Was ist dieser Klang, der dir Heimweh macht? (Ingeborg Bachmann)
Mir gefallen die unterschiedlichen Klangproduktionen und die unterschiedliche Mechanik von Tasteninstrumenten. Die Saiteninstrumente faszinieren mich besonders. Das Cembalo ist im Grunde auch eine Art Zupfinstrument – aber nicht wie Gitarre oder Harfe direkt an den Saiten, sondern indirekt. Das Clavichord mit seinen Quersaiten aus Metall wird dagegen nicht gezupft. Hier besteht eine direkte Verbindung. Dynamik und Volumen und Bebung kann man erzeugen, durch das Plektrum, Tangente genannt. Die Saite wird angestoßen. Dadurch ist das Clavichord dem Klavier ähnlicher. Beim Cembalo mit seinen Längssaiten aus Metall wird die Saite angerissen. Dynamik und Volumen sind daher schwer möglich. Im länglichen Springer befindet sich das Plektrum, Kiel genannt, und die Zunge. Der Kiel muss zugeschnitten werden und ist heute meist aus Plastik, früher aus Vogelfeder oder Leder.
Ein gebundenes Clavichord (weniger Saiten) mit angehängtem Pedal kostet um die 18.000 €, ein ungebundenes mit zwei Manualen und freiem Pedal (ein extra Clavichord, ein Bass-Clavichord) kostet um die 60.000 €. Was die Stimmung angeht, ist ein Clavichord viel stabiler als ein Cembalo, was man gefühlt ständig stimmen muss. Bei einem gebundenen Clavichord ist nur eine Stimmung möglich, meist Richtung Silbermann, also Richtung mittelttönig.
Ich wünsche mir sehr ein Clavichord, wie Bach eines hatte: ungebunden mit zwei Manualen und freiem Pedal. Aber auch ein gebundenes mit angehängtem Pedal finde ich wundervoll und freue mich, wenn ich eines habe, aus den Niederlanden.
Die Füße auf dem Pedal sind für mich wie Saugknöpfe. (AHS)
Ich freue mich auf die Konzerte in Mönchengladbach und Schweden.
Wenn ich die Passacaglia c-Moll übe, dann bekomme ich Gänsehaus beim Üben, obwohl es doch noch nicht rund läuft, da neu. Es ist einfach die Komposition an sich, die mich völlig fasziniert. Ein Werk mit Universen, Monden und Sternen. Ich finde die Anfangszeit mit einem neuen Werk entscheidend, ist das Schönste, das Schmackhafteste, ist der Spargelkopf. Auch meine erste unschuldige Anfangszeit mit der Orgel möchte ich mir bewahren. Die erste Liebe. Es ist/war eine so kindliche, zärtliche Annäherung, die ich mir für immer bewahren möchte. Ich bin oft entsetzt über die lieblose, abgestumpfte, arrogante, blinde, harte, nüchterne “Beziehung”, die manche mit ihren Instrumenten nach einer Weile haben und dies professionell nennen. Es ist einfach schmutzig und unrein. Das Kindliche muss bleiben, ist kreativ. Ich glaube, dass Bach auch etwas Kindliches hatte. Genau wie Gott. Das Harte fehlt. Ich kann das an Tieren sehen, an Bäumen, Blumen, an Wolken, an Kindern, an allem, was schön ist, an Bachs Musik. “Professionell” kann in der Kunst sehr negativ sein. Oft ist es tot und unkreativ.
In Bachs Passacaglia blinkt das Thema auf wie ein Lichtstrahl durch dichte Wolken auf, buchstäblich. Es hat beinahe etwas Magisches, da das Thema meist irgendwo ist für den Hörer, ungreifbar, unten, oben, überall.
