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Tur Blogg

19. Juli 2022: Hochsommer in Pommern

Manche Menschen sind sehr kontrollig.

Theologie ist gestern sehr gut gelaufen. Psalm 23. Morgen geht es weiter. Bitte betet: 8:40 und 10 Uhr. Ich berichte das nächste Mal mehr.

Eggenfelden und Zeitz

Ich freue mich auf meine Konzerte in Zeitz bei Leipzig und in Eggenfelden (zwischen München und Passau). Das bedeutet aber auch, dass ich einmal quer durch Deutschland fahren muss in 2 bzw. 3 Tagen. Ich spiele in Eggenfelden das erste große Konzert der Reihe des Festivals, dann kommen Markus Willinger und Wolfgang Seifen und dann das Abschlusskonzert mit Markus. Die Konzerte sind gut besucht mit ca. 150 Leuten. Zungen sind frisch gestimmt. Ich lerne beide Orgeln kennen. Letztes Jahr ist alles wegen Corona ausgefallen. Zuerst aber fahre ich von Greifswald (habe hier wieder Rehe gesehen) nach Würzburg. Ich fahre wirklich oft durch Deutschland. Wenn ich irgendwo eine Abfahrtstafel sehe, wo Züge mit ihren Zielen und Abfahrtsorten gelistet werden, dann war ich schon an jedem Ort. Überall. Ich kenne alles. Das ist fast schon unheimlich.

Amberg

Was mich gefreut hat: Ich war in Amberg die Erste, die dort an dieser wunderschönen Funtsch-Sandtner Orgel August Gottfried Ritter gespielt hat. Ich habe die erste Sonate gespielt, d-Moll. An dieser Barock-Rokoko-Muschel-Orgel klang Ritter erstaunlich wunderbar. Süffige Klänge.

Das Konzert war gut besucht, man musste hinten noch bestuhlen, ca. 140 Leute. Vor Corona sind die Konzerte sogar noch besser gelaufen.

Ich finde es schön, wenn einem die Kantoren liebevoll ihre Orgel und die Schlüsseln und Türen erklären. Wie man genau was abschließt. Und dann Eisschokolade trinken.

Registerschwerter und Sesquialtera

Die wunderbaren Registerschwerter der Funtsch-Orgel haben es mir bei meinem eigenen Stück möglich gemacht, neue Klänge zu kreieren, indem ich sie auf “halb” gestellt habe und dann wie ein DJ bewegt habe. Das ist nicht meine Idee, das haben Leute schon vor mir gemacht. Aber es war trotzdem fruchtig. Besonders gefallen haben mir die Piffara (hier eine Schwebung), das Solicional (eigentlich Salicional, also Streicher), die Flötten (Flöte), der weiche Tremulant und der wunderschön ansprechende und reagierende Schweller. Die “Quinte 3” ist natürlich 2 2/3, und das Sesqui hier nur eine Terz ohne Quinte, d.h. für ein echtes Sesqui muss man hier Quinte und Terz zusammenziehen. (Bei gewissen Orgeln mag ich es auch, wenn ein Sesqui noch mit Septime oder None tönt.) Neu  hinzugekommen ist zur ursprünglichen Funtsch-Dispo der 16-Fuß im HW und die Zungen, die frisch gestimmt waren. Bernhard Müllers ist ein sehr guter Registrant und außerdem ein sehr sehr netter Mensch. Ich mag den Oberpfälzer Dialekt, es ist schon nah am Bayerischen.

Diese kleinen Gassen und Tore, der Stadtgraben wie in Nürnberg, eine Walfischfrau, überall Leben und Trubel – das gefiel mir in Amberg. Amberg hat viele tolle Kirchen und Orgeln und bekommt 2023 eine neue große Klais-Orgel.

Foto: Festival Amberg 2022

Heute erinnere ich an Toshiko Akiyoshi, Vorkämpferin für Frauen im Jazz, 1929 geboren.

