Rezensionen Neue Musik

Neue Musik. Contemporary Classic

Kristalle und Feuer für Orgel von Ann-Helena Schlüter an der Klais-Orgel in Würzburg

am 15.10. 2021

Um es vorweg zu nehmen: ein einzelner Ton beginnt und ein einzelner Ton beendet das Werk. Was dazwischen passiert, ist umso faszinierender. Ann-Helena Schlüter interpretiert ihre Komposition in einer Intensität und technischen Brillianz, dass ein Weghören schier unmöglich macht. „Kristalle“ ist wie der Gang in einer Eishöhle. Zunächst unbeweglich, befremdet, Halt suchende Blicke… und nur allmählich erschließen sich die Farben der (Eis)Kristalle. Zu den im Dunklen fundamentgebenden Tönen gesellen sich zerbrechliche, der üblichen Intonation entrückte Töne. Schwirrend, verdichtend. Pulse versuchen das Kristall zu zerstören – die Tiefen dominieren. Sie werden abgelöst von klaren und dann ostinaten glockenartigen Klängen – fast wie eine rituelle Szenerie. Man taumelt in der Eishöhle. Imitatorische und kontrapunktische Elemente scheinen die Kristallhöhle zerstören zu können. Nichts kann jedoch die Verbundenheit der Kristalle schwächen. Fast ruhig und zufrieden endet der erste Satz. Jedoch droht Ungemach in der Tiefe. Ann-Helena Schlüter entwickelt einen Feuersturm, der aus der Tiefe kommend in pulsierenden Bewegungen alle Versuche der Melodie- und Harmoniebildung schlussendlich schreiend zerstört. Aber diese Macht des Feuers ist trotz höchster technischer Schwierigkeiten in höchster Präzision und Emotion gespielt. Die kreischenden und chromatischen Flammen enden schließlich in einer gedämpften Orgelpartie – in scheinbarer Überwältigung alles Hellem verbleibt Dunkles, Mumpfiges. Hier hindurch schält sich wieder etwas Hoffnungsvolles hervor – hilfesuchende Harmonien, Halt suchend in einem Orgelpunkt, die letztlich mit einem einsamen Ton am Ende jede weitere Entwicklung und Hoffnung offen hält.

Mit derart programmatisch angelegten Werken kann man sicherlich viele neue Freunde für die zeitgenössische Orgelmusik gewinnen. Zudem, wenn es derart meisterlich an der Orgel zelebriert wird.

Ralf Schwarzien (Musiklehrer, Notensetzer, Orchestermusiker)


Kristalle & Feuer (Ann-Helena Schlüter)

Man hört hier ein sehr individuelles, zeitgenössisches Orgel-Werk von Ann-Helena Schlüter.

Atonale Musik in ihrer Freiheit und Vielfalt, interpretiert auf einer Kirchenorgel mit einem klanglich beachtenden Erscheinungsbild. Entsprechend individuell und ungewohnt erklingt die Musik. Der Aspekt des Neuen ist unüberhörbar, zunächst undefinierbar aber eben auch überaus vielfältig. Ohne Festlegung auf eine bestimmte Richtung entzieht sich Ann-Helena Schlüter traditioneller Formen, um die Offenheit des musikalischen Schaffens neu zu betonen.

Sie wagt es neue, eigene Wege zu gehen, neue musikalische Mittel für zeitgemäße  und künstlerische Ausdrucksformen für die Weiterentwicklung und Differenzierung der (E) Musik zu finden. Dieses Spiel mit künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten ist essenziell für einen kulturellen Diskurs, kulturelle Entwicklung und die Fähigkeit zur Selbstreflexion unserer Gesellschaft.

„Musik stellt Ordnungsverhältnisse in der Zeit dar“ (Karlheinz Stockhausen). Ann-Helena Schlüter setzt sich für diese neue Wahrnehmung und Wertschätzung ein und dafür gebührt ihr hohen Respekt. Das ist Klangkunst im sehr beeindruckenden, zeitgenössischem Charakter.

„Kristalle und Feuer“ beginnt monoton, und nach und nach gesellen sich kristallene Klangelemente dazu. Bordun-Technik mit darüber einfließenden Kristall-Eindrücken sorgen für ein offenes Klangerlebnis. Harmonische Struktur wird hörbar und zunehmend klanglich freier. Ein rhythmischer Bordun-Bass sorgt plötzlich für eine neue, metrische Basis, der Kristallklang bleibt unüberhörbar bestehen. Eine neue, klangliche Offenheit dominiert das neue Klangerlebnis. Der Bass scheint zu dominieren, aber die Kristalle lassen sich nicht entschärfen und kommen agierend in den Vordergrund. Die improvisatorische Kristallgestaltung ist nicht zu überhören. Die Kristalle dominieren und der Bass kann sich nur noch unterordnen.

Im zweiten (feurigen) Teil wird ein klanglich völliger Kontrast zum ersten Teil mit voller Orgel-Werkregistrierung hörbar. Harmonische Struktur und wechselseitiger Austausch  von Feuer und Kristalle bis hin zu enormen Feuer-Elementen. Das Feuer dominiert, bahnt sich eine neue Ebene und die Kristalle bäumen sich auf. Es gilt eine neue Ebene zu finden, doch zum Ende dominieren die Kristalle. 

Das sehr beeindruckende Werk ist eine moderne Erklärung an und in der Orgelharmonik, diese Realität in all ihren Farben. 