Ich liebe es, wie die Variationen überlappend ineinander übergreifen, diese Verschränkungen. Wie Bach musikalisch Drama versteht und komponiert, wie er also das Dramatische komponiert, gefällt mir am besten. Er komponiert Dynamik aus, Virtuosität, Verdichtungen, Crescendi – all das ist atemberaubend. Aber wie er Drama auskomponiert – das ist für mich das Atemberaubendste: Dass und wie er unerwartet Akzente und Crescendi auf die unbetonten Zählzeiten bringt, die ins Leere laufen, ins Nichts; die kraftvollen Pausen; dass er das Thema auch in Brummkreiseln bringt, die im Kreis drehen, die oszillierenden, schwingenden Variationen – man weiß nie, was als nächstes passiert – dann wieder Drehfiguren ohne Kontur, die das Thema umspielen, ein herzzerreißendes Seufzermotiv sechsmal in drei Takten (!), aus dem Nichts plötzlich 5-stimmig bei dem Genauen – steigend, absteigend, dann beides zusammen, was freche Harmonien ergibt, süffige Dissonanzen, alles genau geplant, dann das intensiv Auftaktige – majestätische Fanfaren – alles spitzt sich zu zur Fuge – und inmitten diesem allen leuchtet immer wieder das Thema auf, wie eine stabile, profilierte Botschaft, Lichtstrahl durch Wolken und Geflecht. Und in all dem dieses Persönliche, sein Gefühl. Die Musiktheorie wird nicht nur Kunst, sondern wird Gefühl. Viel mehr Persönliches als das Galante, wenn auch versteckt – was nicht bedeutet, dass Bach, auf sensible Weise, Galantes in seiner Musik nicht durchaus verwoben hat. Obwohl die Passacaglia nicht an Fahrt aufnimmt, keine Binnen-Agogik hat, nimmt sie doch durch ihre Dramatik an Fahrt auf.
Die Art, wie Bach mit dem Bass umgeht. Mit Bass. Ja, die Orgel ist Bass. In vieler Hinsicht. Von unten alles aufgebaut und geschichtet. Der Bass, dem sich alle Stimmen unterordnen müssen. Mal Thema, mal Fundament, mal Harmonie. Das ist das, was mich anzieht. Auch die Art, wie Bach mit den Regeln der Musikheorie umgeht. Bei ihm wird das Trockenste und Simpelste und Komplexeste gleiche Kunst. Dominante und Tonika Neapolitaner. Nie habe ich eine schönere Dramatik gesehen und gehört. Selbst wenn ich wie ein Storch noch vorwärts stake, bin ich voller Gänsehaut beim Üben. Bei Bach macht alles Sinn.
“Gut abgesetztes Legato” – so etwas gibt es nur an der Orgel.
Was mich wundert ist, dass das ganze Leben politisch ist. Alles scheint Politik zu sein. Ich habe zufällig in das Buch von Helmuth Kohl (“Tagebücher”) hinein geschnuppert. Er schreibt, dass es das System der Seilschaften (von Männern erfunden) gibt. Er schreibt, dies kann sehr gefährlich und negativ sein. Ich weiß noch nicht recht, wie ich mich damit arrangieren soll.
Natürlich gehört zum Lernen auch Wollen, Mut und Demut. Ich glaube, viele sind nicht demütig genug und zu feige, ab einem bestimmten Alter Neues zu lernen. Ich meine, wirklich Neues. Besonders die im System der Seilschaften.
Habt keine Angst. Öffnet die Grenzen der Staaten weit für Christus. (Pabst Paul II.)
Das, was man lernt, ist wie Gold in einem innen, das kann einem niemand mehr wegnehmen. Manchmal ist der Preis dafür hoch, ich meine an Zeit, Kraft und Opfer – und weil manche komisch schauen oder einem Hindernisse in den Weg bauen. Aber umso mehr glänzt alles, umso wertvoller wird alles, genau durch diese Steine, die manche in den Weg legen. Trotz all der Hindernisse bin ich so dankbar, was ich lernen darf. Als würde jemand von oben alles dirigieren (was manchmal wie ein Chaos aussieht). Und Corona hat nichts davon aufgehalten, im Gegenteil, intensiviert. Natürlich gibt es Menschen, die an Lernen ohnehin nicht sonderlich interessiert sind. Aber Lernen ist für mich mehr als Lernen. Es ist Wissen, Weitergeben, Kennen, Verstehen. Erkennen.
