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Tur Blogg

28. Juni 2020

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Ich glaube, dass sich kaum jemand die Zeit nimmt, die oder der zu werden, der er ist. Und all die Menschen, die nicht sie selbst sind, verletzen die wenigen, die sich diese Zeit nehmen. (Sean Penn)

Manchmal kommt mir manche Liszt-Passage wie fröhlicher “Kindergarten” vor, aber schwerer Kindergarten. Ad nos ist doch ein ziemlicher Rattenschwanz, vor allem bei der Fuge angekommen. Gut, dass ich schon seit Kindheit trainiert bin, lange Werke zu spielen, Brahms etc.  – 40- Minuten-Sonaten mit 12 Jahren.

Erstaunlich finde ich, dass Bach Orgelwerke meist in zwei Systemen geschrieben hat. Und Buxtehude hat sie gar nicht aufgeschrieben. Der Name Orgelbüchlein ist jedenfalls falsch. Es müsste Orgelschatz heissen. Oder besser, Choralschatz.

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27. Juni 2020

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Wer immer nur tut, was er schon kann, bleibt immer nur das, was er schon ist. (Henry Ford)

Das stimmt. Ich kenne Menschen und hatte Lehrer, die immer nur das taten, was sie schon “konnten” – die sich wunderten, dass ich etwas Neues machen und lernen wollte. Einer davon war davon so irritiert, dass er Ghosting gegen mich anwandte. Passive und faule Menschen sind manchen lieber als unkonventionelle. Vielleicht weil sie selbst faul und passiv sind. Im Grunde sind Menschen, die immer nur tun, was sie schon können und andere ghosten, wenn sie mehr wollen, sehr unsichere, unreife Menschen. Sie tun nur das, was sie müssen, und geben nicht mehr. Und haben schreckliche Angst vor Fehlern. Daher erlauben sie auch anderen keine. Dabei sind sie selbst voller Fehler und wissen es auch.

Was ich an (Orchester-) Dirigieren sehr mag:

  1. dass man Energie und Spaß zeigen kann und soll
  2. dass man als Dirigentin ein Signal ist
  3. dass man mit dem ganzen Körper resoniert
  4. dass man Zwischentöne dirigiert
  5. dass man elastisch und geschmeidig ist und auch das Handgelenk ganz geschmeidig sein darf (schön)
  6. dass die Hände atmen
  7. dass die Hände “Schwimmflossen” zwischen den Fingern haben
  8. dass die Hände ein hohes Niveau haben müssen, damit die MusikerInnen verstehen
  9. dass man selbst Körpersprache ist

Wie kann man das alles üben? Sich selbst filmen und ansehen. Vor dem Spiegel stehen, aber nicht beim Gefilmtwerden. Unter Wasser! Oder mit Bällen. Ich mag die Energie, und dass man nicht passiv oder statisch dirigieren soll. Aber man darf auch nicht träumen und in der Musik schwimmen wie am Klavier, auf keinen Fall die Augen schließen und verträumt vor sich hin tanzen, schon gar nicht summen oder singen, sondern man muss immer vorweg und früher sein, um zu helfen mit Blickkontakt, Aktivität, Übergängen, mit Zielen, mit der Richtung, mit Dynamik, mit Höhepunkten. Auf keinen Fall verspätet. Immer Augen auf, Mund zu. Immer darauf achten, dass man keine falsche Dynamik oder falsche Richtung anzeigt. Aber Instrumentalisten sind meist gebildete Menschen im Gegensatz zu vielen Chorsängern. Ich finde es gut, dass mein Taktstock mittlerweile sehr angenehm ist. Kein Fremdköper mehr.

Durch das Dirigieren habe ich (altbekannte) Orchester-Werke ganz neu kennengelernt, das Geniale entdeckt, das in Form und Rhythmus liegt.

26. Juni 2020

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Bach ist starkes Gebräu. (AHS)

Wenn ich eine Stunde vor dem Reiten schlafe, bin ich viel besser im Reiten. Der Boden gestern war sehr naß, aber es machte Spaß, zu galoppieren.

Ich finde es zu spannend, zu registrieren: Vokale Klänge, singende Zungen, Erzeugung eines homogenen Klangs, Cantus-Firmus-Registrierung, welche Pfeifen Zungen beeinflussen und warum – doch bei all dem ist wichtig zu wissen: Es ist vor allem die Artikulation, um die es geht an der Orgel. Will sagen, wie man aus der Taste geht, das ist das, was Klang erzeugt an der Orgel. Das ist das Geheimnis. Man kann noch so musikalisch sein, geradezu ertrinken in Musikalität: Es nützt nichts, wenn man nicht weiß, wie es geht: Man muss wissen, also Kenntnis haben, Erkennen. Musik ist Wissen. Klang ist Wissen. Wissen ist Klang.

