Blog und Tourblog

Mit täglichen Impulsen ein Kunstwerk über Leben, Musik, Wunder und Erkenntnis. Tourberichte, lebendig, leidenschaftlich, provokativ und zum Nachdenken.

13. Juni 2020

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Es geht beim Musikersein nicht um Beruf allein, sondern um Berufung. Eine Berufung ist nie ein Hobby. Das schließt sich aus. (AHS)

Nun schreibe ich den 13. Juni auf den letzten Drücker. Es war ein schöner Tag mit schönen Orgel- Aufnahmen. Es ist sehr interessant zu sehen, was auf einer Orgel geht und was nicht. Auch gerade was nicht geht, bringt einem die Orgel näher. Jede Orgel hat ihre Eigenarten, ihre Stärken und Schwächen, genau wie ich. Die Hoffmann-Orgel in Heidingsfeld mit ihrem leuchtenden Licht gefällt mir sehr gut, und Ludwig alias Lingualpfeife hat diese Orgel mit seinen Videos berühmt gemacht, und die Leute pilgern hierher.

Auch die Hochzeit in St. Kilian Bad Windsheim war sehr schön. Eine tolle große Orgel, ganz anders als die Hoffmann-Schindler-Orgel – es macht Spaß, jeden Tag eine andere, neue Orgel-Persönlichkeit kennenzulernen und sie automatisch positiv miteinander zu vergleichen. Dadurch lernt man selbst sehr viel für das eigene Spiel. Es macht mir Spaß, mich an die Orgeln anzupassen. 

Überall um die beiden Kirchen herum blühen die Rosen. Ich habe auch schöne Rosen bekommen. Und natürlich waren wir Spargelessen, ich könnte jeden Tag Spargel essen. Fränkischen Spargel natürlich. 

Ich glaube, durch das Aufnehmen lernt man auch enorm viel. Ich fokussiere mich ganz anders. 

12. Juni 2020

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In der Orgel steckt viel musikalische Weisheit. (AHS)

Ich freue mich, dieses WE auf einer Hochzeit und schöne Aufnahmen zu spielen. Ich bin immer noch ganz hin und weg von dem wunderschönen Klang der Clavichorde. Das Massieren dieses Klangs, hier genau die Balance zu halten. Ich muss auch sagen, dass ich alles mit kurzer Oktave wirklich mag und es mich da hinzieht, wie in eine andere exotische Welt, in eine Zeit, die ich sehr gern real und live kennengelernt hätte. Zumindest eine Weile. Diese nicht-gleichschwebenden Tasteninstrumente – mit ihrer Unterschiedlichkeit, ihrer Verletzlichkeit, ihren Grenzen  – ein Traum. Wie exotische Pflanzen, die man gießen muss. Cembali mit zwei Manualen, Cembali naturbelassen und mit kurzer, gebrochener Oktave, große und kleine Clavichorde – wie in einem Garten voller Früchte. 

11. Juni 2020

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Die Kunst war lange schon vor dem Virus in der Krise. Die Viren der autoritären Männerdominanz fliegen schon lange um die Orgel herum. (AHS)

Seltsam, manche Orgeln mischen sich einfach nicht so schön in ihren Farben, da muss man wirklich tricksen. Oder sie besser verstehen?

Was ich sehr an Bach mag ist, dass er Crescendi und Virtuosität ausschreibt, und die Art, wie er das macht. Allerdings sind genau diese genialen Dinge auch die, die ihn komplex machen – denn ausgerechnet gerade die leichten Zählzeiten vor der Eins sind dann die mit ausgeschriebener Intensität und schwer zu spielen und können zum Stocken oder Betonen tendieren. Denn egal wie dicht er wird – der Fluss muss beibehalten werden.

Gerade die Passacaglia c-Moll ist ein solches Kunstgeflecht. Es beginnt beinahe homophon und fängt dann an, nach allen Seiten frei “auszufransen” – und dennoch ist es innen verdichtet, jede Linie zeigt ihren Höhepunkt, die sich wiederum überlappen, ineinandergreifen, es schillert dann überall. Wie hat er sich das alles gedacht?