Ich finde, meine ausgewählten Bachstücke sind eine perfekte Mischung, G-Dur, F-Dur, d-Moll, c-Moll. Wie kann man es besser treffen? Die Triller sind rund, die Sechzehntel ruhig und eine durchlaufende Kette, die Achtel mit Richtung, das Pedal zwingend und dennoch brillant und weich, die Triolen ausgeruht, dicht und fließend – ich brauche drei Köpfe. Alles muss unabhängig sein.
Sowohl an der Orgel als auch an Cembalo und Clavichord (und anderen Saiteninstrumenten) ist vieles herumgedreht zum Klavier: Die ruhige Art zu trillern beispielsweise. Der Daumen spielt bei weitem nicht die Rolle, die er am Flügel hat, im Gegenteil: Am Clavichord und auch an der Orgel ist man weit vorn an den weißen Tasten, nicht innen zwischen den Tasten, und man vermeidet 5. und Daumen auf schwarzen Tasten, vor allem auch bei Trillern und Sprüngen. Denn dies beeinflusst die Artikulation. Auch die Fingeraufteilung ist anders, ganz zu schweigen von altem Fingersatz. Und dass man im Nachhinein noch definieren kann, wie ein Klang war! Im Grunde spiele ich Orgel mit dem Mund, als würde ich mit den Fingern blasen. Ich forme den Ton. Und die Orgel sieht mich dabei mit Katzenaugen auf den Pfeifen an.
Ich lese gerade Bücher über den polnischen Pabst, sehr interessant.
Ein Musiker sagte mir, es sei schön, dass ich in der traditionellen und geschichtsträchtigen Handwerksstadt Nürnberg geboren wurde, eine “deutschere Stadt gäbe es nicht”, und das als Schwedin, bzw. als Schwedisch-Deutsche. Und mein Papa aus Torgau – eine besondere, geschichtsträchtige Stadt, Luther und Co. “Eine schöne Mischung”.
Eine Dissertation schreiben ist für mich wie eine Verdauung: Man verdaut die Texte, die man liest. (AHS)
Das Interview in Darmstadt ist nun am 22.7. Und das Streaming-Concert am 5. Juli in Marktheidenfeld St. Laurentius, Streamstart 19 Uhr, ich gebe noch genauere Infos.
Ich liebe bei L’ascension besonders den 4. Satz und den 2. Ich finde es auch erstaunlich, wie Messiaen mit dem Transport der Freude (Freudenausbruch der Seele) Freude in Musik ausdrückt: Dieses sein Faible für Zungen.
Wenn die Orgel-Videos aus Würzburg Teil I fertig sind, poste ich sie.
Bach schwingt zwischen Kadenzen und Höhepunkten, zwischen Abkadenzieren, das meist gleichzeitig ein neues Hochschwingen, neue Anläufe und kein Ende meint – dem manchmal beinahe unerträglich langem Nichtabkadenzieren; er schwingt zwischen lebendig Festlichem und Weichem. (AHS)
Es regnet in Strömen, aber das mag ich gern. Außerdem steigt die Luftfeuchtigkeit enorm, wenn ich die Balkontür aufmache. Die Instrumente baden und glucksen vor Freude.
Ich mag sehr Messiaens Orchesterfassung L’Ascension. Der Zungenklang im Orchester. Das ist tatsächlich eine ganz andere klangliche Vorstellung als ich normalerweise am Klavier hatte. Es gibt keine Zungen am Klavier. Das gibt es wirklich nicht. Daher fand ich Zungen erst mal nicht attraktiv. Aber jetzt schon. Sehr. Es ist, als hätte ich durch die Orgel neue Sinne erhalten. Neue Geschmacksnerven. Messiaen hat dazu beigetragen.
