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Ann-Helena Schlüter

18. November 2025: Ja, sagt’ ich, komm nur her, du getreues Instrument. Unser Reich ist nicht von dieser Welt. (Eichendorff)

Foto: Steinway und Trompete 2025

Was im Kopf von Menschen vorgeht, die ein Instrument als Hobby erlernen und die Musik als Hobby betreiben und darin dilettieren, mit ab und zu Üben, war für mich nicht immer leicht zu verstehen, da Musik ein Teil von mir ist, sowohl körperlich als auch emotional, mein Ausdruck ist, sowohl geistlich, körperlich als auch seelisch. Und dieser Ausdruck soll der beste und schönste und intensivste sein, sonst hat es doch keinen Sinn. 

Doch auf der anderen Seite ist es gerade für Profi-Musiker wichtig, ein Instrument als Hobby und ganz ohne Leistung zu erlernen, wie zum Beispiel das Saxophon.

Man lernt, wie man als Erwachsene lernt (wobei ich das schon kenne, siehe die Orgel, die ich als Erwachsene professionell mehr oder weniger über Nacht lernte). Frau sieht von außen auf sich, wie sie lernt. Und man sieht und lernt, wie man unterrichtet wird. Die Kombination von Musik, Spielen, Lernen und Lehren ist mit Schönste im Leben.

Ich habe von meinen Eltern viele “alte” Klavierbücher, u.a. Nachdenken über Musik (1976) von Alfred Brendel, erhalten. Jetzt, mit den Augen von heute, ist so ein Buch in gewisser Weise seltsam.

Brendel bedankt sich ausschließlich bei Männern, eine Liste, als hätte er in seinem beruflichen Leben nur mit Männern zu tun gehabt, was vermutlich stimmt. Letztendlich ist das ganze Buch für und von Männern, er schreibt rein maskulin und zitiert ausschließlich Männer und listet diese in Fußnoten, um einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben.

Auf jeder Seite werden unterschiedliche Männer genannt, die mit weiteren unterschiedlichen Männern über Männer-Komponisten diskutieren. Diese Art Buch in seiner völlig Ignoranz, was Frauen angeht, weibliche Kunst, Kolleginnen, Künstlerinnen, Pianistinnen etc., ist erschreckend.

Ein Wesen vom Mars würde denken, es gäbe nur Männer auf der Welt, würde es so ein Buch in die Finger kriegen. Und wenn es Frauen gäbe, sind sie weder in der Kunst noch im Originellen und Künstlerischen zu finden? Gerade mal Clara kommt einmal vor.

Ist dies die normale berufliche Welt von Männern, bevor das totale Frauen-Außenvorhalten nicht mehr erlaubt wurde? Ich fürchte ja.

Das einzige Mal, wo von Frauen die Rede ist, auf Seite 126, zeigt eine eher negative Weise – als würde der gute Liszt mit seiner Musik nur “die Frauen” aufreißen wollen. “Die Frauen”. Wie profan: “Liszts Wirkung wird aufs Physische und Profane beschränkt”, schreibt Brendel. Dieser Satz in diesem Zusammenhang ist schlimm und dumm, man könnte allein über diesen Satz als Merkmal der Frauenfeindlichkeit stundenlang diskutieren.

Ich glaube, dieser Satz ist ein Schlüssel zum Verständnis des ganz normalen, gesellschaftstauglichen Sexismus.

Es ist eine Art berufliche Frauenfeindlichkeit, die sich natürlich auf alles erstreckt. Man kann nicht sagen, man findet Frauen super, wenn man sie nicht im Beruflichen akzeptiert, fördert, annimmt.

Das ist doch sonnenklar. Wieviel Angst muss dahinter stecken, einen so großen Teil der Menschheit nicht wahrnehmen zu wollen und ewig lang unterdrückt zu halten? Nur für Haushalt und Befriedigung zu benutzen?

Der Rest des Buches klingt eher konservativ und langweilig, ich kann nichts Neues oder Künstlerisches in diesem Buch finden.

17. November 2025: Was, du übst du noch? Ich dachte, du hast studiert? 

Foto: Konzert Orgel und Trompete St. Laurentius Kirche Leinach 2025

Das Konzert war sehr schön. Trompete und Orgel ist eine brillante Mischung, besonders in guter Akustik. Wolfgang Huhn, Solo-Trompeter aus Aschaffenburg, und ich hatten Freude beim Spielen. Ein wunderschöner Kranz wurde zum Gedenken nach vorn getragen. Gern hätte ich so einen Kranz. Aber leider bekommt man so einen scheinbar erst, wenn man stirbt?