18. Juli 2022: Strandbad Eldena

Lebe, wie du, wenn du stirbst, gelebt haben willst. (Christian Fürchtegott Gellert)

Bugenhagenkirche

Ich bin von Amberg wieder zurück in Greifswald. Bevor ich nach Amberg fuhr, spielte ich die wunderschöne Mehmel-Orgel 1883 in der Bugenhagenkirche. Die neoromanische, große und rote, dreijochige Kirche aus dem 19. Jahrhundert (um 1883) wurde 1958 benannt nach Bugenhagen, dem Reformator in Pommern. 5 große Schiffsmodelle schmücken die maritime Kirche, Fürbittengebete für Fischer, ein hölzerner Taufstein und ein wertvoller Altaraufsatz. Die 1883 erbaute Kirche ist nah der Wiecker Holzklappbrücke von 1887 und dem Hafenamt, beim Treidelpfad. Stralsunder Orgelbauer Mehmel und Orgelmusik aus Wieck.

An einem windigen Regentag hier in HGW, der Hansestadt am Greifswalder Bodden, mit Noten von Hans Fagius (Ausgabe). Wieck ist ein wunderschöner Stadtteil Greifswald am Ryck. Viele kleine rohrgedeckte Häuser mit blumengeschmückten Vorgärten. Wieck wirkt wie ein eigenständiges kleines Dorf, und mittendrin, wieder in einem gepflegten Friedhof, die große rote Backsteinkirche Pommerns. Es ist meine 5. Mehmel-Orgel. Sie steht auf einer niedrigen Empore, wie ein brauner Engelsflügel, süffig, romantisch im Klang, trocken-samtige Akustik. Der Klang ist also süffig-samtig. Ich bin mit meinem roten Radl hingefahren.

Im ICE Richtung Greifswald kommt man mit unterschiedlichen Menschen ins Gespräch. Heute mit Österreichern. Ich habe ihnen von Pommern vorgeschwärmt, von Rügen, Hiddensee, Greifswald und Stralsund. Davon haben sie noch nie gehört. Es muss nicht immer Mallorca sein. Die Welt ist klein. Ich habe meine Noten auf dem Tisch. Es gibt immer jemanden, der einen Organisten kennt, den ich auch kenne. Greifswald ist viel zu wenig bekannt. Auf der anderen Seite ist es auch schön, dass sie so ein Geheimnis weit weg ist, halb so klein wie Würzburg.

Amberg

Meine erste Funtsch-Orgel traf ich in Amberg. Die hübsche Stadt, kleiner als Würzburg, besitzt wie Rothenburg ob der Tauber eine Stadtmauer, ganz erhalten. Sie sollte Unesco Weltkulturerbe werden.

Lachen ist die subversivste aller Waffen. (Marjane Satrapi) Ironie und Sarkasmus hilft. Ich habe wieder Tränen gelacht, was für Kommentare.

Bitte betet morgen 14 Uhr.

Neu: Bugenhagenkirche zu Greifswald-Wieck, Eldena

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Foto: Mehmel Orgel Wieck, Bugenhagenkirche

Heute erinnere ich an Victoria Abril, spanische Schauspielerin.

17. Juli 2022: Kloster Amberg und Klosterruine Eldena

“Umbau” ist oft ein trauriges Wort im Orgel-Zusammenhang. Orgel-Zerstörungs-Bewegungen. (AHS)

Foto: Rokoko Muschelorgel Funtsch Sandtner 1758/1993 in Amberg

Heute erinnere ich an alle Menschen, die sich dafür eingesetzt haben, dass Orgeln wieder in ihren originalen Top-Zustand zurückgeführt wurden/werden.

Neu:

Qui tollis pecata – Schlüter, Amberg Rokoko Muschelorgel Kloster-Schulkirche Funtsch-Sandtner Orgel

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Die Kloster Schulkirche ist eine der bedeutendsten Rokoko Kirchen in Deutschland. Rokoko ist Spät-Barock und licht und hell und voll.

Ich mag gern Buko und Philadelphia.

Bei Rameau liebe ich besonders die Allemande a-Moll und Prelude und Gigue a-Moll.

Meine beiden Chorwerke Hallelujah und Du hast meine Angst genommen werden dieses Jahr gedruckt und veröffentlicht, habe heute den Vertrag unterschrieben. Meine ersten gedruckten Chorwerke.

Übrigens, gestern war es meine erste Funtsch-Orgel. My very first Funtsch – und dann gleich eine Muschelorgel, wie ich sie vorher nie gesehen habe.

Ich höre gerade das LSO mit Sibelius. Was ich an Orchester vielleicht mehr mag als an Chor ist die Schwere. Das Gewicht des Apparats.