Wolfgang Kahl (Musiker, Komponist), Harz, 14.10.2021


Thomas Astfalk (Dirigent, Kirchenmusiker)

Pandémica 2021

Sphärische Klangkontraste, das „dies irae“-Zitat im Pedal bewusst gedackt gehalten zu hellen Oberstimmen lässt aufmerken; sehr kunstvolle tänzerische Bewegungen auf allen Ebenen. Überraschungen sowohl in rhythmischer wie auch klanglicher Hinsicht. Ein gelungener Ausbruch aus dem Korsett dessen, was man zu hören gewohnt ist.

Neoharmonische Kräfte fern jeder Plattitüde, kreative, virtuose Klangfelder als logische Folge des musikalisch Immanentem.

Bad Wimpfen, 22.9.2021


Rezension von Volker Hege (Klassikseiten)

Pandemic Dance (Zyklus 2020/21)

In diesem Zyklus werden Grenzen gesprengt: atonale Zerrissenheit und tonale Szenarien der Ruhe. Chaos konfrontiert Entspannung im Spiegel unserer Zeit: Konfrontation von heiler Welt, Geheimnis und göttlicher Gerichtbarkeit. Das mystische und musikalische Spektrum ist groß.

Bad Oeynhausen, 21.09.2021


Rezension Dieter Weidemann (Kantor, Chorleiter)

Pandemic Dance (Zyklus 2021)

Schockierend und dennoch ein pandemischer Tanz mit Variationen, der Hoffnung und Mut verleiht, zu dem man innerlich tanzen kann, der stark ist. Diese Eigenkompositionen bringen ganz neue klangliche Aspekte in die Orgelrepublik.

Bad Windsheim, 19.09.2021


Rezension Bettina Astfalk-Lehmann (Kantorin)

Pandemic Dance (Zyklus 2021)

Elementare Klangereignisse, Althergebrachtem spottend, ironisch, wild, intensiv. Widerspiel von Kräften, verglühend und doch direkt ins Herz gebohrt. 

Heilbronn, 20.09. 2021


Rezension von Christoph Kätzel (Intonateur, Orgelbau Heissler)

Pandemic Dance (Zyklus 2021)

Die bewusst weibliche und helle Sprache von Ann-Helena Schlüter an der Orgel ist außergewöhnlich, andersartig und daher vielleicht für manche ungewohnt. Zudem ist die Pandemie als Tanz ausgedrückt. Es ist ein dämonischer oder verzweifelter Tanz, jedoch im Zyklus der anderen pandemischen Tänze von Ann-Helena Schlüter stets mit Hoffnungsschimmer auf Rettung.

Die Komponistin Ann-Helena Schlüter schreibt ihre Werke aus Improvisationen heraus, die sie live in Konzerten spielt. Das Werk Pandemic Dance, 2020 komponiert, der erste Teil des Zyklus, gibt den Schrecken und die Angst der Pandemie wieder. Typisch für diesen Zyklus ist, dass sie im Pedal sehr hohe Stimmen verwendet, die Pedalstimme sozusagen in einen Sopran umfunktioniert und diese im Violinschlüssel notiert. Mittlerweile enthält der Zyklus Pandemic Dance viele verschiedene Variationen. Die sehr hellen und flirrenden Klänge im 1-Fuß kombiniert mit dem hellen Pedal im 4-Fuß bzw. im Diskant ergeben eine mir völlig neue und ungewohnte Tonsprache. 

Zu beurteilen, ob man gut blättern kann, kommt mir hier ein bisschen seltsam vor, da Musiker ihre Noten stets so bearbeiten müssen, dass das Blättern trainiert, geübt und arrangiert werden kann. Hier sieht es jedoch machbar und gut aus. 

Die Bindung der Noten ist gut gewählt, wobei mir für Orgelnoten die Version im Querformat im Allgemeinen sinnvoller erscheint, da bei drei- fünfmanualigen Spieltischen eine Höhe der Noten entstehen kann die für Organist*innen, die nicht gerade Sitzriesen sind durchaus zu Schwierigkeiten in der Les- und Spielbarkeit führen kann. Die Lesbarkeit und das Druckbild dieser Noten sind erstklassig.

Igersheim, 25.07.2021


Rezension von Andreas Friedrich​​​​​​​ (Autor)

Apocalyptica für Orgel 

Das Stück Apocalyptica von Ann-Helena Schlüter ist Neue Musik vom Feinsten, jedoch auch vom Sonderbarsten. Die Organistin verwendet ein reiches Spektrum an Farben, besonders in den hohen Lagen. Beinahe verstörend klingen hierbei die angstmachenden Umstände unserer Zeit in Musik ausgedrückt. Das Spektrum der Orgel wird sowohl vom Umfang als auch vom Farbreichtum voll ausgeschöpft. Durch Manual Wechsel, Triller, virtuose Läufe und virtuoses Pedalspiel werden die Virenbuchstäblich zum Leben erweckt. Der persönliche Stil von Ann-Helena Schlüter ist hierbei deutlich heraus zuhören. Wer ihr Gesamtwerk kennt, bemerkt, eine melancholische, düstere, dennoch helle, nordische Note ihrer Musik. Auch diese Komposition zeichnet sich durch Kreativität und künstlerische Meisterschaft aus. Sie spiegelt eindrucksvoll die Leidenschaft in der Komposition und Realisierung des Stückes durch die Künstlerin wider.

Hohenmölsen, 16. 07. 2021

 

Pandémica Dance
Komet
Der weiße Reiter
Pandemie Tanz
Rapture