Weil mich viele nach Übersetzungen gefragt haben von Liedtexten meiner CDs (schwedisch, englisch auf Deutsch):

Liedtexte Songs

10. Juni 2020

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Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, misere nobis.

Mein Leben ist ein Puzzlespiel, ein Memory-Spiel. Eine Einheit. Wenn ich gestern merkte, dass meine Daumen verspannt sind und mich fragte, warum, erfahre ich schon am nächsten Tag “zufällig” von anderen Menschen und Lehrern, die das gar nicht wussten und denen ich auch nichts dazu gesagt hatte, die Antwort: Ich kontrolliere mit dem Daumen, anstatt andere Finger vorzulassen, anstatt andere Finger zu verwenden. Ich bin sogar mit dem Daumen häufig gesprungen. Nach dem Motto: Der schwere Weg wird helfen.

Nun merke ich, dass man auch kämpfen und siegen kann ohne viel Aufwand. Dass man sich nicht immer anstrengen muss, um erfolgreich zu sein. Im Gegenteil: Der angenehme Weg kann der richtigere sein. Im Entspannen und Relaxen komme ich der Musik und den Schwingungen näher.

Denn Ton und Klang sind immer Schwingung. Und Schwingung und Druck passen nicht gut zusammen. Wenn ich kämpfte, habe ich manchmal Geräusche von mir gegeben wie der Zeichentrick-Maulwurf. Aber das Seufzen und Anstrengen muss nicht immer sein. Ich bin dankbar, dass ich so viel volle Unterstützung im Leben habe von Top-Menschen. Nun, das Umsetzen liegt doch ganz und gar in meiner Verantwortung. Und das ist nicht immer leicht. Manches habe ich mir schon so angewöhnt.

Ich finde es schön, dass Singen und Sprechen sehr nah beinander sind, und wie alles im Körper aufeinander abgestimmt ist. Der menschliche Körper ist ein Universum, ein Königreich, ein Wunder.

Das Quergespannte im Körper: das Fußgewölbe, das Zwerchfell, die Zunge, die Stimmfalte, der Beckenboden – all das hängt zusammen. Wer hätte das gesagt, dass Kehle und Becken zusammenhängen! Unfassbar! Und dann beispielsweise diese Kehle. Dass man sie spüren kann. Dass man weiß, wo sie ist, ob sie tief oder hoch liegt, und dass ich sie fallen lassen kann, dass sie tief sein darf und soll, um sich zu entspannen. Ich habe meine Stimme zu viel “im Kampf” eingesetzt, dabei bewusst auf Klang verzichtet, eher auf Druck gesetzt, die Kehle zur Faust geballt. Aber das muss nicht sein, denn dadurch kommen Stimme und Kehle viel zu hoch. Es ist so viel schöner, sich zu erinnern, wie nah das Sprechen am Singen ist, und wie schön das Schwingen ist. Die “Ich-Stimme” zu finden (meist viel tiefer). Den Übergang von Singen zu Sprechen und umgekehrt. All das aber ist verbunden mit der Seele. So wie ich meine Kehle spüren kann, wo sie liegt, wie hoch oder tief sie ist, ob ich sie fallen lassen kann, so kann ich spüren, wo und wie meine Seele liegt. Das alles ist ein Wunder. Ich staune. Das heisst, dass Sprechen, Singen, Spüren, Reiten, Spielen – all das hängt zusammen. Was sehr hilft, um weicher zu werden im Becken, was ja für das Reiten unerlässlich ist, und auch an der Orgel, ist Singen, Atmen und die Kehle fallen lassen. Das steht sicher in keinem Reitbuch. Aber in der Gesangstunde und im Feldenkrais erfährt man so etwas. Es macht Spaß, sich nicht mehr auf die Konsonanten zu stürzen, sondern auf die Vokale, und plötzlich schwingt die ganze Welt, überall ist Klang. Alles ist eine Einheit.

