Musik löst sich auf, doch legt sich unsichtbar und kraftvoll in die Zeit. Was man nicht lesen oder in Worte fassen kann: zwischen den Zeilen die Sehnsucht nach Ewigkeit. Das Unsichtbare wird sichtbar. Moll ist schön wie Dur. Verletzlich zu sein hat etwas Klares und Starkes, etwas, das beschützt. Echt, transparent und verwundbar zu sein im Alltag, Leben und auf der Bühne sind für mich die größten Herausforderungen. Sich verletzlich zu machen auf eine notwendige Weise, öffnet einen neuen Weg in Gemeinschaft, einen, der mich überrascht. Es ist ein geistlicher, weicher, kreativer Weg. Es ist nicht sicher und tut weh, diesen Weg zu gehen. Aber wenn man sich nicht darauf einlässt, vergeht etwas; und wenn man sich darauf einlässt, entsteht eine neue Welt. Es ist wichtig, über das Zarte im Leben zu lesen, mich darin zu spüren: das ist, sich auch dann geliebt zu wissen, wenn man nicht fröhlich, weich, sondern verletzt, hart, aggressiv ist. Was mir auf dem Herzen liegt, scheint manchmal in einer anderen Welt geboren, durch Töne, Bildworte. Es sind Worte, die in einem Prozess zur Welt kommen wollen. Solange bin ich für sie verantwortlich, damit sie für andere verständlich werden. Der vollkommene Ausdruck ist eine Explosion in Freiheit. Segensmeer.

Schönheit lebt, wenn sie frei und bedingungslos ist, denn Schönheit ist Bedingungslosigkeit. Zunächst aber erscheint sie in Ohnmacht; aber sie wächst, denn sie hat Freude tief in ihrem Kern.

„Eine der begabtesten und prophetischsten
Frauen, die ich kenne.“

Heidi Laubscher, Gebetshaus Amden, Schweiz

Leseproben

Er blies: Aus seinem roten Lutscher kam ein schriller Pfeifton. Der Junge mit dem Hörgerät zuckte zusammen. Die anderen Kinder lachten. Er blies noch mal; ein paar Leute in der Straßenbahn sahen sich um, schauten. „Florian, nicht so laut!“ sagte ein Junge. „Mach weiter!“ schrie ein anderer. Florian steckte sich seinen Lutscher wieder in den Mund, zog ihn genüsslich heraus, hielt sich das Anfangsstück an seine Lippen und stieß einen langen Pfeifton aus. Der Junge mit dem Hörgerät zuckte erneut zusammen.
Er legte eine Hand auf sein rechtes Ohr und dämpfte das Pfeifen damit ab; der Ton schmerzte ihn. Aber er lächelte. Seine Zähne waren schön. „Hast du gesehen, was der macht?“ lachte ein kleines Mädchen. „Florian, los, blas noch mal!“ Der rote, glänzende Lutscher, schon ziemlich mitgenommen, wanderte wieder an die Lippen Florians. Das spitze, grelle Pfeifen füllte den Gang der Straßenbahn, besonders lange diesmal. Florian hatte bald einen ebenso roten Kopf wie sein Pfeifinstrument, da es ihn so viel Atem gekostet hatte. Der Junge mit dem Hörgerät lächelte. Der langgezogene, hohe Ton schmerzte sehr, er dämpfte ihn ab, indem er seine rechte Hand auf sein Ohr legte, aber er schämte sich auch, die anderen Kinder machten es ihm nach; also nahm er seine Hand wieder fort von seinem Ohr. Aber da war wieder der Pfeifton und der Schmerz, er musste die Hand wieder hinlegen, damit das Pfeifen leiser würde, doch die anderen Kinder lachten ihn aus und beobachteten ihn. Er nahm die Hand wieder weg, legte sie wieder hin, nahm sie wieder runter. Florian hörte auf zu blasen. „Habt ihr den gesehen? Ist der dumm“, sagte er verächtlich. „Warum macht er das?“ Der Junge mit dem Hörgerät war aufgeregt, dann konnte er sich schlecht konzentrieren und hörte nicht viel, aber er wusste, dass die anderen Kinder über und zu ihm redeten. Er lächelte schüchtern. Er verstand selbst nicht, dass hohe Töne ihm so weh taten. Aber die Kinder sollten seine Freunde werden. Florian gab ihm einen Stoß und tippte sich an die Stirn. Ein kleines Mädchen packte sein weiches Stofftier, das er an seinem Sportrucksack befestigt hatte, und schleuderte es hin und her.
Dann machte sie Anstalten, auf sein Ohr mit dem Hörgerät zu schlagen. Sie spitzte die Lippen, ballte ihre kleine Hand zur Faust, holte aus, zielte und drehte sich gerade so geschickt, dass sie sein rechtes Ohr immer wieder nur um ein paar Zentimeter verfehlte. Der Junge mit dem Hörgerät hörte nicht auf, zu lächeln. Wenn sie ihn doch nur fragen würde, warum, vielleicht könnte er ihr erklären …
Florian fing wieder an zu blasen, und sofort begann das Spiel mit Hand-auf-das-Ohr-legen und Ohr-wieder freigeben des Jungen ihm gegenüber aufs neue. „In der Schule ist der auch immer so blöd!“ sagte das Mädchen. Die anderen Kinder begannen nun ebenfalls, ihre Hände auf ihr rechtes oder linkes Ohr zu legen. Sie lachten dabei, schleuderten ihn an seiner Schultasche herum. Das Lächeln des Jungen mit dem Hörgerät wurde immer strahlender, er lachte begeistert mit. Die Straßenbahn verlangsamte ihr Tempo und erreichte eine Haltestelle.
Das kleine Mädchen konnte es immer noch nicht lassen, so zu tun, als würde sie auf sein Ohr schlagen. Die Türen gingen auf.
Florian mit dem roten Lutscher stieg aus, die anderen Kinder drängten ihm nach. Das kleine Mädchen ging hinter dem Jungen mit dem Hörgerät und sagte: „Schaut euch den an, der lacht die ganze Zeit, obwohl er gar nicht weiß, worum es geht.“

(ISBN 3879983240)