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Vertrauen ist oft das Gegenteil von Performance. (AHS)

Mir gefällt an Liszt, dass er wie ich viel gereist ist in seinem Leben. Er hatte mit Ad nos als Erster ein echtes Wagnis kreiert: Ein sinfonisches Gedicht, das nirgendwo zum Schluss kommt außer ganz am Schluss – nach 45 Minuten Spielzeit (bzw. 28 Minuten (!), wie es heute üblich ist). Das Stück basiert auf einen Text. Auf den Text der Oper “Der Prophet” eines jüdischen Musikers: Meyerbeer aus Paris. Und das, obwohl Liszt plötzlich Wagner in der Familie hatte, der aus Neid, weil Meyerbeer Paris musikalisch fest im Griff hatte, recht antisemitisch war. Die Verbindung der Oper Meyerbeers zum Orgelwerk Ad nos ist interessant.

1859 wurde Ad nos zur Ladegast-Einweihung in Merseburg durch den jüdischen Virtuosen Winterberg (der später etwas unter die Räder kam) uraufgeführt. Zum ersten Mal wurde hier offiziell dokumentiert, dass es Registranten gab, drei Stück an der Zahl: Liszt, Ladegast und der Organist der Kirche.

Da ist also dieser wagemutige Liszt, der überall seine Soireen gegründet hatte (bei denen es anders zuging als heutzutage), Juden wohlgesinnt, und schrieb Ad nos, das sowohl ein Gedicht, eine Oper als auch eine Sinfonie ist.

Auch Liszt-Schüler Reubke baute sein Werk auf den dramatischen Text des Psalm 94 auf, nicht auf eine Melodie.

Lustig ist: Bei Zoom und Skype, dass ich da wohl angeblich immer “schreie” – als wäre der andere taub. Es fragte mich mal jemand, wie alt mein Gegenüber gewesen sei, weil ich so laut geredet hätte. Irgendwie mache ich das instinktiv, um die räumliche Entfernung zu überbrücken – selbst wenn das Meer dazwischen liegt.

Neu: Bach BWV 527 d-Moll, Video: Lingualpfeife, von Würzburg gefördert:

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24. Juni 2020

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Wir dekorieren auf der Titanic die Liegestühle um. (Richard Precht)

Na, Brecht war er jedenfalls nicht. Aber sicher ist doch etwas dran.

Ach, ich liebe sonnendurchfluteten Wald. Es war so schön heute nach dem Üben. Es tut so gut. Dass es heutzutage noch echte europäische Wälder gibt. Mit Nacktschnecken am Boden nach dem Regen, die man vorsichtig umgehen muss, mit Pfauenauge-Schmetterlingen, die in der Sonne baden, mit Spechten und Krähen und Käfern und Hummeln und Summen und Stechmücken und Heuduft und Schattenspiel auf den Wiesen, mit Waldboden, der unten einem federt, ein Sportboden, den kein Mensch nachmachen kann, ja, die Natur an sich, die kein Mensch nachmachen kann – mit Stille, Insekten, mit Vögelchen, die herumsausen, mit gelbem Grün und wilden Orchideen und Butterblumen, mit Blöken von Schafen in der Luft – Himmel! Was haben wir (oder besser Männer) aus der Welt gemacht, dass so etwas eine Seltenheit geworden ist. Wo sind die Schmetterlinge und Amseln geblieben? Dass Menschen sich in Städten ballen, auf Schnecken treten, die es nicht mehr gibt, Müll liegen lassen, Fleisch fressen, Fastfood essen und überall Autos und Lärm zu hören sind: Eigentlich widerlich. Ich habe genug von solchen Städten. Ich mag Friedhöfe gern, die in der Sonne liegen, von Kühen umgeben sind, gepflegt und liebevoll gemäht, mit einer Kirche inmitten. Ist dies nicht eher ein Ort, über den Sinn des Lebens nachzudenken als Netflix und Co? 

23. Juni 2020

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Bach üben ist, Kompositionsunterricht zu haben. Im Fluß zu sein. (AHS)

Was sind Tücken beim Üben? Teil 1:

  1. Wenn ich Orgel übe, fällt mir oft der Stift runter; er fällt wie auf der spanischen Treppe alle Manuale hinunter bis unter das Pedal in den hintersten Winkel, der kaum erreichbar ist.
  2. Manchmal schreibe ich um eine Note herum, wenn ich sie immer wieder falsch erwische, den Namen (also den Buchstaben) der Note. Aber das hilft nicht immer sofort: Es kann passieren, dass es Noten in meinen Noten gibt, die von allen Seiten einen Buchstaben haben, oben, unten, rechts, links.

