Gedanken

Gedanke 46

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Köln

Freiheit ist nicht Chaos, nicht Zufall. Improvisation ist kein Zufall. Freiheit ist Bekenntnis. Beschreibungen sind in der Musik wie auch in der Literatur die schwächste Form von Bekenntnis, sei es die Beschreibung des Meeres oder des Universums, doch Beschreibungen sind auf jeden Fall Bekenntnisse und führen zu größeren, tieferen. Beschreibende Musik wie Debussys, Ravels, Strawinskys sind keine bekenntnislose Musik. Selbst die Geburtsstunde der seriellen oder vororganisierten Musik, zum Beispiel Stockhausen, ist nicht Anti-Bekenntnis. Musik von Messiaen geht weit über Reihenmusik hinaus, weit über die Organisationen von Skalen. Atonalität, fixierte musikalische Punkte und Konzepte und absolute Musik tränen vor Bekenntnis. Konzepte allein sind keine Kunst. Selbst Stockhausen bewegte sich aus seiner fatalistischen, dogmatischen Gruppe der elektronisch und seriell determinierten Musik, in der nicht anders komponiert werden durfte und die viele begabte Menschen vertrieben hatte, fort und heraus.

Gedanke 45

Der frühe Morgen ist eine gute Zeit, kreativ zu sein. Inspiration ist Gnade, Beharrlichkeit, Arbeit und Fleiß. In der Musik erkenne ich genauso nicht nur Puls, Tempo, sondern eine Gleichung aufleuchten, als könne man in Klängen Gleichgewicht und Zeit in der Musik mathematisch analysieren. Sie entfaltet sich erst im Rhythmus, wenn sie den Herzschlag schlagen kann. Und besonders im menschlichen Gesang findet sie Erfüllung, im Weichen, Unermesslichen, Verletzlichen. Mathematik ist nicht dazu da, unpersönlich zu sein. Abstraktion und Kunst gehören faszinierend zusammen.

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Los Angeles

Gedanke 44

Johann Sebastian Bach ist ein musikalischer Philosoph. Kein anderer hat Todessehnsucht geistlicher Art in Musik verpackt wie er, nicht nur in Zahlen, sondern in Intervallen und im geordneten Kontext seines Gesamtwerks, ein musikalischer Wissenschaftler, einer, der sie gegründet hat. Zu seiner Zeit war ein Musiker ein bloßer Praktiker, ein Musikant. Damals ging man in die Lehre, in die Musik-Lehre (heute Studium).

Korsika

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Gedanke 43

Musik möchte frei machen, aus Angst, Enge und Verklemmtheit führen.
Sie nur in Bildern zu hören: assoziativ, macht nicht frei. Sie nur in der Bewegung oder in der Bewegungssuggestion zu hören, befreit auch noch nicht; aber wenn sie sprechen darf in die Tiefe, dann macht sie frei. Das dauert eine Weile. Im Konzert halten die Menschen oft Stille oder angsame Passagen nicht aus. Es wird dann in einer Art Gegendemonstration gehustet oder mit viel Geraschel ein Bonbon ausgepackt. Doch Musik ist manchmal fragil, zerbrechlich, geradezu melancholisch, und dennoch spricht sie tief ins Herz. Manche Menschen haben Angst vor Moll. Auch in der Kirche bin ich einmal gebeten worden, Lieder nur in Dur zu schreiben. Bereits Bach litt in den Kirchen unter den obersten Leitern. Sie erkannte nicht an, was seine Herzenseinstellung war bezüglich der Musik in der Kirche, die er erneuern wollte. Sie wollten an dem alten System festhalten. Eine Herzenseinstellung kann man nicht verbieten oder verkrümmen. Und wenn man durch Musik erneuern will, dann ist es nicht nur die Musik, die erneuert wird: durch die Musik wird vieles andere auch gleich miterneuert.

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Kairo

Gedanke 42

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Weimar

Gibt es künstlerische Mathematik in Form und Zeit? Sie ist in der Zeit, wie wir sie in uns im Vergehen empfinden. Wie schnell, wie langsam sie vergeht. Die Musik ist ein Archiv, ein Zeichen dafür, wie Menschen durch alle Zeiten Zeit empfunden haben — Zeit vergehen empfunden haben. Zeit hat mit Mathematik zu tun, Kunst und Musik mit Zeit, die Sprache und die Rhetorik mit Mathematik — im Atmen, wenn auch nicht in Zahlen. Kunst, Mathematik, Philosophie ist Universal-Sprache.
Verschiedene Freiheiten, sich auszudrücken, mag ich auch bei Led Zeppelins Musik.

Gedanke 41

Kunst und Musik sind ein Archiv der Sinne und führen hinter den Vorhang ins Unsichtbare. Auf diese Weise betritt man den Bereich des Spekulativen, den Bereich des Fremden, des Geistlichen auf eine sinnliche Art. Wissenschaft, Intuition, Glaube und Sinne gehören eng zusammen.

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Hallstätter See

Gedanke 40

Der Quintenzirkel ist für mich ein „Gottesbeweis“: An Gott zu glauben ist nicht intellektuell anspruchslos. Die Wissenschaft sollte nicht der Feind oder Gegner des Glaubens und der Literatur werden. Genauso wenig wie Musikwissenschaft Gegner der Musik ist, auch wenn es oft so scheint. Bach war ein großer Dichter und Denker, so auch Wagner und viele andere, die unser Land beeinflusst haben. Sie arbeiteten oft auch mit verborgener Symbolik. Symbolik addiert sich in meinen Gedanken wie verselbständigte Kunst, um auf den rechten Zeitpunkt zu warten.

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Oberösterreich

Gedanke 39

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Calvi

Energie in Zärtlichkeit

Gedichte von Eichendorff, Rückert, Keller, Celan, Fried, Augustinus, Rilke und vor allem Georg Trakl — seine zärtliche, dunkle Literatur, die etwas Ruhiges, Zynisches, Suchendes hat — genauso Thomas Bernhard, oder in der Musik Hindemiths.
Bachs Musik aber spricht rund und frei von Liebe, als könnte ich mitschreiben, jeden Tag etwas anders, doch immer im Niedergehen die große Kraft, im Beugen die größte Spannung. Seine Musik ist eine Einladung zu Gott, zur Ewigkeit, zum Loslassen, Vertrauen, Glauben.

Gedanke 37

Seele ist Sinn wie Haut. Demnach haben wir sechs Sinne: schmecken, fühlen, riechen, tasten, sehen und sein, im Inneren wirklich sein. Geistlich ist sinnlich. Denken ist Sinn.

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Karlstadt