Ich mag Siegfried Lenz und Oscar Wilde.

Von Hiddensee habe ich Steine vom Strand mitgenommen in Herz-Form.

Ich freue mich, dass mein Gedicht und meine Orgel jetzt im Juli im Orgelkalender ist. Ich liebe diese blaue Orgel. Jetzt in Würzburg hängt es auch, nachdem ich wochenlang nicht daheim war.

16. Juli 2022: Lebe nicht im beschränkten Untertanenverstand. (v. Rochow)

Das Schickste ist, gerade nicht in Google zu existieren (Phoebe Philo): Britische Modeschöpferin, in Paris geboren. Heute erinnere ich auch an Gertrude Duby-Blom, Umweltschützerin, schweizerisch-mexikanisch, 1901 geboren.

Foto: Funtsch-Sandtner Orgel Amberg Juli 2022 

Amberg

Ich bin in Amberg angekommen: Oberpfalz, Bayern. Ich berichte später. Um 12 ist das Konzert. Bin im Parkhotel, Allee Parkhotel am Eingang zur Altstadt im Park. Von meinem Zimmer aus sehe ich den Turm der Martinskirche. Es gibt eine Sauna, aber dafür habe ich keine Zeit. Ich kann das Hotel empfehlen, aber die Eier sind viel zu weich. Die konnte ich nicht essen.

Amberg ist eine schöne, katholische Stadt (ca. 40.000 Einwohnerinnen) mit einer alten Stadtmauer, vier Stadt-Toren und einem Stadtgraben. Der Fluss Vils fließt gemütlich durch alle hübschen Brücken. Das rote Dach der großen Basilika St. Martin am Marktplatz leuchtet in der Abendsonne wie rotes Gold. Eine schwarze Katze schmiegte sich an mich bei meinem gestrigen Abendspaziergang. Man sieht viel barocken Sandstein, Restaurants, geschmückte Balkone. Über der Stadt thront der Mariahilfberg. Ich habe in Amberg schon mal, lange her, auf dem Kunstsommer Klavier gespielt und gelesen. Damals, als ich mich noch nicht für Orgeln interessiert habe. Vor 2017.

Oberpfalz

Ich habe Eis mit Sahne gegessen. Die Sahne thronte auf den beiden Eiskugeln auf der Waffel mit Streuseln. „Für Eisesser-Profis“, sagte die Eisfrau. „Vorsicht beim Schlecken!“ Die Leute staunten und lachten, als ich mit meiner wackeligen Eis-Pyramide von dannen zog. Schon nach kurzer Zeit war mein ganzes Gesicht voll Sahne. Es schmeckte himmlisch.

Muschel-Orgel Rokoko

Ich bin Rokoko.

15. Juli 2022

Foto: Konzert in Amberg morgen

Heute erinnere ich an alle Deutschen, besonders Frauen und Kinder, die absolut keine Nazis waren, sogar vor den Nazis flohen, und dennoch bewusst von den Russen, der Roten Armee, erschossen, gequält, ausgeraubt wurden.

Jesus meidet die Dummen. Bei ihm bleibt niemand dumm.

Doppelbegabung

Bin im Zug zum Konzert in Amberg und lese Helga Schuberts wundervolles Buch „Vom Aufstehen“. Schlicht, sensibel-poetisch, ein Zeitzeugnis einer klugen, bescheidenen Frau, 1940 geboren, Ehefrau des Malers und Psychologen Prof. Johannes Helm, 1927 geboren. Er lebt noch und ist mittlerweile leider krank. Ich finde es schön, wenn Menschen eine Doppelbegabung haben und mehrere, unterschiedliche, vielleicht sogar gegensätzliche Sachen sind. Früher war das viel häufiger der Fall. Angelus Silesius (eigentlich Johannes Scheffler) war Lyriker, Arzt und Theologe. Völlig unterschiedliche Dinge. Heute ist das fast ganz und gar unmöglich. Mendelssohn: Komponist, Lehrer, Zeichner. Hans Lehndorff: Chirourg und Schriftsteller. Früher schien diese professionelle, individuelle Misch-Vielfalt gut und „normal“. Heute wird es immer schwieriger, mehr als eine Sache zu sein. Und wenn du mehr als eine Sache bist, dann treten die Skeptiker wie Motten ans Licht: „Was? Das kann nicht wahr sein. Orgel und Klavier? Malen auch? Und Komponieren? Da kann was nicht stimmen. Und was – schreiben? Das ist nun wirklich zu viel. So viel kann sie nicht sein. Das muss erstunken und erlogen sein. Niemand kriegt das hin. Niefraud schon gleich gar nicht.“
Doch, das geht. Es ist traurig und ungerecht, wenn Menschen von anderen verlangen, ihr kostbares kurzes Leben nur auf eine Sache zu beschränken, nur damit alles in der Norm bleibt und kontrolliert werden kann.