22. Juni 2020

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Aus seinen Flügeln rauschen Liebesworte, Gedichte, Liebkosungen. (Rose Ausländer)

Es macht mir Spaß, die vielen verschiedenen C.f.  – Bass, Sopran, Tenor – zu üben. Es ist schön, wenn Theorie Kunst wird und wirklich Sinn macht. Weite Lage, enge Lage, Quintlage, Terzlage – und alles dreht sich um den Bass (was drüber bleibt, was drunter geht)… So wie man seinen Kiel im Springer schneidet und spitzt, oder den “Blei”stift, so spitze ich mein Gehirn.

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Die Anfangszeit mit einem neuen Werk (einem neuen Instrument) ist entscheidend, ist mit das Schönste, das Schmackhafteste, ist der Spargelkopf. Auch meine erste unschuldige Anfangszeit mit der Orgel möchte ich mir bewahren. Die erste Liebe. (AHS)

Es ist schön, dass Atmen und Raum nehmen auch mit Musik machen zu tun hat. Bach hat die (musikalischen) Regeln seiner Zeit gebrochen (damit in gewisser Weise auch politische natürlich), wie man zB an den vier Duetten (besonders da so völlig entblösst) deutlich sieht. Nun ist es an mir. Musik ist eben doch Politik. Dennoch bin ich immer noch unter den Fittichen des Lernens. Ich weiß nicht, warum. Schutz? Oder auch nicht. Was hat Gott mit mir vor? Wenn ich merke, dass es beim Atmen und bei Tempo um die Bewegung geht, wie man Bewegung formiert oder organisiert  – dann ändert sich meine Herangehensweise… zum Positiven wohlgemerkt. Lebendigkeit ist etwas anderes als Schnelligkeit und hängt sehr mit Klang zusammen, und Klang wiederum mit Artikulation. Diese vielen Bausteine, die doch nur eine Einheit bilden. Das fliegende Gefühl am Clavichord – völlig anders als an irgendeinem anderen Tasteninstrument – wenn die Finger dicht und vorne sind, wenn man entspannt ist und dennoch Kraft durch Dichte gibt, damit der Ton nicht bröselt  – das meine ich mit fliegend. Auf diese Weise werden Läufe und gesetzte Eins und Triller anders.

Ich liebe dieses Schwingen, wenn Akzente genau richtig gesetzt sind – nicht zu viele, so dass alles leicht bleibt, tänzerisch wie alles bei Bach – Um die richtigen Schwerpunkte zu kennen, muss man Form, Zwischenkadenzen, Motive und Dissonanzen, das Steigende und Fallende gut kennen.

Handklang am Klavier:

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20. Juni 2020

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Wir geraten in der Musik in eine Zustand des Einswerdens unserer Befindlichkeit mit dem, was die Musik mit uns tut. (Eggebrecht)

Das neue Orgelwerk mit Zuspielband ab libitum (Elektronik) wird es bald als Noten zu kaufen geben, ich freue mich:

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Wunderschöne historische Ehrlich-Orgel ev. Stadtkirche Bad Wimpfen

19. Juni 2020

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Veni Creator Spiritus!

Wenn ich für Klavierabende Beethoven und für die Orgelprüfungen übedann komme ich mir schon masochistisch vor, wenn ich dann mit Armen, die noch von Schmerzgel glänzen, am Instrument sitze. Und das um sieben Uhr früh! Am Fingersatzschreiben. Meine Nachbarn stehen insgesamt schon wieder kopf.

An der Orgel braucht man viel mehr den weichen Anschlag, das Herausgehen, das Formen und Modellieren des Tones, nicht das oft “Überartikulierte” (“Angriffslustige”) wie am Klavier.

Sehr lustig finde ich Knallerfrauen auf facebook – sie ist einfach sehr talentiert.

Manche Menschen, stelle ich fest, muss man irgendwie mögen, obwohl sie es überhaupt nicht verdient haben, einfach so, gerade weil sie es nicht verdient haben – wenn es das nicht gäbe, gäbe es Gott nicht.

Ich freue mich, dass ich ein neues Stipendium bekommen habe und in der Anthologie des Ulrich-Grasnick-Lyrikpreises Berlin aufgenommen wurde.

Auch das Methodenseminar Dissertation war sehr spannend, ich habe meine Studie vorgestellt.

Wunderschöne Ehrlich-Orgel Stadtkirche Bad Wimpfen