Eine Höhle echote seine Gedanken. Durch pochende Wege in seinem Kopf kam sein dröhnendes Bewusstsein aus Not zum Halten. Enge Räume und verschlossene Türen nahmen ihm Pläne und Kontrolle, dass sein Denken nackt auf Abwehr zurückfuhr. Die Angst machte aus seinem Inneren ein gehetztes Tier. Rache wurde geboren aus sprudelnder Verletzung. Sprechende Gedanken raunten ihm Hass zu. Eine Stimme aber schwamm auf dem Ozean der Furcht, eine Stimme im Chaos. Die Stimme war wie ein Kuss, der sein ganzes Gesicht bedeckte, sein Haar hinter das Ohr steckte, das entsetzte Weiß seiner Augen mit Ruhe ausfüllte, zwischen seinen Zähnen Heilung brachte, sein Kinn in die rechte Richtung drehte. Die Stimme ließ ihn sein Herz sehen. Es war das Herz eines Menschen, hilflos und nicht in der Lage, andere Menschenherzen zu bewegen oder zu verändern. Nun, ich kann es auch nicht, sagte die Stimme. Das Lächeln war wie Wein und französischer Gesang. Mit Manipulation ist es ohnehin unmöglich. Aber mein Kopf tut weh, sagte er. Denn ich weiß nicht mehr, durch welche Tür ich gehen soll. Gott half ihm auf. Ich kenne den Weg. Wirklich? Ich suche die Wahrheit, sagte er und kam sich vor wie Alice im Wunderland. Gibt es nur eine Tür? fragte er. Er wartete auf Gottes Stimme, die ihn wirklich beruhigte wie eine kleine Melodie. Sie war, als säßen sie zusammen auf einem sonnendurchfluteten Marktplatz in einem Dorf weit ab. Seine Stimme war die Tür. Wie konnte diese Stimme lauter sein als das Getöse der Dämonen, die ihn vernichten wollten?
Er schlief ein. Es zirpte und grillte und summte um ihn herum. Seine schmerzende Verspannung kribbelte und löste sich auf. Als er aufwachte, war Gott immer noch da. Er sah ihn freundlich an, obwohl es schien, als wäre er auf einem Schlachtfeld gewesen. Seine Kleidung war zerrissen. Was hast du gemacht? Er staunte und rieb sich die Augen. Gott zeigte hinter sich. Ein großes Feld lag in der Ferne im Nebel. Dämonen keiften lautstumm und gesichtslos. Eine unsichtbare Wand schien sie von ihm fernzuhalten. Träumte er? War er sie wirklich los? Sie hatten versucht, seine Seele zu zerstören. Sein Kopf tat nicht mehr weh; er fühlte sich aber seltsam leer an, jedoch auf eine angenehme Weise. Was ist das? fragte er. Dein Herz, sagte Gott. Er sah nur Weite. Gott flüsterte an seinem Ohr.
Das Gute war ihm fremd. Er kannte es nur, besessen zu sein, besessen von Zorn und Hass. Es kam ihm vor, als hätte Gott eine schwere Wäscheklammer an seine Seele geheftet, dass sie am Boden blieb wie ein zittriger Schmetterling. Die Rache gehört mir, sagte Gott. Ich kümmere mich um alles. Langsam fühlte er sich voll an mit Gott, stimmte ihm unsichtbar und doch ungläubig zu. Außerdem konnte er nichts mehr denken. Tiefe, dämmrige Kapitulation machte sich breit. Dass Gott schlimm zugerichtet aussah, beschäftigte ihn, doch es wollte nicht in seinen Verstand, warum. Er wusste nicht, wo er war und wo Gott gewesen war. Wie lange habe ich geschlafen? fragte er schüchtern. Die Luft war warm wie eine Daunendecke, es war immer noch heller Mittag. Einige Jahre, sagte Gott. Was? Er sprang auf. Gottes Ruhe ließ ihn nicht wegrennen. Doch hässliche Fliegen der Panik umwölkten sein vom Schlaf fast ausgeruhtes, aber noch schläfriges Gehirn. Sein Inneres mit Hast, Drang und Sehnsucht schlug Alarm, doch auch die Ruhe und Kapitulation hatten eine eigenartige Anziehungskraft, die er nun kennen gelernt hatte, die neu für ihn waren und die nun mit seiner altbekannten Unruhe wetteiferten. Wie kannst du mich … wie kannst du mich jahrelang schlafen lassen? Einfach ausschalten und zur Seite stellen? Ihm blieb vor Entsetzen die Luft beim Sprechen weg. Du warst müde, sagte er. Seine Abwehr von Hilflosigkeit war zur Routine geworden. Der Blick Gottes aber war wie ein ‚Hoh‘, mit dem man ein Wildpferd besänftigte. Er aber wurde wieder ein kleiner, ängstlicher Junge. Er fing an, gegen Gottes Brust zu trommeln. Alles an Schimpfwörtern, alles an Verletzendem, was ihm einfiel, schmetterte er gegen diesen Gott, aber war atemlos und verzweifelt. Dass dieser sich nicht wehrte, machte ihn noch wütender und hilfloser. Er musste ihn unbedingt verletzen, sonst hatte er das Gefühl, von seinem eigenen Schmerz erhängt zu werden. Was ist los mit dir? fragte Gott. Er wusste es nicht. Er wollte nicht eingesperrt, nicht abgeschoben, nicht tot sein. Ist Ausruhen eine Strafe? fragte Gott. Für ihn war es das. Etwas in ihm flehte ihn wortlos an, den Schmerz zu stillen, den Zorn, den alle an ihm verachteten und fürchteten.
Töte mich, dann hört der Schmerz auf, dachte er lautstark und traf ihn. Doch die Verletzung und stechende Würde zu sehen in Gottes Augen wegen dem, was er da sagte, wegen dem, was er dachte, über sich, über ihn, stillte seinen Schmerz, denn Gott tat nichts, um sich zu wehren, war aber auch nicht in arroganter Weise stark und überlegen. Er war auch nicht kalt. Es war ein überraschendes Gefühl, als sein Schmerz vor Bewunderung, Achtung und Zuneigung in die Knie ging anstatt von Gegenschmerz, der ersten Schritt für Vertrauen. Komm mit mir, sagte Gott. Er spürte, wie der Schock über den in Wellen auftretenden Schmerz ihn hungrig machte nach Geborgenheit. Paradoxerweise brauchte er eine Hand, die ihn hielt. Niemand anderes als Gott sollte ihn halten dürfen. Angst und Abwehr aber ließen ihn nicht zu sich kommen. Er rang darum, weinen zu können. Doch er fürchtete das Gefühl der Hilflosigkeit und Schwäche. Ein Mann weinte nicht. Es schien ihm eklig. Der Druck, wissen zu müssen, was passieren würde in seinem Leben, pulsierte wie eine Wunde in ihm. Ich kann das nicht, ich kann so nicht gehen, sagte er. Der Weg in die Weite ist ein enormes Risiko, da ist einfach Nichts. — Da war nur er. Ich bin da, sagte Gott. Das hier, das Leben im Ungewissen, ist nicht viel besser. Stöhnend und klagend konnte er sich kaum fallen lassen. Außerdem wollte er nicht schon wieder einschlafen und war doch kurz davor. Es hatte ihn müde gemacht, gegen Gott zu kämpfen. Seine Nähe war unbeschreiblich. Nach allem, was passiert war, erwartete er nicht, dass Gott noch mit ihm ging.
Während sie durch das Nichts liefen, erinnerte er sich an viele zermürbende Kämpfe mit Menschen, nur um sich selbst nicht begegnen zu müssen. Er hatte ihnen die Hölle bereitet, denn seine Dämonen setzten sich auf die geliebten Menschen, um sie wahnsinnig zu machen. Niemand schien so viel Angst vor seinen eigenen Gaben und Schwächen zu haben. Bitte, gib nach, hatte er damals alle Götter, die ihm einfielen, bedrängt, ich verspreche, ich werde mich bemühen, ein guter Mensch zu sein, gib nach! Gott sah ihn lange an. Gib nach in was? Du bist nicht geliebt, nur weil du tust, was andere wollen. Du musst dich nicht verbiegen. Er verstand nicht. Er wollte nicht hören, wer er wirklich war, wollte gewinnen und kämpfen, wobei er sicher nicht gewinnen konnte, wo er vor sich selbst davonlief. Ich gebe dir dich, sagte Gott. Sein Herz brach, anders als er gedacht hatte. Mit Geduld und Barmherzigkeit wurde er durch das Nichts getragen. Er aber wollte sein Leben im Griff haben. Gottes Herz, wegen ihm zerbrochen, gab seinem Widerstand gegen seine unbewusste Eigenzerstörung einen tiefen Unterton der Heilung, einen Orgelpunkt von Sinn und Logik, eine volle Kadenz von Wertschätzung und Identität. Ich lasse dich nicht dich selbst kaputtmachen, sagte Gott. Er hatte einen langen Atem, da seine Verzweiflung und seine Sehnsucht aus den von Herzschlag durchgepumpten Schluchten seines Inneren nach außen durch ein Megaphon gedrungen waren. Sie schienen nicht zu versiegen, weder seine noch Gottes Schmerzen. Wie lange dieser Kampf, dieser Tanz ging, wusste er nicht. War die Heilung passiert, während er schlief? Es war ein Hoffen in ihm, dass er Gott nicht mehr testen musste, ob dieser ihn wirklich wollte. Er durfte auf ihm lasten.
Er erinnerte sich. Das bist du gewesen! Der mich verfolgt hat. Schon die ganze Zeit! Schon mein ganzes Leben. Woher wusstest du … ? Ich bin Gott, erinnerte er ihn. Er hatte es fast vergessen. Er war wie ein Freund auf Augenhöhe. Das Feld seiner Angst war riesig für ihn, undurchdringlich wie ein Urwald. Selbst getragen auf starken Armen fiel es ihm schwer, Schritt für Schritt dieses Feld seines Herzens zu begehen. Er fühlte sich, als wöge er nichts. Du bist da, sagte Gott. Er spürte sich. Seltsam, dass es ihn gab. Wozu? Er probierte sich nach allen Seiten aus, atmete. Das Feld war nicht bedrohlich, es war nur sehr vernachlässigt und tat ihm leid. Er war betroffen. Kann ich nicht irgendwo anders neu anfangen? Er sah sich skeptisch um. Kahl und hell sah alles aus, fremd. Muss ich meine Geschichte hier fortführen? Er nickte. Ja. Bleibe hier. Es ist unsere Geschichte. Es ist die große Geschichte. Will, was du musst. Er schämte sich für sein Feld. Die Dämonen hatten alles zerbissen. Eine Reise woanders hin schien ihm sehr verlockend. Das Feld hier schrie nach Arbeit, mehr noch, schrie nach Liebe. Er seufzte. Wollen, was ich muss. Wie kann ich mich zwingen, dies hier zu wollen? Da blies Gott seinen Atem in sein Feld, so dass seine Kraft wirbelte und flog wie ein Same durch eine Wiese. Du willst, sagte er. Und du wirst sehen, dein Feld wird schnell blühen. Du wirst wachsen. Er ließ es regnen mit warmen Wolken voll Trost und Ermutigung.
Sein altes Herzklopfen kam zurück. Der Gottesschock saß ihm tief im Herzen. Die Details legten sich über die Furcht vor dem großen Unbekannten. Es war kühler Abend geworden, war nicht mehr heißer Mittag. Ein angenehmer Abendwind ging. Er betrachtete Gott von der Seite. Ich bin nicht überfordert von dir, antwortete Gott lächelnd. Ich schätze dich mehr als Regeln und Gesetz, und ich achte dich mehr, als du deine Schutzwelt brauchst. Er sagte nichts mehr. Von Mittag zu Mittag verging die Zeit. Der Kampf zwischen Gott und ihm erinnerte ihn an eine endlose Melodie — nicht mal an eine Melodie, sondern an eine aneinander gereihte, immer gleiche Abfolge von rhythmischen Akkorden, Sequenzen, die die Luft um sie zerschnitten, sich schon fast zu einem Tanz im Kreis drehten. Die Akkorde schienen immer lauter zu werden, aber eigentlich wurden sie das nicht: es war die Dichte der schnellen Abfolge und die vielen hoch gestapelten Töne wie Bücher in einer Bibliothek, die eine Steigerung der Lautstärke vorspiegelten. Der meditativ aktive Rhythmus drängte ihn, weiterzumachen. Er kämpfte im immer selben Rhythmus, dem einzigen, den er kannte. Seine Haut war dicht am Rhythmus.
Ich bringe dir meinen Rhythmus bei, sagte Gott. Doch du wirst staunen, wenn ich dir alles zeige. Er distanzierte sich nicht von ihm, als hätte er Aussatz oder die Pest. Immerhin hatten stinkende, quietschende Dämonen Flecken auf seinem Charakter hinterlassen. Viele Menschen würden sich abwenden. Auf dem Weg des inneren Kampfes lernte er Gott und sich selbst besser kennen. Seine Melodie hieß: Ich will leben, ich will leben, ich will leben. Ganz allmählich passierte ein Wunder. Dieser alte Rhythmus veränderte sich so fein, dass er erkannte, wie sein alter Rhythmus eigentlich wirklich hieß: ich will nicht, ich kann nicht, ich fürchte mich. es war schwer für ihn, sich das selber einzugestehen. Erst nach einer Weile hörte er die neuen Töne Gottes, die Verschiebung der Akkordreihenfolge und auch die Verschiebung des Taktes. Er hörte zu und war sprachlos. Sein Rhythmus war Gottes Herzschlag. Er wollte, dass er sein ganzes Wesen überflutete. Tanze, sagte der neue Rhythmus, der tiefe neue Furchen grub, sein Leben umgrub. Er hätte nicht gedacht, dass Rhythmus nicht aktiv sein musste, dass Rhythmus Hingabe sein könnte. Die Veränderung war ohne Druck geschehen, ohne Zwang und Strafe. Der Tanz-Kampf war ein Tun, aber geboren aus dem Schlaf in seinen Armen. Du darfst leben, sang Gottes Rhythmus. Du darfst sein, du darfst du selber sein.
Der Schmerz platzte auf wie eine überreife, duftende Frucht und durfte sich zeigen. Der Rhythmus zwang ihn nicht, aber hatte eine Macht, die wie ein Zwang war, eine Lust, zu wollen: loslassen und leben zu wollen. Sein alter Schmerz ließ seine Zähne los, mit denen er sich an seiner Seele, an seiner Haut festgebissen, ihn gefangen gehalten hatte. Sein Herz hatte statt Aussatz Augen bekommen, zu sehen. Woher kommt der neue Rhythmus? fragte er Gott. Seine Nähe durchsiebte und durchschüttelte. Sie sprach und lobte auf dem Rhythmus seines Herzens. Sie saßen lange schweigend da. Einfach zu sein, ohne zu kämpfen, war für ihn fremd. In der Zeit, als er in seiner Nähe geschlafen hatte, was hatte er verpasst? Er wappnete sich gegen neue Schmerzwellen. Gott fing an, ihn zu wiegen wie ein kleines Kind. Warum hast du so Angst, zu verpassen? Seine Stimme war beruhigend und ernst. Denkst du, ich würde dir Zeit rauben? Er spüre eine unglaubliche Wut. Du wirst sehen, dass es eine entscheidende Zeit war, loszulassen, sagte er.
Lärm und Ablenkung krochen und flatterten wie Flügelameisen davon. Mit Gottes Herzschlag war die Realität nackt und sehr ernüchternd, aber nicht mehr angsteinflössend. Es tut nicht mehr weh, dass es nicht mehr weh tut, sagte er erstaunt. Seine Arme wurden nicht müde, ihn zu stützen. Muss es weh tun? fragte Gott freundlich, muss alles weh tun? Frei sein tut weh. Versteckt wie eine Miene in einem Feld, einem Schlachtfeld, lag die bloße Abhängigkeit.
Freisein tut nicht mehr weh, sagte Gott.