Amberg

Amberg in Bayern mit ihrer schönen Barockorgel ist von Greifswald ca. 9 Stunden entfernt. Ich fahre Stralsund-Berlin-Nürnberg-Amberg. Über Grimmen und Demmin. Grimmen braucht dringend einen neuen Bahnhof. So etwas zu sehen. Für alles andere ist Geld da.
Ich bin gespannt, wie verspätet der ICE in Berlin ist, denn die letzten 4 Male war er immer sehr verspätet.
Danke für eure Gebete gestern. Liturgik ist gut gelaufen.

Hymnologie

Ich mag das Lied EG 428 „Komm in unsre stolze Welt“ (1968/1982) – beide Macher haben den Krieg erlebt: Manfred Schlenker (1926 geboren, jetzt beinahe 100 Jahre alt) und Hans Graf von Lehndorff (1910-1987), der sogar beide Kriege erlebt hat. Schlenker hat dieses Lied in Greifswald geschrieben. Damals lebte er im Institut, als es die Orgel noch nicht gab. Zuvor hatte er die sowjetische Gefangenschaft erlebt. Seine Frau kümmerte sich um 5 Kinder, während er das Institut leitete. Es ist inspirierend, im selben Raum zu sein, indem er komponiert hat. 

14. Juli 2022: Urlaub

Gesang ist ein amöbenhaftes Instrument. Ohne feste Körperform. Klang mit Atmung unterfüttern.

Ich finde es schön, dass ich jetzt schon meinen eigenen Stil habe im Dirigieren. Und eine klare, helle Stimme. Wir haben mein Stück Halleluja gesungen mit dem Chor.

Dat söte Länneken

Bin wieder zurück aus Hiddensee in Greifswald. Eine sehr schöne Insel, sehr zu empfehlen. “Dat söte Länneken” (das süße Ländchen), Nationalpark, Vogelschutzgebiet und Wellenbrecher für das große Rügen. Die Steilküsten sind durch die Naturgewalten gefährlich geworden. Am letzten Abend lernte ich noch ein paar Jungs kennen, die hier mit Schauspielern die Leute entertainen. Dornbusch hat mir besonders gefallen, das älteste Gebiet Hiddensees mit Klee, Kiefern, Königskerzen, Mohn und Ginster, Sanddorn, Weißdorn, Kornblumen, Brackwassergräser, Dünenheide, Hügellandschaft, rohrgedeckte Häuser. Leider ist der Sanddorn durch Pilzbefall gefährdet. Hiddensee ist angesehen bei den Reichen und Vornehmen. Hotels 400 Euro die Nacht. Das Beste: Es gibt kein Motorengeräusch, kaum Autos, kein Lärm der Autobahn, nur nachts das beruhigende Brausen des Meeres wie Cembalo-Akkorde. Die Luft ist rein, gesund und salzig und macht müde und hungrig. Ich habe Farbe bekommen.

Ostsee

Im Winter ziehen die Pferde die Schlitten. Aber gibt es überhaupt noch Schnee? Schnee. Ein Relikt aus einer früheren Zeit.
Von der Fischerei können die Insulaner nicht mehr leben. Sie nehmen nur schwer Neue an. Es gibt Wettbewerbe und Battlings in Hiddensee um die Weltmeisterin, die den Möwenschrei am besten nachmacht. Viele Künstler und Alternativen waren hier: Die Schriftsteller Gerhart Hauptmann und Thomas Mann… Und denkt dran, auch die Schweden hatten die Insel mal eingenommen, die Wikinger. Norderende und Süderende. Es wachsen ein paar sehr alte schwedische Bäume auf Hiddensee unter Denkmalschutz.
Leute suchen das Gold des Meeres (Bernstein) noch immer am Strand. Es gibt auch einen Hiddenseer Schatz, der sich in Stralsund im Museum befindet. Was ich schade finde: Große Teile Deutschlands bis nach Stettin gehören nun Polen. Ob wir das mal wieder haben können?