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Volkstrauertag Oberleinach Kirche


16. November 2025: Beim Klavierspielen stelle ich mir auch Register vor.

Gesegneter Volkstrauertag!

Ich spiele heute ein Trompete-Orgel-Konzert auf einer kirchlichen Gedenkveranstaltung. Ich liebe den Klang aller Blasinstrumente – sei es nun Oboe, Posaune, Flöte … Ich selbst spiele Saxophon und Blockflöte. Habe jetzt wieder regelmäßig Unterricht in Saxophon. Ich habe ein paar schöne Saxophone: Alt, Tenor, C-Melody. Davon spiele ich nun mein goldenes Alt-Sax aus den USA in einem alten Selmer-Koffer, der innen lila gepolstert.

Talent zeigt sich nicht darin, ob man üben braucht oder möglichst wenig üben braucht oder gar nicht – sondern daran, wie sehr und wie häufig man üben möchte. 

Männer und Frauen sind musikalisch unterschiedlich begabt. 

So wie Sport und Herzinfarkt sich anders auswirken oder Alkoholkonsum. Aber oft wird nur die männliche Begabung gefördert in Wettbewerben und im Beruf. Das muss aufhören.  

Sich auch im „Mittelmaß“ (musikalisch) ausdrücken können. 

Denn auch das Leben ist oft „Mittelmaß“. Die meisten Menschen sind es. Mittelmaß muss man sein können. Ob man es nun ist oder nicht. 

Ich habe gestern den alten Männer-Film Fail Safe gesehen. Er ist schlimm und zeigt, wie sehr Männer durch Macht und Krieg das Leben ganzer Städte, das Leben unseres Planeten zerstören.

Habe die Silverline Classics DVD Collection, aber ich bin nicht mehr Fan, denn: Die alten Aufnahmen mancher Orchester sind – ich weiß nicht, wie man das nennen soll – … da sitzen die Orchester, mit wenigen Frauen bestückt, und es werden ausschließlich und ununterbrochen die Männer gefilmt und das in Großaufnahme – die Frauen sieht man nur, wenn die Kamera auf die gesamte Bühne schwenkt. Warum?

Und ich lese Der ideale Chordirigent von Wolfgang Schäfer, hat er mir zugeschickt, weil es das Buch leider nicht mehr zu kaufen gibt. Es erschien bei Peters. Ist super!

Gerade war ich das dritte Mal in der Semperoper Dresden: diesmal in Romeo und Julia. Ich probe in Dresden mit einer Harfenistin für ein Konzert in Berlin. Die Semperoper ist top, vor allem Chor und Orchester. Wir saßen auf dem besten Platz der ganzen Oper: in der Loge.

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15. November 2025: Das ist, wenn man ganz vorn gerade, erwartungsvoll auf der Stuhlkante sitzt. Zum Beispiel im Chor.

Foto: Julián de la Orden Orgel Kathedrale Málaga

Außergewöhnliche Julián de la Orden Zwillingsorgel Kathedrale Malaga, Andalusien, Spanien, 2x 3 M mit 51 Tasten, mechanisch

Der spanische Orgelbauer Julián de la Orden erschuf diese wundervolle große Barockorgel bestehend aus zwei Orgeln mit je 3 Manualen in der Santa Iglesia Catedral Basílica de la Encarnación des Bistums Málaga nahe am Hafen.

Ich war einige Tage als Pianistin auf dem neuen Segelschiff Sea Cloud Spirit, Baujahr 2021; wir waren in Spanien, es war sehr interessant.

Wir besuchten Málaga in Andalusien, die Picasso-Stadt, wo ich die große Palastanlage und Festung Alcazaba und die Burg Castillo de Gibralfarobesuchte, die hoch oben liegt. Das Wetter war sonnig und warm, ca. 24 Grad.

Von der Burg aus konnte ich den schönen Hafen mit unserem Segelschiff und das römische Theater sehen.

Spannend war natürlich auch die Kathedrale, die zu den reichsten in Spanien gehört und über zwei Orgeln verfügt, die 1780 von Julián de la Orden erbaut wurden:

Phantastisch erhaltene, barocke, große, beinahe identische Zwillings-Orgeln, die gegenüber stehen, mit über 10.000 Pfeifen, 2000/2001 restauriert.