(ISBN 9783943408126)

Ihre Nase wurde von leichtfüßigen Zwergen gekitzelt, Noten. Sie hatten glockenartige Augen und verbreiteten einen Geruch von altem, roten Samt. Es beruhigte sie. Mit Vorfreude musste sie lächeln, wenn sie an seine Musik dachte. Sie ging vorwärts. Es war nur ein großer Saal voller Menschen, der auf sie wartete: kein Grund, nervös zu werden. Ihr unsichtbares Mikrofon vor ihrem Klavier zwang und ermutigte sie, ihre eigene Stimme zu finden, zu suchen. Sie sang heimlich mit. Ihre Gedankenwelt wurde ihre Stimme, tauchte ein in ihre Hände und Adern, nasses heißes Eisen auf den Tasten. Den Flügel kannte sie noch nicht. Er war ihr fremd. Die schwingenden Wellen Chopin und Haydns ließen sie ruhen. Wie sanft und ruhig das Herz des Flügels war! Ihre Kreativität aber ließ die Stimme ihrer Seele und ihrer Gedanken überschwappen, in Fieber, dass ihre Höhen anschwollen, überquollen; die Töne überbliesen. Sie drehten durch vor Hitze, hoben ab vor Energie, ungebändigt.
Doch eine Ahnung von in sich bescheidenem Rhythmus ließ ihr Brennen in einen Teppich verwandeln, so dass ihre Stimme von einer feurigen Trompete zu einem Klavier wurde. Jetzt schaffte sie es, ihren Kopf samt Haaren durch die Tasten hindurch in den Flügel zu tauchen, als würde sie baden gehen in einem flüssigen tintenschwarzen See; ihr langes Haar wurde feucht und klebte ihr im Gesicht; die Musik war im Bauch des Flügels zu finden, und sie tauchte bis dort hindurch. Hier kam sie sich vor wie Jona im Bauch des Wales; sie versteckte sich vor dem Publikum. Sollte sie nicht etwa mit den Menschen im Saal sprechen, ihnen erzählen, wer sie war? Sie war nicht Musik. Aber sie sang durch sie hindurch, und sie hatte ihr ihre Stimme geliehen, und es machte ihr Freude. Also tanzte sie sich hervor aus dem Körper des Flügels und ließ ihre Hände ihre Geschichten erzählen.
Sie summte sie leise mit und legte sie zwischen die Zeilen und Töne; sie hoffte, niemand würde ihr dies übel nehmen. Die Zwerge kitzelten sie freundlich. Sie waren die glockenartigen Augen und Läufe, und die Sonaten und Lieder schaukelten sie übermütig und spitzbübisch durch den Saal, als sei sie ein Kind, nicht erwachsen, und gleichzeitig eine Predigerin, das Wort in Musik. Was schüttete sie aus über die Menschen mit Trillern und Terzen? Der Flügel rollte unter ihr fort, seine Beine fingen an zu tanzen. Der schwarze Lack glänzte wie ein Spiegel. Wenn sie nicht mehr weitersang, erzählte die Musik ohne sie, denn Musik wusste stets, wohin sie wollte. Sie musste sich erst besinnen; und bald hatte sie sie wieder eingeholt, denn jemand ließ ihre Fragen durch sie hindurchleuchten, als wären sie eins, hindurchbrennen, als tätowiere jemand ihr Herz für alle sichtbar auf die Außenwand des Flügels, mit Gold auf schwarz. Sollte Gott doch ihr Herz in den Lack des Flügels brennen: dann würde dort nicht mehr Steinway stehen, sondern sein Name.