Ich mag das hübsche Haus der dänischen Schauspielerin Asta Nielsen auf Hiddensee (Vitte). Vom nördlichsten Zipfel der Insel sieht man schon Dänemark.

Ummanz soll auch eine hübsche Insel sein. Rügen ist toll. Albert Schweitzer war hier. Ich war schon ein paar Mal auf Rügen. Besonders mag ich Bergen, Sassnitz, Sagard, Gingst, Rambin und Altefähr.

Ich finde, die Kommentare hier zeigen ein Stück weit auch das Niveau der Kirchenmusik heute.

Bitte betet für mich heute / morgen am Donnerstag 14.45.

Rameau mit seinem Inegal und “umgekehrten” Inegal (inegal coulé) mag ich sehr, seine brausenden Arpeggien, das unscharfe Jazzhafte, die Vorhalte. Genauso auch Vivaldi (GB) am Cembalo.

Foto: Schuke Orgel Hiddensee (Inselkirche Kloster)

Heute erinnere ich an die mutige Brittney Griner, die gefangen gehalten wird.

13. Juli 2022: Meine Zeit in Vorpommern

Singen ist wie Schwimmen im Atmen. Nicht abtauchen. (AHS)

Foto: Nerlich Orgel Ziethen. Die Fotos der letzten Tage sind auch drin.

Vitte auf Hiddensee

Heute besuchte ich Vitte auf Hiddensee. Vitte ist die “Hauptstadt” vom Seebad Hiddensee. Ich bin mit der Kutsche dorthin gekommen. Es war “Zufall”. Ich kam aus unserem Gelände raus, und eine Kutsche fuhr just vorbei. Ich fragte den netten jungen Kutscher, wohin er fährt. “Nach Vitte”. Ich fragte, ob ich mit kann. Er sagte Ja. Ich wollte einfach weg. Er nahm mich mit. Der Hafen ist hübsch. Es tat mir sehr gut, mit der Kutsche über die Insel zu fahren. Ich saß vorne neben ihm. Die Kutsche war eine Art Planwagen wie aus “Unsere kleine Farm”.

Die beiden Mecklenburger Kaltblüter, aussehend wie große Haflinger, klapperten laut und beruhigend mit ihren beschlagenen Hufen über die Wege. Boris und Hartmut hießen die beiden. Boris, links, war der Freche. Es war noch Vormittag, die Sonne schien warm, es war leicht windig, und überall grasten glückliche Pferde. In Vitte hatte ich eine Stunde Zeit, dann wollte der Kutscher eine gebuchte Gruppe auf den Leuchtturm fahren.

Leuchtturm Dornbusch

Der Leuchtturm Dornbusch ist neben dem Seepferdchen auf der Flagge das Wahrzeichen von Hiddensee. Ich durfte wieder mit. Vorne. In der Stunde in Hiddensee besuchte ich den Strand, der ganz anders ist als der in Kloster, jedoch ebenfalls an der offenen Ostsee, jedoch ohne schwarze Steine, die das Meer zurückhalten. Nacktbader. Auch Frauen. Das Wasser ist furchtbar kalt. Ich schaffte es nur bis zu den Knien hinein. Ich habe mich nicht überwunden, zu baden, schon gar nicht nackt.

Dafür besuchte ich die Blaue Scheune, eine Kunstgalerie mit interessanten Gemälden, die man teilweise auch kaufen kann. Zeitungsladen, Zeltkino (eine Art Stadthalle), eine andere Kunst-Galerie, das Rathaus und das Henni Lehmann-Haus, eine Frau! Sie war jüdische Malerin und Autorin, politisch engagiert und sehr kontaktfreudig, und hat einige gewagte Projekte auf Hiddensee umgesetzt mit Malerei, die auf dem Festland nicht möglich waren. Jedoch wurde sie von den Nazis verfolgt und nahm sich deswegen das Leben. Wie traurig! Heute ist in dem Haus auch die Stadtbibliothek.

Daher erinnere ich heute an Henriette (Henni) Lehmann.