Ich freue mich auf die neuen Orgel-Aufnahmen und dass das Reisen langsam wieder los geht. Fast muss man sich an das erneute Reisen wieder gewöhnen. Ich freue mich auf die Beethoven Klavierabende, die Interviews und auf Marktheidenfeld. Es macht Spaß, an Orgeln zu improvisieren, wenn man mit Tastenfesseln einen Hintergrund legen kann und darüber mit spanischen Trompeten oder mit Superkoppeln Rhythmen zaubern kann. Kreativität ist viel sportliches Auspowern für mich. Ich brauche das ab und zu, sonst platze ich – wie Leute, die unbedingt joggen gehen müssen.
Erstaunlich, wieviele von den Hobbymusikern oder Semiprofessionellen den Beruf der Musiker und Künstler als den härtesten der Welt abtun, etwas, von dem man nie leben könnte – was eine Lüge ist, offensichtlich. Man muss jedoch wirklich die Berufung dafür auf sich nehmen, sehr fleißig sein und das Leben lang daran feilen. Jedoch für viele ist dies alles nur ein Hobby in der Freizeit. Das ist eine ganz andere Geschichte.
Es geht beim Musikersein nicht um Beruf allein, sondern eben um Berufung.
Eine Berufung ist nie ein Hobby. Das schließt sich aus.
Es geht beim Musikersein nicht um Beruf allein, sondern um Berufung. Eine Berufung ist nie ein Hobby. Das schließt sich aus. (AHS)
Nun schreibe ich den 13. Juni auf den letzten Drücker. Es war ein schöner Tag mit schönen Orgel- Aufnahmen. Es ist sehr interessant zu sehen, was auf einer Orgel geht und was nicht. Auch gerade was nicht geht, bringt einem die Orgel näher. Jede Orgel hat ihre Eigenarten, ihre Stärken und Schwächen, genau wie ich. Die Hoffmann-Orgel in Heidingsfeld mit ihrem leuchtenden Licht gefällt mir sehr gut, und Ludwig alias Lingualpfeife hat diese Orgel mit seinen Videos berühmt gemacht, und die Leute pilgern hierher.
Auch die Hochzeit in St. Kilian Bad Windsheim war sehr schön. Eine tolle große Orgel, ganz anders als die Hoffmann-Schindler-Orgel – es macht Spaß, jeden Tag eine andere, neue Orgel-Persönlichkeit kennenzulernen und sie automatisch positiv miteinander zu vergleichen. Dadurch lernt man selbst sehr viel für das eigene Spiel. Es macht mir Spaß, mich an die Orgeln anzupassen.
Überall um die beiden Kirchen herum blühen die Rosen. Ich habe auch schöne Rosen bekommen. Und natürlich waren wir Spargelessen, ich könnte jeden Tag Spargel essen. Fränkischen Spargel natürlich.
Ich glaube, durch das Aufnehmen lernt man auch enorm viel. Ich fokussiere mich ganz anders.
In der Orgel steckt viel musikalische Weisheit. (AHS)
Ich freue mich, dieses WE auf einer Hochzeit und schöne Aufnahmen zu spielen. Ich bin immer noch ganz hin und weg von dem wunderschönen Klang der Clavichorde. Das Massieren dieses Klangs, hier genau die Balance zu halten. Ich muss auch sagen, dass ich alles mit kurzer Oktave wirklich mag und es mich da hinzieht, wie in eine andere exotische Welt, in eine Zeit, die ich sehr gern real und live kennengelernt hätte. Zumindest eine Weile. Diese nicht-gleichschwebenden Tasteninstrumente – mit ihrer Unterschiedlichkeit, ihrer Verletzlichkeit, ihren Grenzen – ein Traum. Wie exotische Pflanzen, die man gießen muss. Cembali mit zwei Manualen, Cembali naturbelassen und mit kurzer, gebrochener Oktave, große und kleine Clavichorde – wie in einem Garten voller Früchte.