(ISBN 9783867730457)

Schatten fand sie stets beschützend in seiner Konsistenz, Art und Gestik; sie sah den Schattenspielen der sich im Wind bewegenden Äste von Bäumen mit hellgrünen Blättern im Mai auf dem Häuser- und Garagendach zu. Am Fenster saß sie, im Pyjama, noch müde. Schatten hatte etwas Lebendiges und gleichzeitig Ruhiges an sich, dachte sie. Wie war der Schatten an einem Frühlingsvormittag beschaffen? Hatte er überhaupt eine Konsistenz? Er hatte offensichtlich nichts Fassbares, aber dennoch eine Form, immer wieder anders, mit etwas Unschuldigem verbunden. Schatten waren gemütlich, wenn man von Gruselgeschichten in der Nacht absah. Sie bedeuteten in der anderen Richtung Sonne für sie, waren lächelnd und zart. Sie saß in der Küche mit schläfrigen Sonntagsaugen. Heute war ein Ruhetag. Jedoch etwas nagte an ihr und wollte ihr nicht wirklich Ruhe gönnen – dabei war sie bis jetzt im Bett geblieben. Normalerweise war sie ein Frühaufsteher.
Das eintönige Gurren der Stadttauben saß ihr auf den Augenlidern. Ihr Bauch war voll mit Müsli. Vom Wohnzimmer kam ihre Mitbewohnerin herein, die Haare in vielen Farben gefärbt und mit Spangen zur Seite gesteckt, das Ohr am Telefon. Sie schaute nach draußen auf die Schattenzeichnungen und auf die abstrahlende Häuserwand ihr entfernt gegenüber, erstaunt, was klare Luft, Wind, Sonne und ein Maihimmel aus einer alten Häuserwand machen konnten: eine Blendung der Schönheit. Sie beschloss, spazieren zu gehen. Sie liebte die Waldwege im Spessart, den weichen Boden unter ihr; es war nicht Herbst, es gab keine Pilze, aber in keinem Monat war das Grün so herrlich wie im Mai. Um 11 Uhr würden ihr sicher noch nicht so viele begegnen. Sie wollte nachdenken. Vielleicht würde sie sogar ein wenig joggen gehen. Es würde kühl, angenehm und still sein, sie mochte die Mischwälder, die Schatten auf den Lichtungen, die Gerüche, die feinen Geräusche im Unterholz, die sie in der Stadt nicht hören konnte. Vielleicht würde sie auch Tiere sehen. Gestern war es grau gewesen draußen, nichts hatte sich bewegt, vorwurfsvoll standen die Balkone vor den Häusern in der Ferne ab. Jedes Fenster sah eng und argwöhnisch drein. Aber es konnte schnell gehen: Die Sonne schien, ein neuer Tag, die Fenster lächelten. Ich geh mal los, sagte sie und dachte, dass sie noch keinen Plan gemacht hatte. Ich seh’ dich dann ja. Es klingelte an der Tür, sie musste sich noch immer an den Klang gewöhnen; der Dreiklang erinnerte sie an das Telefon in ihrer Zahnarztpraxis. Das ist Lars, sagte ihre Mitbewohnerin und lief eilig aus der Küche. Irgendwie fühlte sie sich wie festgepflanzt und –gebannt, dann wollte sie sehen, wer hochkam, sehen, wie sie sich küssen würden, unbekümmert reden, doch sie brach den Bann und ging schnell ins Badezimmer.
Als sie endlich am Waldrand angekommen war, stellte sie ihr Rad ab und ging los. Wie lange war sie schon nicht mehr hier gewesen, als hätte sie es sich nicht gegönnt. Wie gut es tat, einzuatmen. Der Wald war voller Schatten und trotzdem hell, das Grün fast weiß oder golden in der blinkenden Sonne, ihre Schritte gedämpft auf dem Weg. Sie atmete aus. Plötzlich kamen ihr die Tränen, so gut tat es ihr, gleichzeitig geborgen und allein zu sein. Verletzlich zitterten die Blätter im leichten Wind. Sie lief langsam und bewusst, setzte sich schließlich auf die dicken Wurzeln einer Buche. Moos wuchs am Stamm hoch, sie klopfte dagegen, streichelte zärtlich die Rinde, die Korkschichten. Wie majestätisch ein Baum war, unheimlich fast. Sie hatte es ganz vergessen. Sie sah nach oben in die Wipfel, hielt ihr Gesicht in die Sonne. Dann sah sie nach unten, das kleine emsige Getier zu ihren Füßen. Alles in allem war eine Einheit, war schön. Wie gern würde sie einen Stamm abzeichnen, Erde und Gras.
Stattdessen schlang sie kurz ihre Arme um die Buche, stand dann auf und ging weiter. Sonst drehte sie sich im Alltag geschäftig, um mehrere Sachen gleichzeitig zu erledigen. Sie fühlte sich dann wie ihre Petersilienpflanze auf der Fensterbank, verschlungen, kaum Luft bekommend und wild wuchernd. Sie konnte sich vorstellen, dass dieses Gefühl, der Berg an Gedanken in ihr drin mit dem Anblick der Petersilienpflanze verwandt und verwoben war. Hier aber sah sie Bäume, groß, frei. Sie zog nachdenklich an ein paar Haarsträhnen, bemüht, sich selbst wahrzunehmen.
Freiheit, suchte sie das? Hier im Wald? Oft fühlte sie nichts in sich, und dann manchmal zwei voneinander getrennte Orte, ihr Herz, das anders fühlte als ihr Bauch, anders als ihr Kopf. Das war unangenehm und verwirrend. Ein gemeinsamer Ort schien ihr weicher und größer als zwei getrennte. Sie erwartete mit Zärtlichkeit die Sonne durch die Baumwipfel wie eine Katze, die in ihrer Freude an Kontakt um die Beine von Menschen streicht. Nach einer Weile ärgerte sie sich über sich. Sie wollte nicht eifersüchtig auf andere Menschen sein. Aber doch, sie war es. Erst als sie die Augen schloss, fiel ihr ein, dass sie zwei freie Tage diese Woche hatte und wieder hierher kommen könnte. Als sie den Kopf hob, umrundeten sie die glitzernden Wellen der Baumkronen. Erst jetzt nahm sie wahr, dass ihre Sehnsucht vor ihrer Hilflosigkeit kniete und ihr den Kopf streichelte mit einer Zartheit, die voller Sicherheit war, voller Geduld. Sie ging bis zur nächsten Lichtung und ließ sich dort ins Gras fallen, legte sich in die Wiese, schlief ein, wie ein Wesen, das hier zuhause war.

(ISBN 970236117)