Grieben

Hiddensee ist nur ca. 17 km lang. Neuendorf ist das Fischerdörfchen, Grieben hat nur 35 Einwohnerinnen. Die meisten wohnen in Vitte. Insgesamt gibt es (ohne Touristen) nur ca. 1000 Inselbewohnerinnen. Dann fuhren wir also mit Boris und Hartmut im Trab zum Leuchtturm, erst nach Grieben, dann in die Dünen und an die Steilküste. Es war eine sehr schöne Tour. Alles duftete. Ich stieg auch auf den Leuchtturm hinauf, mit seinen 102 Stufen. Allerdings oben hatte ich kurz ziemlich Höhenangst, auch wegen des Windes, was die Höhe irgendwie verstärkt hat. Und zurück die erste Steiltreppe hatte ich kurz Probleme.

Ich warf meine Schuhe runter und gab jemand anderem mein Handy (ich hatte keine Tasche dabei) und stieg dann unter verschiedenster Ratschläge, wie ich es am besten zu machen habe, die erste steile Treppe zurück nach unten. Ab da ging es. Wichtig: Immer rückwärts runter. Auf keinen Fall von vorne. Der Leuchtturm-Wächter ließ mich auch kostenlos nach oben. Ich hatte nichts dabei, da alles spontan war. Ich liebe solche spontanen Aktionen, die mir Gott schenkt. Von der Tour habe ich etwas Sonnenbrand bekommen.

Inselkirche Kloster Hiddensee

Ich besuchte anschließend die kleine Inselkirche von 1330 mit ihrer hübschen kleinen Schuke-Orgel, Alexander Schuke (Potsdam), Opus 199, Anno 1942, 2 M. Sie steht unter einer gewölbten hellblauen Holzdecke voll gelber Rosen, gemalt von Nikolaus Niemeier. Abends nach dem Posaunenchor-Konzert (aus Königs-Wusterhausen) spielte ich die Orgel. Top in Schuss, sehr hübsch zu spielen. Freu mich auf meine Konzerte hier.

Und war am Nachmittag im Insel-Buchladen mit Hiddensee-Krimis.

Chorleitung

Nachmittags hatten wir dann Dirigieren und Chorleitung. Es ist immer interessant, ich erlebe viel, auch wenn die Leute anders sind als ich.

Aber ich schmelze oft wie eine Kerze, wenn etwas ist. Erschrecke mich, wenn eine tote Amsel auf dem Weg liegt. Ich denke über viele Dinge sehr viel nach. Ich finde, Charakter hat nicht unbedingt etwas mit sozialem Verhalten zu tun.

Maria von Oldenburg und Hans Graf von Lehndorff

Und ich erinnere an Maria von Oldenburg. An ihr erkennt man den sexistischen Apparat Wikipedia. Maria von Oldenburg war die Mutter von Hans von Lehndorff, der den wunderbaren Text zum Kirchenlied “Komm in unsere stolze Welt” geschrieben hat, in Greifswald vertont. Wikipedia listet unter Lehndorffs Eltern auf der mobilen Version nur den Vater. Nur der hat auch eine Wikipedia Seite. Genauso mit Lehndorffs Frau, Gräfin Margarete von Finckenstein. Als wären nur die Männer wert, gelistet zu werden. Weil diese studiert haben und Ärzte geworden sind? Dabei war es Frauen damals kaum möglich gemacht worden, zu studieren. So sind viele Männer: Sie listen ihr Geschlecht und machen die Regeln so, dass es für das andere Geschlecht schwer bis unmöglich ist, gelistet zu werden.

Aber das wirklich Berührende ist: Die Mutter Lehndorffs, Maria von Oldenburg, ist eine Heldin, ähnlich wie Bonhoeffer, größer und wird im Himmel größer sein als er. Sie wurde verhaftet, weil sie sich gegen die Nazis aufgelehnt hat, um einen Pfarrer zu beschützen, und später in Stuhm (Ostpreußen) von Russen erschossen. Wo steht ihre Geschichte? Unter Hans von Lehndorff. Nicht auf einer eigenen Seite.

12. Juli 2022: Bach Vlog. Bach weiß, wie man Emotion entwickelt. (AHS)

Niemand weiß so gut wie Bach, wie Emotion in Musik entwickelt werden. Seine Textvertonungen sind bis heute ungetoppt, und das trotz Schubert und Clara Schumann. Wobei diese auch genial sind.

