Woman/Frauenforschung

Frauenforschung und Netzwerk
für Künstlerinnen, Komponistinnen, Organistinnen, Musikforscherinnen, Konzertmusikerinnen, Autorinnen, Malerinnen,

Frauen im (Musik)business, in der Kirchenmusik und Orgelwelt…

Professionell. Haupt- und nebenberuflich: Netzwerk. Schreibt mir, was ihr erlebt habt und euch auf dem Herzen liegt, in der Männerwelt, in der ihr arbeitet oder zuhause seid, Vorschläge, Gedanken…. an info@ann-helena.de – es wird hier veröffentlicht, wenn ihr wollt, gern auch anonym. Lasst uns connecten und voneinander lernen. Kummerkasten.

Von 2017 bis 2022 habe ich im Rahmen einer empirisch qualitativen Studie der Frauenforschung Einzelinterviews in Musikhochschulen in Deutschland durchgeführt unter Kirchenmusik-Studentinnen und Studentinnen im Fach Orgel, wie sich ihr Studium gestaltet, wie sie sich platziert fühlen, was sie für Zukunftsaussichten sehen und was sie sich beruflich für die Zukunft wünschen. Es ging zudem darum, herauszufinden, wie viele Frauen künstlerisch Orgel studieren. Erste Ergebnisse aus den Einzelinterviews von 2017-2021 zeigen: 86 Prozent der Probandinnen der Kirchenmusik aus Frankfurt, 56 Prozent aus Hamburg, 79 Prozent aus Heidelberg und 84 Prozent aus Würzburg machten sich Sorgen um ihr späteres Berufsleben. In Frankfurt waren es zwei, in Hamburg sechs, in Würzburg eine, in Heidelberg keine, die künstlerisch Orgel studierten. Anbei Transkripte (Auszüge) der Probandinnen und Probanden aus Einzelinterviews aus Frankfurt am Main, Heidelberg, Würzburg und Hamburg. Fragen: Wie fühlen Sie sich beruflich platziert in der Kirchenmusik? Hierzu wurden Frauen und Männer befragt.

Es ist zu erkennen, dass das Selbstkonzept bei Frauen teils negativ ist und Unsicherheit preisgibt, auch und trotz hervorragender Noten und Leistungen, trotz oder gerade wegen Ehrgeiz, während die männlichen Probanden meist ein Selbstkonzept haben, woraus deutlich hervorgeht, dass sie überzeugter von sich selbst sind, selbst wenn sie weniger oder zumindest nicht mehr erreicht oder geleistet haben. Als wäre weiblicher Ehrgeiz noch immer anstößig. Als würden sich Frauen mit einem bewusst schwachen und negativ dargestellten Selbstkonzept vor Männern schützen (Schutzmechanismus, den sie leider verinnerlichen). Das wirklich Erstaunliche aber setzt jetzt ein: Präsentiert sich eine Frau mit starkem Selbstkonzept (selten!), die ihren Ehrgeiz offen zeigt, dann sind nicht wenige Männer im Berufsleben irritiert, neidisch und machen es betreffenden Frauen erst recht nicht leicht im Berufsleben. Daran ist zu merken, dass das angeblich schwache Selbstkonzept von Frauen bewusst (dargestellt) ist und durch und von Männern erwartet und angezüchtet wurde – sprich: gewünscht. Ich habe hier zudem eine Forschung laufen, wie Männer auf mich und andere „offen ehrgeizige und begabte“ Frauen reagieren. Und, was dem Erstaunlichen die Krone aufsetzt: Auch Frauen haben Probleme mit anderen Frauen, die es wagen, sich mit starkem Selbstkonzept zu präsentieren.

Befragte 1 Heidelberg:

“Naja, wie ich mich platziert fühle… Das ist schwer zu sagen. (Pause) Es ist schon das, was ich machen möchte. Ja und es gibt viele Angebote (überlegt), aber besonders in Chorleitung ist es schon schwer für mich, weil … mich durchzusetzen, weil… irgendwie braucht vieles Kraft innerlich und äußerlich… (Pause) Man muss auch schon kämpfen, auch an der Orgel, denn naja mein Lehrer wiegt ja zweimal mehr als ich und sagt, ich soll mehr Kraft reinlegen… der hat leicht reden… (lacht) … Die Konkurrenz ist schon stark männlich, was gute Stellen angeht, nicht irgendwo auf dem Land weil…es ist eine Frage der Bezahlung und wie man leben will. Aber ich bin ja noch erst am Anfang (lacht), ich warte einfach ab.”