Zeit ist versunken in mir. Sie atmet ein und aus. Bei jedem Atemzug spüre ich meine schmerzlichen Laute und die Minuten wie Regen und Tränen an meinem Gesicht entlangrinnen; meine Hände sind leer, aber mein Herz und mein Kopf zerspringen von der Zärtlichkeit und Trauer der Zeit. Sie hat ein Gesicht: sieht aus wie Kerzenschein, von Augen zerrissen. Weich umarmt bin ich von ihr, doch lässt sie mich nicht heran an ihren köstlichen Mund, an ihre Lippen, die mich weh gemacht haben, weinend und bitter – doch du beobachtest mich, meine Zeit, während du mir Liebe heraus- oder hineinschneidest. Du streichelst mir mit meiner Vergangenheit über mein Haar und zauberst mit einem kleinen Tupfer deines Fingers so viel Blicke, so viel Sehnsucht und Erinnerungen in meine Brust, dass ich klage mit der Wurzel meines Anfangs.
Ich kann mich nicht rühren. Klein bin ich, doch die Lebenszeit ist gewaltig um mich und zeigst mir mit jeder Stunde ihre Macht. Ich sehe eine Stelle, die sich nicht verändert hat. Ich brauche nicht niederzufallen und zusammenzusinken, ich bin auch so einsam und bewegt. Meine Gedanken machen Sprünge und schmerzen dabei. Die Füße meiner Seele stehen nicht mehr auf dem Erdboden, sie sind aufgehoben von der tragischen Unumstößlichkeit der Zeit. Mein Sein schwebt darüber. Und noch immer sehe ich die Stelle, die sich nicht verändert hat: den Platz, sehe den Baum. Es ist kein besonders schöner Platz, und ich sehe ihn noch von ferne, denn in wem einmal Zeit versunken ist, weiß, dass zweihundert Meter viel sein können. Die Welt ist nicht klein, sie ist riesig. Je mehr ich lerne von der Zeit, desto größer wird jeder Meter. Die Tage und Jahre mögen immer schneller vergehen, aber in wem einmal Zeit ein- und ausgeatmet hat, weiß, dass auf jedem Meter sich Menschen begegnen können. Auf jedem Meter ist ein Unglück geschehen, eine Frage an das Leben, bitterliches Lachen und bitterliches Weinen. Jeder Meter trägt eine immer größer und intensiver werdende Geschichte der Menschheit.
Wie verflochten und flüsternd sind meine zweihundert Meter zu dem Platz mit meinem Baum, der mich so sehr an früher erinnert. In mir wächst mit jedem Schritt die Frage: Warum? Ich kann die Trauer und die Zärtlichkeit der Zeit nicht mehr tragen, möchte sie ziehen lassen, weil ich keine Kraft mehr habe; möchte, dass die Meter leer werden. Da duftet der nächste schon, duftet nach einer Welt, die nicht mehr die alte ist, nicht mehr die meine. Die Stelle, die ich sehe, ist voll mit dieser neuen anderen Welt, in der ich nur noch Gast bin. Freiheit zieht schmerzvoll durch mein Herz und macht mir Angst. Freiheit und Zeit bedrohen mich, als hätte ich zu viel davon oder zu wenig.
Eine Stelle sehe ich, die sich nicht verändert hat, aber voll ist mit einer neuen Wirklichkeit. Ich habe Sehnsucht nach der alten Zeit. Die neue hat mir so viel genommen durch Veränderung. Sie passt mir nicht. Ich habe keine Chance gegen Zeit. Sie ist stärker. Sie kommt mir grausam vor. Eine Sonne drängt vom wolkenlosen Himmel, meine Eiche steht unbeweglich, unveränderlich, und doch sind es beide nicht, Sonne und Eiche, denn nichts ist unveränderlich. Ich sehe die Stelle, die sich nicht verändert hat trotz allem, was Rüttelndes, Lockendes, Beeinflussendes und Trennendes geschehen ist: obwohl mir damals selbst meine Zehen an beiden Füßen absurd vorkamen, ich Liebe hinterherhinkte mit einem alten Herzen mit Stock und Brille, dabei war ich jung, in einer Zeit, in der das Ratlose und Heillose meine Haare zu Berge stehen ließ, ich vergeblich mit den Fäusten an Türen trommelte und nachts nach Menschen rief, die mir auch tagsüber begegneten, mir die Zähne schier ausbiss und einen gefangenen Blick bekam – und hier eine Stelle, die sich trotz all dem nicht verändert hat, als wäre nichts geschehen.
Als wäre nichts geschehen — ich kann es kaum glauben. Es ist ein Platz aus meiner Kindheit. Ich versuche, meinem Herzen Stock und Brille abzunehmen. Es gelingt mir nicht. Die Zeit ist plötzlich zärtlich hier und streichelt über meine rastlosen und verletzten Augen. Ich versuche zu retten, was zu retten ist. Eine seltsame goldene Trauer lässt meine Gedanken schmal und schmaler und wesentlich werden. Es ist nicht die Stelle, nicht die Zeit, was ist es? Ich bin es.
Der sinnlose Schmerz schmeckt schärfer als Pfeffer in seiner armen Verkleidung. Er ist eitel und hat gar nichts, sondern ist schamloser Abbruch von Pulsierendem, Nichtewigem. Aber ich weiß auch nichts von weitem, silbrigen Leben, das schüchtern und jubelnd und gebend ist, weiß wenig von Fühlen. Nach zärtlich Aufgebrochenem strebe ich, nach dem, der mich abholt. Meine Gefühle sagen mir nicht die Wahrheit, auch die Zeit nicht. Sie sind ein unausgebildeter Berg von folgenschwerlos unangetasteter Kindlichkeit. Die Menschen sagen: Triff deine Entscheidung. Getroffen bin ich. Ich kenne ein kennendes Gesicht, es ist nah und mir doch so unbekannt, dieses fremde, neu kennengelernte, mich kennendes und mich gekanntes Gesicht. Wer ist er? Zärtlichkeit geht wie ein flammendes Schwert durch seine Augen. Er kann Handstand in meinem Zimmer machen und mich über die nasse Wiese tragen. Er ist stärker noch als Zeit. Ich aber bin eine Frau im All, ein Klang. Die bunten Fäden der Unendlichkeit bohren sich in mein Gehirn mit dicken Strängen, die umgeben sind mit meiner Seele. Kenne ich mich nicht? Die Zeit kann mir nicht weiterhelfen. Sie vergeht manchmal sinn- sang und klanglos. Gleichgültig tritt sie über mich hinweg, als gäbe es mich nicht. Sie vergisst mich. Sie vergisst alle. Sie vergisst Wünsche und Träume. Ich weiß nicht mal, ob sie mir die Wirklichkeit zeigt. Manchmal kann ich keine Minute in ihrer Wirklichkeit bleiben. Ich fliehe. Ich warte.
Es ist Ende August, und der erste brennende Duft des Herbstes raubt mir den Atem. Ich fahre nach Hause und warte. Es wird Nacht, und die Wolken ziehen gebrochen. Die Wolken sind nachts weiß wie an einem Sommermittag. Der Mond scheint. Kein Zweig der dunklen Bäume kann den gleißendgoldenen Ball am Himmel erreichen. Die Zeit ist stehengeblieben. Jahre und Erfahrungen haben aufgehört. Die Klage ist durch meine Stirn hindurchgestoßen. Meine Phantasie ist ein kleiner glühender Punkt, wo früher ein Tornado war. Meine Zeit vergeht langsam.
Es wird November. Ich warte. Die Gärten sehen verwahrlost aus. Ein Arbeiterhandschuh schläft in der Regenpfütze. Zwei Bananenschalen liegen zertreten und schwarz. Schlamm ist aufgeworfen an der Baustelle. Es ist morgens, die Luft froh und tollkühn. Es wird vier Uhr nachmittags. Die Luft ist dämmrig, vollgefressen; voller Staub. Meine Entwicklung schläft wie eine Raupe im Kokon.
Es wird Weihnachten. Ich warte. Es hakt sich an mir fest und reißt Wunden. Ich spüre die aufbrechende Grenze und die tiefgelegte Schwelle in Verantwortung statt in seligem Getümmel. Ist die vergehende Zeit wirklich stehengeblieben? Es erschöpft mich, dass ich kaum gedankenlos sein kann. Die Töne einer Drehorgel wehen zu mir in meine Jacke. Ich fühle mich, als könnte ich wie ein jagender Luftballon schwer in die Luft zischen und immer kleiner werden. Das Normale frisst an mir und saugt sich an meinen Schläfen fest. Was ist das Normale? Die vergehende Zeit, der Alltag? Das Warten weint, meine leeren Hände haben Macht dem Stärkeren gegeben. Sie tropft mir davon.
Es wird April. Im stoppeligen Gras tummeln sich Ameisen auf den Abdrücken meiner Schuhe unter der Bank. Ich habe die Beine angezogen. Wie duftet Erde? Ich rieche an ihr in meiner Hand. Ein frisches, körniges Glücksgefühl wärmt und rührt mich, dass der Reifen aus Scham und Ungeduld um meinen Hals fortrutscht. Er springt an meinen Schultern auseinander. Ich habe Erde auf der Zunge und schiebe sie genießerisch und knirschend zwischen meinen Zähnen hin und her, bevor ich sie ausspucke. Ich öffne die Hand. Flockig und dunkel fällt die Erde auf den Boden zurück und legt sich leicht und glatt auf Ameisen und Käfer. Sie wird von ihnen wieder aufgewühlt. Warten ist voller Leben wie eine Wiese voller Tiere. Der Schmerz des Hungers wird mit Warten gestillt, was mich wundert. Es wird Herbst. Rascheres, sinnlicheres Blut geht durch den Wald. Die kleinen Tannen sind vornehme, majestätische Kerzenleuchter. Baum um Baum steht in der Ferne in puderfeinem Nebel aus Messingfarben, wunderlich abgerundet, niemals grell, wie mit bräunlichgelbem Sand bestreut. Ich spüre den Herbstwind, beginnend streng. Es regnet Gold herab. Die Zeit vergeht klassisch, sie hat ihr Prinzip. Bronze und Kupfer glühen an den Sträuchern, blutrote Hagebutten drängen an perlmuttfarbenen Hängen.
Vergehe ich auch, auch wenn ich nicht satt bin, nicht voll, nicht fertig? In meiner Brust ist ein fremdes Haus, eine Wunde, die ich nicht kenne. Wer kennt das Aussehen, das Gesicht der fremden Wunde? Ich komme mir vor wie eine herb-samtige Räubertochter, wie eine Wildkatze in den Wäldern, suchend, duckend wie ein Tiger, gefährlich und noch nicht zahm, noch nicht zahmgeliebt. Die Jahreszeiten aber verstreichen, ob ich nun eine Frau im All oder eine Wildkatze bin. Der Zeit ist es egal. Sie folgt ihrer Geschichte und ihren Regeln und ist immer da. Er ist auch immer da und doch fremd. Er erinnert mich und ist damit gezeichnet. Aufplatzend bis an den Hals sind meine Erfahrungen, mein Misstrauen rot wie seine fremde Liebkosung in die Luft, später mit viel Tränengeruch durch gestürzte Geschichten. Die Zeit vergeht schnell, sie vergeht langsam.
Wieder wird November. Ich warte. Rote Sahne auf grünen Hecken; gekreuzte Lichter sind am Himmel, herzbeklemmend dunkel und schnell. Ich sitze im Auto. Es ist Nacht. Meine Augen sehen die Sonne am Tag von vorne, aber sie ist auch hinten, hinter den Bergen. Ihre Ränder sind verschwommen in buttermilchigem Schein. Frühe Kälte brennt. Der Rhythmus von Musik hebt mein Auto in die Höhe. Mein Inneres ruht und ist schmal. Jedes mir verborgene Stückchen Welt spüre ich dumpf in meiner Magengrube, und rohes Fernweh ergießt sich. Ist es denn die Welt, nach der ich mich sehne, nach dem Schweben in lichterlohe Länder? Ich bin müde auf die Gesetzmäßigkeiten des Lebens und der Zeit. Vielleicht sind es nur die Gesetzmäßigkeiten meiner Zeit. Das Leben dreht sich, ob ich nun warte oder nicht. Mein Fernweh ist rot. Duften auch meine Schläfen nach Fernweh? Es ist ein Fernweh nach dem Kennen der fremden Wunde, ein Fernweh nach Nähe, die mir fern ist, ein Fernweh nach mir, nach der Antwort auf die Frage, wer ich bin. Ich höre den Wind in den Blättern wie zärtlichsten Alarm: Fort! Papierfetzen hängen an einer Hauswand herab. Der übrig gebliebene Halbkreis des Papiers ist für mich eine triefende Sonne, die ins Meer tropft. Ich weiß von der ärgerlichen, spärlichen Zufriedenheit. Wie komme ich hinaus in die Freiheit?
Er folgt mir. Auf echtem Schmerz will ich tappen, nicht auf gespieltem, aber er hat mir meine Pantoffeln ausgezogen; ich müsste auf kaltem Boden barfuss gehen. Ich kann mein Herz wie mit Wäscheklammern nach oben ziehen, es hat immer mitgemacht. Verweigert es sich jetzt?
Meine Nase bekommt Wind von der Herrlichkeit da draußen, die mit meiner Energie zusammentreffen würde. Was dann passierte, wäre Rauch von Glück und hohem Fliegen gleich. Ich sehe meinen Arm im türkisfarbenen Pullover. Er ist dünn, als würde noch ein zweites Handgelenk in den Ärmel passen. Ich sehe den Arm eines Menschen. Der Mensch bin ich. Die Luft riecht grausam nach frischgewaschenen T Shirts über meiner Stuhllehne. Liebt er mich? Ich warte auf einen aufgerissenen Himmel. Die Vögel am Himmel sehen aus, als hätte Aschenputtel weiße und schwarze Körner hinaufgeworfen, und über meinem Kopf fliegen Weiße und Schwarze getrennt nach beiden Richtungen davon. Ich weiß, dass die Zeit dir gehört, sage ich ihm.
Es wird wieder Weihnachten. Ich warte. Das Warten hat einen Namen bekommen. Die Zeit des Wartens ist eine Zeit geworden. Milchig rollt der Rhein. Möwen kreiseln im grüngrauen Saft. Ich gehe in Erfüllung.
Hier kann ich retten, was zu retten ist. Die Zeit ist zärtlich hier und streichelt über meine rastlosen und verletzten Augenblicke, dass mir Tränen über das Gesicht laufen und eine seltsame, goldene Trauer meine Gedanken schmal und schmaler und wesentlich macht, während ich stehe und mich nicht rühren kann.
Aber es ist die Zeit, nicht die Stelle.
Und es bin ich.