Hiddensee

Ich bin auf der Insel Hiddensee. Wir fuhren von Greifswald nach Schaprode auf Rügen und von dort mit der Fähre Weiße Flotte über den Ortsteil Neuendorf (bereits Hiddensee) zum Ortsteil Kloster über den Bodden. Das Wasser ist so flach, dass man in einer bestimmten Spur fahren muss, um nicht auf Grund zu gehen. Unzählige Schwäne gibt es hier, ca. 70 habe ich gezählt, aber es sind bestimmt mehr. Wir hatten tolle Sicht und konnten die drei Kirchen von Stralsund und die Rügener Brücke glasklar sehen von der Fähre aus. Auch Wind und Sonne perfekt. So gab es viele Segelboote, die vom Wind her schräg in der Kurve lagen, so wie Organistinnen vom Wind der Orgel her in der Kurve liegen. Die Segelboote folgten der Fähre.

Kloster auf Hiddensee

Hier auf Hiddensee im Ortsteil Kloster gibt es eine “Biologische Station Hiddensee” der Uni Greifswald – eine hübsche Anlage mit roten und blauen schwedischen Häuschen, also Holzhäuschen im schwedischen Stil für Doktoranden. Hier wohnen wir, ich im roten Bungalow. Man hat von hier einen großartigen Blick auf das Meer. Und zwar auf die offene Ostsee, nicht auf den Bodden.

Das offene Meer ist natürlich kein Vergleich mit dem Bodden. Es ist rau, wellig, brausend, wild. Die Wellen brechen sich an den aufgetürmten schwarzen Steinen. Ich liebe das offene Meer viel mehr als den Bodden oder den Sund. Die Leute baden hier nackt (= springen kurz ins kalte Wasser), auch wenn nirgends FKK steht.

Früher gab es hier in Kloster ein Zisterzienserkloster. Ein weiterer Ortsteil heißt Vitte (mit F gesprochen). Man kann auch von Stralsund nach Kloster fahren.

Hiddensee ist ein schönes Wort. Die Insel ist gar nicht so klein wie ich dachte. Man fährt von Rügen schon eine kleine Weile, ca. 30 Minuten oder mehr, und dann angekommen gibt es hier ein echtes Inselfeeling, keine Autos, so wie auf Langeoog, und es gibt einen Bäcker, einen kleinen Supermarkt, kleine Läden mit Kunst und Schmuck, Eis, eine Kartenlegerin mit Stimmanalyse (aha), Ferienwohnungen, Kutschen. Aber alles in Miniatur, wirklich klein. Zwergenformat. Hiddensee ist viel mehr Insel als Rügen. Es ist heimelig und sandig, und man hat die offene Ostsee. Die Kiefern duften. Es gibt Sanddorn. Auf den Dünen gibt es in den grünen Büschen einsame Plätze mit Bänken, von wo das Meer wunderbar zu sehen ist, der Sonnenuntergang, der langsam in die Ostsee sinkt und alles in Schönheit färbt. Man kann die Insel an einem Tag durchqueren, zu Fuß. Die meisten sind mit Rädern da.

Es gibt hier Zecken, Mücken und Schlangen (Kreuzotter). Aber begegnet sind mir bisher nur Mücken. Die Inselkirche ohne Turm ist sehr hübsch. Berühmt ist der große Leuchtturm.

Die kleine Insel Vilm ist ein Naturschutzgebiet. Früher sollen Politiker diese Insel für sich als Erholung genutzt haben. Die Insel Riems ist wohl ausschließlich für Virenforschung zu nutzen, und zwar für Tierforscher. Ich kenne einen von diesen. Die große Insel Rügen nicht mit Fehmarn verwechseln!