Sie steht in außergewöhnlicher Akustik und umschließt das wertvolle braune Chorgestühl. Das Orgelpaar steht ungewöhnlicherweise in der Mitte der Kirche und wird vom Rest der Kirche umschlungen. Das Orgelpaar besteht aus diesen Orgeln: Die Evangelienorgel wurde 1781 fertiggestellt, die Epistelorgel 1782. 

14. November 2025: Heute schreibe ich in die gleiche Noten erwachsene Ergänzungen.

Foto: Otter Kyburz Orgel Santa Maria Mahón Menorca, Spanien

Ich liebe die Sprache von Schubert.

Sie steht unserem Zeitgeist unmittelbar entgegen. 

Noch mehr die Sprache Bachs. 

Deswegen verstehen viele kein Wort von beiden. 

Man ist entweder ein Schumann – oder ein Schubert-Typ.

Wegen der unterschiedlichen Dramatik. Ich liebe beide. Aber ich bin ein Schubert-Typ.

Wenn ich aus meinen Kindheitsnoten Wanderer-Fantasie spiele, bin ich erstaunt: nach all den Jahren kennen meine Finger den Weg, wissen genau, wohin.

Und nicht nur das: alles, was ich damals gesehen und gespürt und erlebt habe, als ich die Wanderer-Fantasie als Kind übte, ist durch die Musik, den Klang, das Papier und die sinnliche Bewegung konserviert worden: ich sehe wieder vor mir, was ich als Kind gedacht und gefühlt habe – sehe und spüre Schatten und Lichter, denke mit einem kleineren Kopf, mit kindlicherem Herzen. 

Ja, es ist auch das Optische: Die Noten wie damals, aus der alten Peters-Ausgabe, die es heute nicht mehr gibt – die beste, klarste, wenn auch vielleicht nicht die Urtextischte. Aber wie wo Noten stehen, das ist schon wichtig. Es gibt Ausgaben, die ich so eng und beklemmend oder völlig unhandlich finde, dass ich sie nicht spielen oder verwenden kann. Gerade das Optische von Notentexten prägt sich beim Auswendiglernen in das Gedächtnis und in die Seele ein.

Schon als Kind habe ich meine Noten bunt angemalt – mit kindlicher, krakeliger Kinderhandschrift vollgeschrieben und mit riesigen Zahlen als Fingersätze. Mein Papa hat dazu nie etwas gesagt. Manche schwarzen Kleckse hielt er für tote Fliegen, die er mit der Fliegenklatsche auf meinen Noten erledigt zu haben glaubte. Heute schreibe ich in die gleiche Noten erwachsene Ergänzungen.


Große Otter Kyburz Orgel Santa Maria Kirche Mahón, Insel Menorca, Mittelmeer, Spanien, 3 M, 3210 Pfeifen, 52 R, 30 Tasten-Pedal

Die monumentale, historische, wandfüllende Orgel ist sehr gut erhalten, mit französischen und deutschen Klängen, spanischen Trompeten, sowohl für Barock als auch für Romantik geeignet.

Eine Schweizer Orgel auf einer spanischen Insel. Ich lernte sie kennen bei meiner Kreuzfahrt als Pianistin auf dem Segelschiff Sea Cloud Spirit, Cruise Clipper.

Die gotische Kirche ist das älteste Gebäude der kleinen Stadt und steht in der Altstadt. Sie hat berühmte Glocken und viele kleine Kapellen.

13. November 2025: Fort vom starren Wind hin zum natürlichen, sensiblen.

Die Spieltraktur ist der Weg von der Taste zur Pfeife. Es ist sehr wichtig, dass diese Trakturen sensibel sind. Eine Orgel ist niemals ein Gemischtwarenladen. Zu glauben, sie müsse alles können, ist absurd. Es ist jedoch ideal, wenn sie das, was sie kann, in höchster Qualität kann.

Manche meinen, sie hätten einen hohen Anspruch an eine Orgel, wenn keine gut genug ist. Ich halte das für Unsinn. Natürlich kann man Nachbauten verwerfen; man kann alle möglichen Orgeln verwerfen. Ich habe auch meine Lieblingsorgeln und Ideale. Aber mein Anspruch ist, aus jeder Orgel das Beste herauszuholen.

Ich finde, es gibt in der Musik so viele unterschiedliche Facetten an Begabungen. Es gibt Leute, die sind unglaublich gut in Musiktheorie und Intervallen. Und das gibt es tatsächlich Pianisten, die können kein Hänschen Klein aufschreiben, aber Beethoven Sonaten auswendig spielen; es gibt Organisten, die können keine Melodie aus dem Hören auf die Tasten bringen, ohne zu suchen usw. und wieder andere, die können keinen virtuosen Lauf spielen, aber improvisieren.