(ISBN 392870043)

Auf meinem weißen durchsichtigen Vorhang zeichnen sich wie emporgehoben und herausgestellt Umriss und Schatten einer Welt grüner Blätter im morgendlichen Wintersonnenlicht ab, erleuchtet und zart auf meinem Fensterbrett. Zwei Blätter, die sich küssen, sind so schüchtern in ihrem Annähern, als lägen sie in tiefem, geheimnisvollem, dunklem Wasser und wollten dieses nicht bewegen. Töne fließen zusammengehörend und doch durch Pedal getrennt durch ihre Öffnungen und Ritzen, durch die Weite ihrer Zwischenräume, durch die Schatten am sonnendurchfluteten Vorhang — und bahnen sich einen Weg durch die Pflanzen auf meinem Fensterbrett hindurch zur geöffneten Tür zum Balkon.
Sprechende Töne. Wie rein der Klang des Klaviers, in seinem ganzen Wesen unschuldig, hell, lieblich und klagend. Ich lausche und sehe, habe ich die Töne doch selbst gespielt. In dieser Helle der Musik und der Sonne sind die pulsierenden Geräusche der feinen Hämmerchen auf den Saiten des Flügels für mich erstaunlich widersprüchlich und durchschneidend wie kleine Messer – in diesem leicht klackenden Geräusch der Hämmer, das ich als Schmerz fast spüren kann, liegt symbolisch für mich die Stimme und Arbeit des Pianisten an einem riesigen Schiff von Instrument: Schweiß, Tränen, Zeit, Kraft, Visionen.
Und entschlossene, weiche, winzige Hämmerchen, die wie Fingerkuppen auf den Stahlsaiten einer Gitarre liegen in Schmerzen und Wehen, treiben mich am Flügel mit federleichtem Druck immer vorwärts in eine fast wahnwitzig perfekte Darbietung von Klavierwerken. Haydn Sonaten. Musik ist nicht nur schön. Ich werde angeschlagen. Die Tasten sind glatt, und Stunden um Stunden zerrinnen wie jene Töne, die fast abprallen am vor Sonne goldenen Vorhang. Hinter diesem Vorhang ist das Leben. Schwimmen will ich durch das milchige Licht, im dünnen Vorhang wie Sahne, schwimmen durch Klang, durch das Weiß in die Realität, was auch immer sie mir zu bieten hat.
Doch Schwimmen kann ich nicht; aber Spielen am Klavier.
Trennen mich die Berührungen der sanften Hämmerchen von etwas Wichtigerem? Meditieren sie nicht mit mir, mich massierend — jedoch nur träumend und phantasierend vom Leben, und werfen Schatten überall hin, wohin ich gehe? Werfen Schatten auf den Boden, in Sonne auf Holz? Schatten in pianissimo oder auch in Kampf und Leidenschaft? Was für Schatten?
Die Schatten der Blätter formen sich zu einer Tänzerin. Sie beugt sich anschmiegsam und bittend. Ihr Kleid ist aufgebauscht. Das Licht hinter dem Vorhang blendet mich. Sie hält sich fest; mit den Schwingen eines verwundeten Adlers sucht die Musik. Sie sucht, sie zum Tanzen aufzufordern. Kann der Flügel ein Bett aus Flöten und Streichern auslegen, dass das Tanzende und Heitere ihre Seele erreicht? Meine Seele erreicht? Ich verschmelze mit dem Klang.
Wenn nicht Schwimmen, dann Tanzen! Denn Tanz ist die Mutter der Kunst. Und ich löse mich und jage erst, renne, renne … aber warte, sagt jemand. Ich bin hier, keine Angst. Ich möchte dir etwas zeigen. Du musst nicht fliehen. Hier ist meine Leiter. Erst jetzt sehe ich sie wohl; ihn sehe ich nicht. Die Leiter ist halb versteckt und zierlich; wenn ich die Augen schließe, wird sie plötzlich aus einem wartenden Winterwald, die Stufen aus bereits knospenden Zweigen, dann aus vollmundigen Akkorden; mit Nachdruck verschmelzen Bogen und Hämmerchen und formen kleine wolkige Berge als Stufen. Puls und Motive peitschen mich an und lassen mich Kreise drehen. Mit Anstrengung springe ich unter weiter drängenden Peitschenhieben aus Musik, halb irr aus Leidenschaft, auf die erste Stufe der Leiter, zitternd, und bleibe auf Zehenspitzen stehen.