Befragte 2 Hamburg:

“Also naja ich wusste von Anfang an, dass ich zusätzlich auch Schulmusik studieren will, weil.. ja also.. die Kirchenmusik sehr … … naja speziell ist… also da darf man sich keine Illusionen machen… wenn man das hauptberuflich machen will… (denkt nach) … Nur das allein.. Ich denke, es ist schon sicherer, das ähm nebenberuflich zu machen. Denn Spaß macht es auf jeden Fall. Ja. Die Sache ist ja halt nur die, dass es auch nicht so gut bezahlt ist außer ähm an den richtig guten Stellen, und die haben dann doch ähm schon vor allem … (lacht) … naja die Männer… Warum weiß nicht. Ob ich mir direkt Sorgen mache, weiß ich nicht, ob ich es so formulieren würde, aber ja, schon auch.”

Befragte 3 Hamburg:

“Hm. Mein Vater ist Pfarrer in der evangelischen Kirche. So ich weiß schon wie ähm Kirche geht und funktioniert. Das muss man ja ähm schon gut kennen, wie da die Regeln sind, auch die unausgesprochenen, und was gar nicht geht. Ich liebe Musik und sehe da meine Aufgabe. Für draußen bin ich nicht gut genug (lacht) … glaube ich ähm zumindest, aber hier … naja in der Kirchenmusik, da passe ich schon eigentlich gut hin. (Pause) Wie meine Chancen auf später sind, weiß ich noch nicht genau, ja das steht in den Sternen. Also in Frankfurt sind wir also von 47 auf 13 Studierende oder so geschrumpft, ähm ja es müssten überall gute Stellen und ja Chancen geben. Allerdings bauen die Kirchen auch ab, was ich sehr krass finde. Es wird eher immer schlimmer aufs Ganze gesehen. (Hustet) 

… Und da die Kirche doch noch recht … konservativ und autoritär ist … vielleicht wollen die lieber einen Mann, der sich besser verkauft? (lacht) Ich wirke halt immer noch eher sehr jung und unsicher. Es ist leider noch immer ein Unterschied, ob eine Frau dünn ist oder ein Mann. Oder noch schlimmer, dick (lacht). Da kann man sich schon Sorgen machen.”

Befragte 4 Frankfurt:

“Ich habe lange in Chören gesungen, bevor ich selbst Chorleiterin werden wollte. Mir hat das immer gefallen in einem Chor. Ich habe auch sehr gute Noten hier im Studium. Überall eigentlich. Schon in der Schule. Fast alle Chorleiter waren Männer, außer im Opernkinderchor und in der Schule, da waren es ältere Damen, die den Chor geleitet haben. Also bei den Kids waren es Damen, bei den Erwachsenen eher Männer, die den Chor geleitet haben. (Überlegt) Klar dass ich weiß, dass es eben wenige männliche Sänger in Laienchören gibt, fast keine, und deswegen … und dass es dafür eher viele ältere Omas gibt in den Chören, die singen, und auch junge Frauen, und dass alle diese Damen wollen lieber einen männlichen Chorleiter (lacht)… eine ähm Art Schwiegersohn vielleicht (lacht), den finden sie süß und auf den sie hören wollen lieber, dass gefällt ihnen besser, so ein junger Mann, mit dem sie ein bisschen flirten können jaja … die meisten Frauen sind in einem Chor ohnehin zickig genug untereinander… Man braucht ein großes Geschick für Sängerinnen.”

Befragte 5 Hamburg:

“I plan to go home to my country after my studies here in Germany. Because the german language is still very difficult for me I think it is easier for me to find work back home in my country. … I hope at least. And it is also very difficult to find a job here in Germany if you do not speak very well german, and that is why I study basically just only organ, I do not study Kirchenmusik.”

Befragte 6 Würzburg:

“Tja also für mich ist auch sicher, dass ich in die Schule gehen werde. Da bin ich einfach besser aufgehoben, denn… Da ist es sicher, auch mit der Bezahlung. Ähm. Und Frauen in der Schule sind ja völlig normal. Aber Frauen in der Kirche? (lacht) Vor allem in der katholischen Kirche, da glaube ich nicht, dass ich auf Dauer glücklich wäre. Daher habe ich die Orgel und ein bisschen Kirchenmusik eigentlich nur drangehängt, sozusagen aus Interesse ja, also weil ich mehr über Orgel lernen wollte und auch mehr über Chorleitung. Aber mein Hauptfokus war immer die Schulmusik. Alles andere würde mich zu sehr stressen.”