Wobei das Improvisieren in der Kirchenmusik meist nur Pattern sind, die auswendig gelernt werden, etwas Konstruiertes, das nichts mit Improvisation (= Freies Spielen) zu tun hat, eine Choreographie.

Bei mir sind Intervalle und Klänge oft Farben, Worte. Keine Begriffe. Sie verschmelzen im Kontext, und es kann bei mir eine Art Blackout auslösen, wenn sie einzeln hart herausgezogen werden, um sie zu begrifflichen, da ich in einer ganz anderen Welt lebe.

Andere wiederum wollen vor allem wissen, wie Musik funktioniert und brauchen ausschließlich Definitionen, Begriffe und Systeme, die sie anwenden, Halt.

Und dann sind die Menschen, die leider als Kind nie gesungen haben. Diese werden später oft die Brummer im Chor. Sie merken das oft gar nicht, dass sie vollkommen off sind und keinen Ton nachsingen können. Dass sie es nicht merken oder hören, ist das Bedauerlichste an der Sache. Es zeigt, wie weit weg sie sind von dem, was wir unter Schönheit der Musik verstehen.

Aber vielleicht ist das auch nicht entscheidend. Ich finde es toll, wenn jeder im Chor singt. Das ist das, was zählt – zu kommen und gemeinsam zu singen.

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12. November 2025: It is like saying: I would stay and love you, but I have to go. (Lisa St. Aubin de Teran)

Foto: Orgel Christuskirche Heiligenstadt Franken

Heute erinnere ich an Anna Joachimsthal-Schwabe, Zionistin, 1892.

Ich verstehe, was Lisa damit sagen wollte. Und in ihrem Beruf ist das auch völlig verständlich und in einem ganz anderen Kontext zu sehen. Aber als Zitat für eine Kreuzfahrtgruppe dienen diese Worte nicht gut; denn Lisa meinte sicher nicht, dass 2-4 Stunden an einem Ort reichen, um sagen zu können, man hätte geflirtet; meist hat man in dieser Zeit gerade mal durchgeatmet und sich umgesehen.

Oder ist damit Flirten mit Shops gemeint, um mit Shopping-Tüten an Bord zurückzukehren? Das stimmt natürlich.

I would stay and love you … auch Flirten braucht eine gewisse Zeit, Interesse und eine gewisse Tiefe. Zwei Stunden durch eine Altstadt jagen, um pünktlich beim US-Starkoch beim Gala-Dinner an Deck zu sein, gehört nicht wirklich dazu.

Anstatt den wunderschönen Plaza de la Virgen mit Brunnen und Kathedrale Valencia, die Seidenbörse, Markthalle, Glockenturm und die vielen Museen zu bestaunen, oder die Santa Maria Church of Mahón, saß man wieder beim Essen auf dem Schiff. Das ist, als würde man mit dem Auto irgendwo hinfahren, am Ziel im Auto sitzen bleiben, sein Teewurst-Brötchen essen und auf den Asphalt starren.

Was nützt es, durch die Welt zu reisen und keine Zeit zu haben, die monumentalen spanischen Orgeln zu sehen, die ganze Wände füllen?

Solche aus dem Kontext gerissene Zitate für Kreuzfahrtler rechtfertigen in gefährlicher Weise das blinde Reisen und dienen dazu, das oberflächliche Reisen als etwas Gutes und Schönes anzusehen.

Und was ist schon Flirten im Vergleich zu Lieben?

11. November 2025: Man muss die Dinge beim Namen nennen.

Foto: Becker Orgel St. Anna Kirche Twistringen 2025

Heute erinnere ich an Valeria Kratina-Köhler, 1882, Tänzerin und Musikerin. Und an die spanische Nonne Beata Petra de San José oder auch Petra Pérez Florido.

Es sollten noch viel mehr Klavierwerke auf die Orgel übertragen werden, finde ich.
Schubert auf die Orgel zu übertragen, ist nicht leicht: Es gibt kein Sustain-Pedal, und das Registrieren, um den dynamischen Klang zu kompensieren, der an der Orgel fehlt, hindert manchmal den Fluss.

Einen Klavierklang an der Orgel herzustellen, ist kompliziert. Aber es macht Spaß und ist eine Herausforderung. Transkriptionen an der Becker-Orgel Twistringen:

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Die große helle kath. Kirche steht in der hübschen norddeutschen Kleinstadt Twistringen in der Nähe der roten evangelischen Kirche, die etwas kleiner ist. Die Orgel ist laut, jedoch funkelnd. Ich habe alle Register gezogen. Eine Wartung braucht die Orgel erst mal nicht mehr.