Plötzlich weiß ich, dass ich schon immer nach der Leiter gesucht habe. Sie wird mich sicher ins Freie bringen, über den Vorhang hinweg, wie auf Stelzen, denn ich bin tief gesättigt mit Sehnsucht. Würde ich doch fliegen können!
Die Dämmerung kommt. Die Schatten gehen. Ich öffne die Augen. Die Tänzerin und die Leiter sind in einem bläulichen Dunst untergegangen und verschwunden. Warum nur? Psst, sagt die Stimme. Ich bin noch hier. Keine Sorge. Folge mir. Hier entlang. Komm herunter.
Kann ich die Leiter verlassen? Es ist gespenstisch und finster um mich herum. Auf der Stufe kann ich nicht tanzen, ich habe zu viel Angst, hinunterzufallen. Die Töne sind nun verführerisch gesungen; die Stimmen öffnen ihnen Tür und Tor.
Weiter nach oben, singen die Töne. Irre ich mich? Die Musik geht auch auf Zehenspitzen, geht auf wie Rosen, die mit aller Kraft und Blut aufspringen. Doch auch aus dem Flügel tropft Blut der Kraft, eine Kraft, die ich unterschätzt habe in der Schwäche eines Klangs — und ein Sog, der in seiner Einfachheit aus Tasten und Saiten und Hämmerchen so erschreckend klar und nackt ist, dass aus ihm unverwechselbarer Klang entströmt. Ich höre pures Wasser. Nichts habe ich, um die nackten Klänge zu schützen, sie abzudecken. Sie sind auf sich gestellt und so wie sie eben sind; wie leicht sind sie zu missbrauchen, zu verletzlich. Klang ist so hingegeben. Ich kann leicht mit ihnen spielen, mit ihnen manipulieren. Jeder darf sich Klang bedienen, sich einen aussuchen. Ich möchte meinen Klang nicht missbrauchen. Ich darf nicht mehr.
Wie kann mich etwas so Nacktes auf die nächste Stufe bringen? Ich kann die Sprache der Musik nicht mehr verstehen. Was sagt sie mir? Ruft und singt sie mir zu? Kann sie sprechen? Hinunter, hinauf?
Obwohl ich durchdrungen werde von ihr, stehe ich da in völliger Stille und entblößt. Hätte doch mein Herz die Stimme eines Cellos, eine tiefe Bass-Saite, oder das Lockende einer Flöte. Ich kann mein Herz nicht verstecken. Ich kann nicht tauschen. Ich habe die Stimme im Klavier. Wo bist du? Ich rufe und höre mich nicht. Wo bist du? echot es. Warst du das? frage ich. Warst du das?
Ich finde meinen Klang nicht. Wie klinge ich? frage ich. Wer hat die wahre Stimme? Und: Wer hat meine Stimme gestohlen? Er antwortet nicht. Auf was sollte ich hören? Spricht die Musik oder spricht er? Da ich nichts mehr höre und mir wie taub vorkomme, fange ich an, mich zu erinnern. Wie Perlen sind die Bögen der Töne in meinen Händen gewesen, Linien, die von der Blattspitze bis zur Erde gesungen haben, und wie eilig hat es meine Sehnsucht auf ihrer Suche nach Erfüllung und Sinn gehabt! Es hat sich immer wiederholt – in den verschiedensten Farben – aber kein Hämmerchen mehr, einen Bogen will ich, einen Geigenbogen, etwas, das mich hält und verbindet …
Hier entlang.
Endlich, da ist sie wieder, die geliebte Stimme. Wer bist du? Verwirrt folge ich ihr, stolpernd über Reste von Erinnerung und Farben, und merke kaum, dass ich meine Stufe, die Leiter verlassen habe. Wer bist du? fragt er. Du warst auf der falschen Leiter, sagt er. Das waren falsche Leiter. Ich wundere mich; ich bin nicht mal nach oben gekommen. Ach, die Musik kommt zurück. Bist du der, den ich meine? frage ich. Welche Leiter würde er mir zeigen? Zeigst du mir eine Leiter? Ja, sagt er. Ich zeige dir eine Musik, wie du sie noch nie gehört hast. Komm mit mir. Ich führe dich auf die andere Seite. Ich bin dein Bogen.
Er ist mein Leiter.
Ich bin früher so schnell gewesen, dass ich mir mit ihm tatsächlich vorkomme, als würden wir die gesamte chromatische Ton-Leiter, Ton für Ton mühevoll durchwandern und erklimmen. Berge und vor allem Täler, in denen mein Klavier — mein Herz — , hungrig seufzte und von meinen Tränen, von Wünschen und Wundern erzählte, die nun fernab und weit hinter mir erstorben schienen, ziehen vorbei.
Es dauert. Es tut weh. Es ist anstrengend. Ich bin müde. Es ist mir peinlich.
Bin ich ein komplexes Klavier? frage ich schüchtern. Du bist kein Klavier, sagt er. Balladen meiner Sehnsucht liegen verstreut auf dem Weg, und es regnet in Strömen, oder die Sonne scheint heiß: das Leben hinter dem Vorhang ist kein Spiel, sondern erschreckend ernst für mich; fremde Realität. Wie lange noch? frage ich.
Das Gold des Vorhangs ist verschwunden. Bin ich ohne Leiter über ihn hinweggekommen? Ich staune. Wo bin ich? Wer bin ich? Bin ich frei?
Hier bin ich, sagt er. Ich habe dich nicht vergessen.
Da ist er. Er führt mich hartnäckig. Nun, ich bin nun schon so lang gefolgt, wo sollte ich sonst noch hingehen?
Ich weiß nicht mehr, wo ich bin, sage ich. Nirgends sehe ich deine Leiter. Du hast es mir versprochen. Wie lange noch? Wie lange werden wir noch gehen? Er lächelt. Gehen?
Wie seltsam er ist, fast seltsamer als ich. Wir laufen auf gleicher Höhe, Seite an Seite, es ist schön, nah am Kuss, schüchtern in unserem Annähern, als lägen wir in tiefem, geheimnisvollem, dunklem Wasser und wollten es doch bewegen. Wir werden das Wasser bewegen, sagt er. Denn ich zeige dir meine neue Welt. Erinnere dich. Am Ende des Sturmes wirst du nicht mehr gehen. Denn: du wirst fliegen.

(CD Lebensheiterkeit: ISBN 9783867730457)

Symbolische Interpretation

Bachs Goldberg Variationen sind ein Mysterium, ein Geheimnis bis heute. Die Aria und ihre Variationen besitzen enormen Symbolgehalt und transportieren eine feine, unsichtbare, zärtliche Botschaft. Dabei ist die Aria schon eine Welt für sich. Haben seine drei Hauptmotivationen: sein Glaube, sein Wunsch, „das Gemüt der Menschen zu ergötzen“, sein musikalisches Erbe bis auf das Äußerste zu entfalten, einen Einfluss auf die Interpretation, auf den Klang des Werkes? Es ist eine nachdenkliche Frage, warum Bach dieses große Variationswerk, das zunächst einfach Aria mit 30 Veränderungen hieß, geschrieben hat. Es ist davon auszugehen, dass dieses Variationswerk in G-Dur eine besondere und bedeutsame Stellung in der Klavierübung innehat und auch sicher nicht zufällig in G-Dur steht, sondern den Höhepunkt der Klavierübung darstellt, auf den alles Vorherige hinausläuft.
Dass es Bach wichtig war, mit seinen Werken „Das Gemüt zu ergötzen“, das bedeutet, Menschen zu berühren und zu ermutigen, also kein trockenes, architektonisches Spitzenwerk zu schreiben, kein Auftragswerk — ist wohl eine seiner Hauptmotivationen gewesen — dazu seine außergewöhnlichen Gaben, sein schweres Erbe seiner Familie treu und pflichtbewusst zu entfalten und seinem Glauben Ausdruck zu verleihen. Es ist unumstritten, dass diese drei Motivationen ausschlaggebend waren für sein Werk, besonders für die Goldberg-Variationen. Keller schreibt, es sei merkwürdig, dass Bach Liedvariationen außer Choralpartiten nie geschrieben, kaum weltliche Lied- und Tanzvariationen komponiert habe. Dies ist nicht merkwürdig, wenn man bedenkt, dass es seine Motivation war, die Liebhaber zu ergötzen, die Liebhaber der Musik, Liebhaber Gottes. Seine Art zu ergötzen war nicht, allgemein Fröhlichkeit zu erzeugen, sondern sie war eine Frage von geistlicher Tiefe, eine der Hauptaspekte seines geheimnisvollen, symbolischen, künstlerischen Schaffens. Seine große Variationskunst in den Goldberg Variationen ist ein einmaliger Wegweiser, selbst in seinem eigenen großen Gesamtwerk.
Die Aria im Notenbuch der Anna Magdalena ohne Titel mag ein Handstück sein, eine verzierte Sarabande von vollkommen regelmäßigem Bau, doch im Kontext der Variationen wird aus dieser Aria ein Klangstück, kein Handstück.
Die Urlinie des ostinaten Bass, meist ausschließlich aus den Melodietönen des Themas bestehend, hält das Kompendium von symbolischen Klangstücken zusammen, die Gerüststimme der Verschränkungen und Gegenstimmen, die Variationen des Urthemas. Das Thema in seiner Innigkeit rundet das Werk ab, kreiert die Wiederherstellung, die dennoch umgedeutet ist, verwandelt, nicht mehr dasselbe Thema und doch dasselbe Thema. Und doch eine andere Botschaft. Es wird eine neue Form geboren, die Aria, das Urthema in eine neue Form übersetzt. Eine Wiederholung in dem Sinne gibt es nicht.
Da der Flügel durch seine dynamischen Möglichkeiten dem Symbolgehalt dieses Werkes durch Klang und Ton interpretatorisch gerecht wird, dieser geheimnisvollen Beziehung zwischen Thema und Variationen, ist es wichtig, sich über die wegweisende Stellung des Werkes in Bachs Gesamtwerk und in seiner Klavierübung Gedanken zu machen.

(Studien zu Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen: ISBN 9783842813458)

Kaum berührte die Marmelade ihre Zunge, beruhigten sich ihre Sinne, die sensibel und ausgehungert waren, und das Morgenlicht schwemmte anders als zuvor durch das Küchenfenster in ihr Herz. Sie saß am Tisch. Es war fast Mai. Sie sah sich in der Küche um, in der sie vor so langer Zeit vor der Schule gefrühstückt hatte. An dem Ast vor dem Fenster, an dem im Winter Futterbälle schaukelten unter runden, zittrigen, sprühenden Vogelbäuchen, hing nun ein Blumenkorb. Sollte sie zum Telefon gehen und altes Leben wachrufen, wenn sie einmal hier bei ihren Eltern war? Sonne in ihren Beinen, ihr Bauch voll Muskelkater; geschmolzenes Eis, Wassertropfen, und das nächste Semester holte sie wieder heim in die andere Stadt. Die Benommenheit steckte in ihrem Kopf und zog füllige Schleifen.
Langsam ging sie ins Bad, um sich die Marmelade von den Zähnen zu putzen. Ob es wieder so warm werden würde? In der Nacht hatte es viel geregnet. Sie sah so gern aus dem Fenster, beobachtete die Welt.