Bach

Ich singe gerade Bachs “Aus Liebe will mein Heiland sterben” aus der Matthäus-Passion. Ich habe eine ungewöhnlich hohe Stimme. Die Arie ist mit ihren unglaublichen Sprüngen und ihrer Chromatik so kreativ, berührend und textlich auf den Punkt gebracht, dass die Mozart-Aria Zerlina in Don Giovanni, die ich auch singe (so wunderbar sie ist und mit ihrem lieben Schluss – und gilt nicht Mozart bis heute als “das Wunderkind” schlechthin?) völlig abfällt im Vergleich zu Bachs Musik. Auch wenn manche diese Aussage vielleicht undifferenziert halten: Aber ich differenziere ja gerade: Es ist geradezu erschreckend, wie sehr sie abfällt. Von ihrer Tiefe, von ihrem Inhalt. Mozarts Musik ist wenig im Vergleich zu Bach. Wieviel weniger sind alle anderen im Vergleich zu Bach. Ich weiß, das ist eine harte Aussage, und an manchen Tagen sehe ich es nicht ganz so scharf wie heute.

Foto: Hiddensee (Kloster)

Heute erinnere ich an Ursula Schlenker.

Orgel Vlog AHS

11. Juli 2022: Orgel Vlog

Sie ist eine Fixe. Eine Wassermännin (Doris über AHS). Ich finde es schön, aber manchmal auch nicht so leicht, schnell zu sein. So multitasking.

Uni-Gottesdienst

Es hat Freude gemacht, heute im Uni-Semester-Abschluss-Gottesdienst unseren Chor zu dirigieren. Helga Schubert war eingeladen, vorzulesen, die geniale 82-jährige Schriftstellerin, die in ihren Kurzgeschichten viel aus ihrer Kindheit in der DDR berichtet, Bachmann-Preisträgerin. Es wurde auch gefilmt. Im Gegensatz zu mir war der Chor jedoch nicht happy, gefilmt zu werden. Wie unterschiedlich Menschen sind. Aber zurück zu Helga Schubert. Ihr Stil ist eine Mischung aus gefilterter Trauer mit großer Authentizität, Lebensechtheit und Bescheidenheit. Ich habe danach kurz mit ihr gesprochen. Sie fand mein Dirigat schön. Früher war sie als Psychologin tätig und nie auf das Schreiben angewiesen und hat dennoch immer geschrieben. Sie schildert von ihren echten, hoch-persönlichen Dingen in ihrer Literatur ohne Scham, sogar mit Humor, und so, dass man sich identifizieren kann. Erstaunlich, wie sie das geschafft hat. Und sie wirkt so fit mit ihren 85 oder was. Der Dom war gut besucht.

Morgen geht es frühs nach Hiddensee.

Foto: Gutshaus Ziethen

Das Buch: “Die heilende Kraft der Musik” von Stefan Kölsch ist eine langweilige Ödnis-Katastrophe. Man kann mit 300 Seiten gut und gerne heidnisch am Thema vorbeischreiben. Nicht zu empfehlen.

Mir fällt auf, dass viele Menschen abergläubisch sind: Sie kreuzen ihre Finger, klopfen auf Holz, sagen Toi Toi Toi und andere heidnische Sprüche und Redensarten. Dabei essen sie vegane grüne Bratwurst. Ich meine, buchstäblich grün. Habt ihr schon mal eine grüne Bratwurst gegessen? Ich war neulich auf einem rein vegetarischen Grillabend. Das Gemüse schmeckte gut.

Bariton/Euphonium

Es macht Spaß, Bariton zu üben. Es ist ovaler und etwas kleiner als ein Euphonium. Beide sind B-Instrumente. Vier Ventile, runder warmer, tiefer Klang. Die ganz tiefen Töne fallen mir nicht so leicht. Die Bariton-Schule deHaske zeigt nur Fotos mit Männern am Instrument. Sexistisch, noch 1999. Als würden nur Männer Blech spielen. Auch der sogenannte “Büchmann” listet als “Geflügelte Worte” ausschließlich Männer (Knaur, 1959). Früher war Sexismus ganz normal. Auch und gerade für Frauen. Die Art, wie sich manche Frauen immer zurückhalten, nervt mich durchaus auch. Doch Bücher mit Weisheiten und Zitate listeten früher nur Männer. Was eigentlich absolut lächerlich ist. Gibt es nicht noch mehr Frauen wie mich? Die gern gesehen werden wollen?

Heute erinnere ich an alle Schriftstellerinnen aus der ehemaligen DDR.

Youtube AHS

Neu: Wie man Orgeln anschaltet

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Neu: Schwedisches Sommer-Liebeslied

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Orgel Vlog Ziethen: Wie schalte ich eine Orgel ein?

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