Die Kunst war lange schon vor dem Virus in der Krise. Die Viren der autoritären Männerdominanz fliegen schon lange um die Orgel herum. (AHS)
Seltsam, manche Orgeln mischen sich einfach nicht so schön in ihren Farben, da muss man wirklich tricksen. Oder sie besser verstehen?
Was ich sehr an Bach mag ist, dass er Crescendi und Virtuosität ausschreibt, und die Art, wie er das macht. Allerdings sind genau diese genialen Dinge auch die, die ihn komplex machen – denn ausgerechnet gerade die leichten Zählzeiten vor der Eins sind dann die mit ausgeschriebener Intensität und schwer zu spielen und können zum Stocken oder Betonen tendieren. Denn egal wie dicht er wird – der Fluss muss beibehalten werden.
Gerade die Passacaglia c-Moll ist ein solches Kunstgeflecht. Es beginnt beinahe homophon und fängt dann an, nach allen Seiten frei “auszufransen” – und dennoch ist es innen verdichtet, jede Linie zeigt ihren Höhepunkt, die sich wiederum überlappen, ineinandergreifen, es schillert dann überall. Wie hat er sich das alles gedacht?
Weil mich viele nach Übersetzungen gefragt haben von Liedtexten meiner CDs (schwedisch, englisch auf Deutsch):
Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, misere nobis.
Mein Leben ist ein Puzzlespiel, ein Memory-Spiel. Eine Einheit. Wenn ich gestern merkte, dass meine Daumen verspannt sind und mich fragte, warum, erfahre ich schon am nächsten Tag “zufällig” von anderen Menschen und Lehrern, die das gar nicht wussten und denen ich auch nichts dazu gesagt hatte, die Antwort: Ich kontrolliere mit dem Daumen, anstatt andere Finger vorzulassen, anstatt andere Finger zu verwenden. Ich bin sogar mit dem Daumen häufig gesprungen. Nach dem Motto: Der schwere Weg wird helfen.
Nun merke ich, dass man auch kämpfen und siegen kann ohne viel Aufwand. Dass man sich nicht immer anstrengen muss, um erfolgreich zu sein. Im Gegenteil: Der angenehme Weg kann der richtigere sein. Im Entspannen und Relaxen komme ich der Musik und den Schwingungen näher.
Denn Ton und Klang sind immer Schwingung. Und Schwingung und Druck passen nicht gut zusammen. Wenn ich kämpfte, habe ich manchmal Geräusche von mir gegeben wie der Zeichentrick-Maulwurf. Aber das Seufzen und Anstrengen muss nicht immer sein. Ich bin dankbar, dass ich so viel volle Unterstützung im Leben habe von Top-Menschen. Nun, das Umsetzen liegt doch ganz und gar in meiner Verantwortung. Und das ist nicht immer leicht. Manches habe ich mir schon so angewöhnt.
Ich finde es schön, dass Singen und Sprechen sehr nah beinander sind, und wie alles im Körper aufeinander abgestimmt ist. Der menschliche Körper ist ein Universum, ein Königreich, ein Wunder.