Als sie hinausblickte, sah sie unten auf dem Gehweg eine Gruppe junger Männer. Sie kannte keinen. Es sah so aus, als wären sie gerade von der Disco nach Hause gekommen, es war halb acht. Als sie genauer hinsah, erkannte sie, dass einer mit dem Gesicht nach unten am Boden lag, sich nicht rührte. Sie wartete eine Weile, aber die Jungs standen und rauchten, als wäre alles in Ordnung. Sicher waren sie betrunken. Ihre Eltern waren noch nicht wach, und sie selbst war noch im Pyjama mit nassen Haaren. Stirnrunzelnd zog sie sich an. Frühlingssonne fiel, als hätte die Erdkugel eine goldene Kette von oben umgelegt, eine Kette mit einem glänzenden Amulett, das ihr Gesicht blendete. Sie sah wieder hinaus. Der Boden war fast dunkel vom vorherigen Regen; jeder Riss im Asphalt, jede Pfütze und die Menschen auf der Straße sahen veredelt aus, parkende Autos fast schön unter diesem Amulett — als würde ein Hauch von Klaviermusik in einen Raum mit Alltag wehen: ein Klang von beruhigenden und auch reibenden Quarten, dazu ein Schuss klare Sehnsucht.
Ihre Blicke waren wartend, wartend darauf, dass der Junge aufstand, sich eine Zigarette anzündete. Dass der Wind nicht nur durchs offene Fenster in ihr Haar wehte, sondern sie mit Erleichterung umspülte. Da sah sie, dass einer mit langen Haaren den am Boden liegenden heftig mit dem Fuß in die Seite trat. Als hätte Sehnsucht nicht nur romantische Locken, hatte sie sie in angrenzende Bahnen der Angst getrieben, in denen alles lähmend langsam zuging; in Abgründe und Schluchten.
Diesmal aber ging sie zur Haustür, ihre Jeansjacke vom Haken nehmend. Sie öffnete die Tür, plötzlich leise und zaghaft. Was ging sie dies alles an? Wer waren diese Jungs? Sie hatte sie hier noch nie gesehen. Es dauerte Minuten, bis sie sich traute, Schritt für Schritt näher zu kommen. Schon von weitem roch sie Bier und Schnaps. Die Jungs wirkten nicht nur vom Alkohol zugedröhnt, ihre Augen waren glasig und betrachteten sie, als sei sie unwirklich. Nur der Typ mit den langen Haaren sprach sie an. Was willst du? Sein Gesicht war verzogen vor Frust. Der Junge am Boden lag in Blut.
Der da hat Idiot zu mir gesagt.
Der betrunkene Junge war im Begriff, wieder zuzutreten. Aber sie schrie zu laut.

(ISBN 9736758902)

Genauso wie immer,
der Geruch der Matratze, der Geruch der Luft in seinem Zimmer, alles wie immer, und ich lag mit ihm, genau wie immer, wir lagen zusammen, und ich liebte ihn.
Die Matratze, sie fühlte sich rauh an und doch weich, wenn man sich hineinfallen ließ, ich wusste das; die Luft roch nach ihm, nach seinen frischgewaschenen T-Shirts über den Stuhllehnen, nach seiner Haut nach dem Duschen, nach den Wassertropfen auf seiner Haut, nach Seife und Shampoo. Die Luft stieg aus dem Teppichboden, in dem meine Füße versanken, sie umhüllte mich, die Musikboxen, den Fernseher mit seinem Geruch, umschlang alles. Ich konnte kaum mehr atmen. Sie wurde dumpf und schwer, weil sie nicht herauskonnte, sich nicht vermischen konnte mit der Luft vor den Fenstern, mit der Luft vor der Balkontür, die frei war und frisch, denn hier drin stieg sie aus dem Teppichboden und machte mich ersticken.
Alles war wie immer, und ich liebte ihn.
Sein schlafendes Gesicht, seine Lider, sein schlafender Mund, ein ungestörter, friedlicher Mund, seine schlafende Nase, sein schlafender Kopf — weg war es, erst ein paar Stunden — , und was mochte drin sein in seinem Kopf? Nichts als Schlaf? Er schlief. Aus Trauer, aus Gleichgültigkeit? Winzige Bartstoppeln — ich sah sie mir an und sah Haare, die mitten aus seinem Gesicht wuchsen. Sah Haare, die auf seiner Stirn anfingen, nach hinten zu wachsen, seine Locken still auf dem Kissen, meines war nassgeschwitzt, meine Gedanken schwer, ich drehte mich weg, konnte ihn nicht mehr ansehen.
Ich schrie laut, nein, mein Bauch schrie, stumm, ich liebe dich, schrie mein Bauch, fanatisch, hysterisch, mit unglaublicher Qual. Das Baby war weg. Ich schlug auf meinen Bauch, dass er zusammenzuckte vor Schmerz, um mich selbst zu bestrafen. Eine Welle von Übelkeit zuckte von meinem Hals zu meinem Mund, schoss bis zu meinen Gedanken, lieben, lieben tu ich, für dich, fühlte den kalten Schweiß auf meiner Stirn, seine Schulter berührte mich im Schlaf, ich zuckte zusammen.
Die Übelkeit schwoll an auf meiner Zunge, lag vor meinen Zähnen, vor meinen Lippen, es würgte mich, doch es war nur Leere, nur Schmerz aus meinem Inneren. Nichts kam heraus. Kein Laut. Keine Flüssigkeit, keine Träne.
Nur mein Bauch fühlte sich nicht leer an, alles andere war leer und schwer, meine Adern, meine Knochen, meine Seele. Denn es war weg, das Störende, das Lästige, es war für immer weg aus meinem Körper, aus meinem Bauch. Keine verbitterte Wand mehr zwischen uns, kein Streit, keine Diskussion, keinerlei verbitterte Wand mehr. Er hatte bekommen, was er wollte, und es roch in seinem Zimmer nach seiner Luft, nach seiner Haut nach dem Duschen.
Und er, nach dessen Haut die Luft roch, lag und schlief. Keine Sache war es, eine Sache von einer Stunde und weg war es, für ihn, und mein Bauch fühlte sich so voll an, als hätte ich sieben Dosen Suppe hintereinander gegessen, und er schmerzte; er schlief. Ich schmerzte ohnmächtig, und er neben mir schlief. Alles war wie immer, und ich liebte ihn. Den Duft in seinem Zimmer.
Die Luft in seinem Zimmer roch dumpf nach seinen frischgewaschenen T-Shirts über der Stuhllehne, nach seiner Haut nach dem Duschen.

(ISBN 3873542390)

Klangspuren

  • Lyrikband Flügelworte, PianoLyrik op. 1, Literaturverlag Bielefeld (ISBN 9783938969250)
  • Gedichte Tannhäuser, Mali (ISBN 10 3954884437)
  • Gedichte Orchester, Bündnis, Der tasmanische Tiger (ISBN 13 9783954884438)
  • Gegangen I (ISBN 9783943408-126 oder -256, eB)
  • Gegangen II (ISBN 9783861962182)
  • Behörde (ISBN: 9783981022292)
  • Bach Goldberg Variationen (Buch, ISBN 9783842863453)
  • Auferstehung am Flügel (CD, Hörbuch, ISBN 9783867730457)
  • Sein Name (CD, Hörbuch, ISBN 9783867730457)
  • Vertrauen (ISBN 3873542390)
  • Glück (ISBN 3873542390)
  • Pianistenhand (ISBN 9783895149955)
  • Spätjahr (ISBN 9783895149955)
  • Angesichter (ISBN 9783895149955)
  • z.B. Kinder (ISBN 3879983240)
  • Zeit (ISBN 392870043)
  • Stilleklang, Bündnis (ISBN 9783930048601)
  • Goldberg (Buch, ISBN 9783842863453)
  • Weilenklang (ISBN 9783930048601)
  • Jeden Augenblick, Text & Melodie (cap, CD, ISBN 3865910580, 4029856463308, Buch)
  • Solo CD Jeden Augenblick (cap, CD, eigene Lieder und Liedtexte, ISBN 4045027036324)
  • Nachtgedanke (cap, CD, ISBN 4045027036317)
  • 40 Himmelslieder (cap, Doppel-CD, ISBN 5203633)
  • Gott ist gegenwärtig (cap, CD, Hörbuch, ISBN 4045027073367)
  • Worte des Meisters (cap, CD, Hörbuch, ISBN 4045027071219)

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