Schön sind die spätgotischen Kirchenfenster in der neugotischen, dreischiffigen Backstein-Basilika. Es ist eine lebendige Gemeinde, viel Chorarbeit und Spaß.

Brillante Akustik; schöner Nachhall.

In der Hallenkirche steht ein bronzenes Taufbecken aus dem 13. Jh.

10. November 2025: Mein Mozart klang wie ein orgelverzierter Papageno, retro registriert.

Foto: Michael Becker Orgel St. Anna Kirche Twistringen, Niedersachsen 2025

Michael Becker Orgel kath. St. Anna Kirche Twistringen bei Bremen, Niedersachsen, Bistum Osnabrück, 1995, 3 M, 42 R, RP

Es war sehr schön, hier im Orgelherbst 2025 das Abschlusskonzert zu spielen, Eintritt 10 €. Orgelbauer Michael Becker lebt nun in Süddeutschland.
Die Orgel hängt recht tief und hat dennoch einen Schwalbennest-Charakter, da sie schwebt. Hinauf führt eine gefährliche enge Wendeltreppe.

Sie ist von der Idee her ein Nachbau der Silbermann-Orgel Freiberg. Sie ist sogar silbermanniger als Silbermann selbst: Dieser durfte nämlich leider nie ein Rückpositiv bauen, vermutlich aus Platzgründen. Diese hier aber hat ein großes schönes RP.

Es ist meine erste Becker-Orgel. Sie ist ein mechanisches großes Schleifladen-Instrument mit tollen Zungen und Tremulanten, leider ohne Schweller und noch ohne Setzeranlage. Ich habe alles selbst registriert und geblättert, bis auf die Bach-Fuge BWV 542, bei der Julia geblättert hat.

Die Vorrichtung für eine Setzeranlage hat Becker eingerichtet; jedoch braucht die Gemeinde mind. 50.000 € für eine solche.

Der Grund dafür, dass die Orgel keinen Schweller hat, ist der Platz: St. Anna (1870) besitzt ihren Turm nicht vor, sondern in der Kirche, und dann kommt schon die Orgelempore.

Die Orgel spielt sich butterweich. Hinzu kommt die brillante Akustik. Der Musikwissenschaftler Greß hat sich die enorme Mühe gemacht, die Mensuren der Freiberger Silbermann-Orgel exakt und kostenlos zu messen und für die Orgel in Twistringen auszurechnen, die dann 1995 letztendlich 700.000 DM gekostet hat. Die Labien sind bei Silbermann besonders breit, bei Schnitger eher eng.

Silbermann hat ja eher einen direkten Sound. Nichts ist in dem Sinn zart.

Mir gefallen hier besonders die zarten 16-Füße und die süßen Solostimmen. Am Anfang des Konzertes habe ich meine Flötenuhren vorne erklärt, die ich dann mit zarten Stimmen spiele, immer wieder anders, Mozart, Haydn, Beethoven, zusammen mit den Tremulanten klingen sie beinahe retro registriert. Mein Mozart klang wie ein orgelverzierter Papageno – sagte mir eine Dame im Publikum, in deren Pension ich später übernachtete.

Anschließend waren wir griechisch essen. Dort habe ich ein köstliches neues Wort kennengelernt: Urvieh. Was soviel wie Haudegen bedeutet.


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9. November 2025: To travel is NOT to possess the world. (AHS)

Foto: Orgelherbst Twistringen bei Bremen

Heute erinnere ich an Antonia Dietrich, 1900, Schauspielerin.

Und an Erich Klausener, 1885, Recklinghausen, Mordopfer der SS 1934.

Ich bin unterwegs zum Orgelherbst heute. Das Chaos bei der Deutschen Bahn ist schlimmer statt besser geworden. Teilweise werden Gäste von hinten nach vorne gejagt und wieder zurück, weil angeblich ein Zugteil abgekoppelt wird und dann wieder nicht. Massen-Panik war die Folge; Leute stürzten und schrien.

Ich glaube, die Motivation, warum einige reisen, ist, weil sie denken, die Welt damit besitzen zu können. Das ist völlig falsch. Das Gegenteil ist der Fall. Oft stehe ich hilflos und ohnmächtig vor dem, was ich sehe. Trotzdem ist unsere Welt wunderschön.

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