Befragte 7 Heidelberg:

“Zuerst habe ich nebenberuflich in der Kirchenmusik gearbeitet. Das war eigentlich immer schön. Die Leute auf dem Land waren immer froh, dass ich da war, dass jemand überhaupt was übernommen hat, ich habe den Bläserchor geleitet und sogar da mitgespielt, wo zuvor nie Frauen dabei waren, das war für mich ganz selbstverständlich, und das auf dem Land, wo die Rollenverteilung doch sehr … noch… wie soll ich sagen .. noch eher altmodisch und starr ist. Aber es änderte sich schon, als ich es studieren wollte, als ich überlegte, es zu studieren – das ist einfach etwas total anderes, wenn man es hauptberuflich macht, dann ist es kein Hobby mehr, dann sehen die Leute einen anders, und es geht gleich um ein anderes Niveau. Man wird eher beurteilt und auch verurteilt, und ähm.. diese Lockerheit war nicht mehr da. Ich hoffe, dass es sich ändert, dass ich mich wieder gut fühle mit der Idee, dies beruflich wirklich durchzuziehen. Ich bin noch am Überlegen.”

Befragter 8 Frankfurt:

“Kirchenmusik war echt schon immer das, was ich machen wollte. Bin zwar nicht gläubig, schon, aber für mich gehören Kirche und die Bibel einfach eigentlich zur Kultur dazu. Also ich habe lieber mit Menschen zu tun als nur mit der Orgel (lacht). Daher liegt mir die Chorleitung. Darauf kommt es später sowieso an. Die Orgel ist nur Zusatz. Dass man Chor-und Projektorchester leitet und die Leute bei der Stange hält. Also darauf kommt es später an, denke ich. Und dass man Drittmittel und so weiter einfährt. Und mit der Stadt diskutiert und so. Um das alles zahlen zu können. Und die großen Dinger aufführt. Ja. Und daran bleibt. Naja. Und dass man gute Sänger zahlen kann. Weil man meistens in der Kirche keine hat. Also gute Sänger. Da muss man dann schon gute Sänger einkaufen können. Naja. Also je nachdem wo man landet. Daher lege ich meinen Fokus nicht so sehr auf die Orgel momentan.”

Befragter 9 Heidelberg:

“Um eine richtig gute A-Stelle zu bekommen, da braucht es schon viel Durchsetzungsvermögen. Da hat man dann ja sein Büro und muß mit ne Menge Leuten ständig rumeiern und rumdiskutieren und organisieren und kommunizieren und … Zum Üben kommt man da eh nicht mehr. Jetzt oder nie. Weil. Man muss ja tooootal viel auschecken und organisieren. Wer wann was macht und wo. Wann wer wo ist. Termine. Schüler. Sänger. Pfarrer. Chor. Vertretungen. Ich seh das ja an den Kollegen. Was die da machen. Mann. Das ist vor allem Bürokratie und Diplomatie, sonst ist des alles Streit und Chaos. Also da seh ich mich schon.”

Befragter 10 Hamburg:

“Klar, ich würde schon gern auch nur von Kunst und Musik leben, aber das ist schwer. Ich freue mich daher auf ein Berufsleben in der Kirchenmusik und ja rechne mir da gute Chancen aus. Die Profs hier sind jedenfalls sicher, dass ich es gut machen werde und es macht mir auf jeden Fall Spaß, mit Menschen und mit Leuten und mit Laien zusammenzuarbeiten und so. Und auch ein bisschen Boss zu sein. (lacht) Und ich mag es auch, Verantwortung zu haben, zu organisieren und so weiter und was Cooles auf die Beine zu stellen und eine Gemeinde da voranzubringen. Die Orgel ist ja auch nicht gerade das leiseste Instrument, man braucht für so eine Stelle schon insgesamt Power denke ich schon. Ja. Denn so verschlafene Kirchgemeinden, wo gar nichts mehr geht, das ist schon traurig. Da will ich schon was anleiern. Ich mache mir da jetzt schon Gedanken, wie. Ich beginne bald mein Praktikum und möchte da so viel wie möglich lernen.”