Das Quergespannte im Körper: das Fußgewölbe, das Zwerchfell, die Zunge, die Stimmfalte, der Beckenboden – all das hängt zusammen. Wer hätte das gesagt, dass Kehle und Becken zusammenhängen! Unfassbar! Und dann beispielsweise diese Kehle. Dass man sie spüren kann. Dass man weiß, wo sie ist, ob sie tief oder hoch liegt, und dass ich sie fallen lassen kann, dass sie tief sein darf und soll, um sich zu entspannen. Ich habe meine Stimme zu viel “im Kampf” eingesetzt, dabei bewusst auf Klang verzichtet, eher auf Druck gesetzt, die Kehle zur Faust geballt. Aber das muss nicht sein, denn dadurch kommen Stimme und Kehle viel zu hoch. Es ist so viel schöner, sich zu erinnern, wie nah das Sprechen am Singen ist, und wie schön das Schwingen ist. Die “Ich-Stimme” zu finden (meist viel tiefer). Den Übergang von Singen zu Sprechen und umgekehrt. All das aber ist verbunden mit der Seele. So wie ich meine Kehle spüren kann, wo sie liegt, wie hoch oder tief sie ist, ob ich sie fallen lassen kann, so kann ich spüren, wo und wie meine Seele liegt. Das alles ist ein Wunder. Ich staune. Das heisst, dass Sprechen, Singen, Spüren, Reiten, Spielen – all das hängt zusammen. Was sehr hilft, um weicher zu werden im Becken, was ja für das Reiten unerlässlich ist, und auch an der Orgel, ist Singen, Atmen und die Kehle fallen lassen. Das steht sicher in keinem Reitbuch. Aber in der Gesangstunde und im Feldenkrais erfährt man so etwas. Es macht Spaß, sich nicht mehr auf die Konsonanten zu stürzen, sondern auf die Vokale, und plötzlich schwingt die ganze Welt, überall ist Klang. Alles ist eine Einheit.
Vibrieren, Kauen, Massieren vom Nacken, Brummen – das Auffangen der Kräfte wie Konsonanten, wie die Dissonanzen – das ganze Leben ist ein Puzzlespiel. Ich übe und denke nach, ich lese etwas von Verhandeln, mein Kopf verbindet das, was ich lese mit dem, was ich von Dissonanzen erfahren habe, und das wiederum erinnert mich an das Auffangen, was ich beim Sprechen und Singen lerne, das wiederum erinnert mich an das Reiten, und Ausgangspunkt von all dem ist die Musik. Ich lese etwas von Räume öffnen im Verhandeln, höre gleichzeitig “zufällig” von Räume öffnen in Feldenkrais (Daumen, Mundhöhle, Becken) und im Gesang (Oberkörper, Mund, Kehle, Schwingung) und Reiten (Becken, Durchlässigkeit) – alles ist eine Einheit. Dass Fersen und Oberkörper zusammengehören ist dabei nur noch die Krönung. Als hätte sich alles abgesprochen, eine Einheit zu bilden. Merci!
Manchmal denke ich, es kann nicht sein, dass ich für 5 Tage zwei Stunden brauche.
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Wir tragen in uns die ganze Musik. Sie ruht in den Tiefenschichten unserer Erinnerung. (Emile Cioran)
Mein neues Stück in Bad Windsheim an der schönen großen Orgel in St. Kilian – es hat Spaß gemacht. Es heißt VIREN. Ich weiß, es ist vielleicht etwas ausgeflippt, aber ich suche noch, aus den Schubladen herauszukommen. Das musikalisch Thematische sind hier die Repetitionen. Es ist für manche crazy, für andere “normal”. Ich hoffe, es ist gut crazy.
Sehr mag ich (seine damals sicher revolutionären) Stücke L’Ascension (Auferstehung) und Nativite. Gern hätte ich Messiaen kennengelernt. Was er wohl von mir gehalten hätte? Seine Stücke sind Klangstücke, die Kunst der Langsamkeit oft. Das liegt mir. Ich mag die Extremen. Sowohl sehr langsam als auch sehr schnell. Die geschmeidige Freiheit im “strengen” Rhythmus kommt erst später. Er selbst hat seine Werke ja noch mal ganz anders gespielt, eher improvisiert, was typisch für Komponisten ist, siehe Widor, Rachmaninoff etc.
Es ist doch erstaunlich, dass ich Messiaen erst an der Orgel entdeckt habe, nicht am Klavier.
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