereich der Streicher ergänzt. Auch die Anlage der Zungenstimmen (u.a. Clarinette 8´, Horn 16´) sorgt jetzt für eine bessere Tragfähigkeit des Klangs. Mit der Stimme Clairon 4´ als Chamaden-Werk (horizontal angelegte Pfeifen) wurde der Prospekt auch optisch bereichert. Die Windversorgung ist großzügig mit Mehrfaltenbälgen konzipiert. Das Instrument klingt gravitätisch und kraftvoll, aber auch weiche romantische Klänge sind ansprechend zu gestalten. So kann auf diesem Instrument ein breitgefächertes Repertoire dargestellt werden.

    Die neue Orgel mit ihren 2178 Pfeifen verfügt über 38 Register auf zwei Manualen und Pedal. Das obere Manual ist als Schwellwerk eingerichtet. Die elektrische Register- und Spieltraktur mit Setzer-Anlage der Firma Otto Heuss ermöglicht eine flexible Aufstellung des Spieltisches, was bei Konzerten und bei der Begleitung des Kirchenchores genutzt werden kann.

    Als Standort der Orgel wurde das Nord-Querschiff unserer Kirche beibehalten. Durch ein stärkeres Abrücken des Gehäuses von der Wand, verbesserten Winddruck, neue Mensuren und sorgfältige Intonation der Pfeifen wurde im Vergleich zum Vorgänger-Instrument eine deutlich verbesserte Klangabstrahlung in den gesamten Kirchenraum erreicht. Zahlreiche Öffnungen des Gehäuses zur Verbesserung der Luftzirkulation sollen neuerlichen Feuchtigkeits- und Schimmelproblemen vorbeugen. Boden- und Wandarbeiten wurden in enger Absprache mit dem Kirchenvorstand und den Denkmalbehörden in Warendorf und Münster durchgeführt. Gleichzeitig erfolgten weitere bautechnische Maßnahmen in der Kirche zur Verbesserung der klimatischen Raumverhältnisse.

     

    Am ersten Advent 2017 wurde die neue Orgel in unserer Stiftskirche eingeweiht. In nur dreijähriger Planungs- und Bauzeit ist es gelungen, die Orgel und damit „unsere Kirche wieder klasse klingen“ zu lassen. Dass dieses Projekt realisiert werden konnte, verdanken wir vielen Förderern, Spendern, Firmen, Musikvereinen, Chören und den engagierten Mitgliedern des Orgelbauvereins.

    Unsere Stiftskirche und die Orgel sind identitätsstiftende Merkmale für Freckenhorst. Die Orgel ist für alle da. Sie kann mit ihren vielseitigen Klangmöglichkeiten über die gottesdienstliche Verwendung hinaus für alle Musiker und Zuhörer eine persönliche Inspirationsquelle sein.

     

    Seit April 2017 wird das Amt des Organisten und Kirchenchor-Leiters an St. Bonifatius durch Agata Lichtscheidel ausgeübt. Sie wurde in Polen geboren. Nach einem Orgelstudium an der Musikakademie Krakau und in Mainz erwarb sie im Masterstudium an der staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart das Konzert-Examen Orgel und das Master-Diplom für historische Tasteninstrumente. An der Musikhochschule Detmold wurde ihr 2015 das Diplom für katholische Kirchenmusik erteilt. Als Konzertorganistin war sie in mehreren Wettbewerben in Polen und Deutschland erfolgreich. Neben ihrer Tätigkeit als Stifts-Kantorin bereitet sie angehende Organisten im Bistum Münster auf die C-Prüfung vor.

    • Matthias

      I. Hauptwerk C – g3

      1. Bordun 16 ‘
      2. Principal 8 ‘
      3. Viola da Gamba 8 ‘
      4. Spitzflöte 8 ‘
      5. Traversflöte 8 ‘
      6. Octave 4 ‘
      7. Rohrflöte 4 ‘
      8. Quinte 2 2/3 ‘
      9. Octave 2 ‘
      10. Mixtur IV – V 1 1/3 ‘
      11. Cornettino III 2 2/3 ‘
      12. Trompette 8 ‘
      13. Clarinette 8 ‘
      14. Clairon 4 ‘

      II an I, Sub II an I, Super II an I

      II. Schwellwerk C – g3
      15. Diapason 8 ‘
      16. Salicional 8 ‘
      17. Vox coelestis 8 ‘
      18. Gedackt 8 ‘
      19. Principalbv 4 ‘
      20. Flauto traverso 4 ‘
      21. Nasard 2 2/3 ‘
      22. Piccolo 2 ‘
      23. Terz 1 3/5 ‘
      24. Mixtur 4-fach 2 ‘
      25. Larigot 1 1/3 ‘
      26. Horn 16 ‘
      27. Trompete 8 ‘
      28. Oboe 8 ‘
      Tremulant
      Sub II, Super II

      Pedal C – f1

      29. Principalbass 16 ‘
      30. Subbass 16 ‘
      31. Quintbass 10 2/3 ‘
      32. Octavbass 8 ‘
      33. Gedacktbass 8 ‘
      34. Choralbass 4 ‘
      35. Posaune 16 ‘
      36. Trompete, Transmission aus Nr. 12 8 ‘
      37. Clarine, Transmission aus Nr. 12 4 ‘
      38.Clairon, Transmission aus Nr. 14
      I an P, II an P, Super II an Pedal

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