Vibrieren, Kauen, Massieren vom Nacken, Brummen – das Auffangen  der Kräfte wie Konsonanten, wie die Dissonanzen – das ganze Leben ist ein Puzzlespiel. Ich übe und denke nach, ich lese etwas von Verhandeln, mein Kopf verbindet das, was ich lese mit dem, was ich von Dissonanzen erfahren habe, und das wiederum erinnert mich an das Auffangen, was ich beim Sprechen und Singen lerne, das wiederum erinnert mich an das Reiten, und Ausgangspunkt von all dem ist die Musik. Ich lese etwas von Räume öffnen im Verhandeln, höre gleichzeitig “zufällig” von Räume öffnen in Feldenkrais (Daumen, Mundhöhle, Becken) und im Gesang (Oberkörper, Mund, Kehle, Schwingung) und Reiten (Becken, Durchlässigkeit) – alles ist eine Einheit. Dass Fersen und Oberkörper zusammengehören ist dabei nur noch die Krönung. Als hätte sich alles abgesprochen, eine Einheit zu bilden. Merci!

Manchmal denke ich, es kann nicht sein, dass ich für 5 Tage zwei Stunden brauche.

9. Juni 2020

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Wir tragen in uns die ganze Musik. Sie ruht in den Tiefenschichten unserer Erinnerung. (Emile Cioran)

Mein neues Stück in Bad Windsheim an der schönen großen Orgel in St. Kilian – es hat Spaß gemacht. Es heißt VIREN. Ich weiß, es ist vielleicht etwas ausgeflippt, aber ich suche noch, aus den Schubladen herauszukommen. Das musikalisch Thematische sind hier die Repetitionen. Es ist für manche crazy, für andere “normal”. Ich hoffe, es ist gut crazy.

Sehr mag ich (seine damals sicher revolutionären) Stücke  L’Ascension (Auferstehung) und Nativite. Gern hätte ich Messiaen kennengelernt. Was er wohl von mir gehalten hätte? Seine Stücke sind Klangstücke, die Kunst der Langsamkeit oft. Das liegt mir. Ich mag die Extremen. Sowohl sehr langsam als auch sehr schnell. Die geschmeidige Freiheit im “strengen” Rhythmus kommt erst später. Er selbst hat seine Werke ja noch mal ganz anders gespielt, eher improvisiert, was typisch für Komponisten ist, siehe Widor, Rachmaninoff etc.

Es ist doch erstaunlich, dass ich Messiaen erst an der Orgel entdeckt habe, nicht am Klavier.

Ehrlich-Orgel Bad Wimpfen

8. Juni 2020

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Liszt “kopiert” Bachs Kunst der Dissonanzen. (AHS)

Es ist die einende, ein-endende Kraft, die in den Dissonanzen liegt, wie eine tiefere Lösung für aufgeladene Konflikte –  aufgeladene Harmonie, eine Quelle kreativer Energie, größer als ihre Summe. Das Auffangen dieser Kräfte. Es gibt nichts Schräges.

Dissonanzen sind integrierende Dynamik, ein Beben, wie wenn Kontinente oder Kernidentitäten aufeinander prallen. Kräfte aus dem musikalischen Inneren voll Erschütterungen. Die Orgel bringt Dissonanzen besonders gut hervor und heraus.

Bei manchen Dingen würde ich mich gern mit Liszt unterhalten.

Lutoslawski Paganini-Variationen: Mit diesem Stück haben meine Schwester und ich den 1. Preis im Steinway-Wettbewerb Hamburg gewonnen:

7. Juni 2020

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Da man an der Orgel im Nachhinein Klang definiert, ist auch die Art, wie man Akkorde spielt, die Länge der Akkorde und generell die Länge sämtlicher Artikulationen entscheidend. (AHS)

Jetzt bin ich mit Messiaen L’Ascension (Himmelfahrt) beschäftigt. Das ist zeitintensiv, daher habe ich heute nicht so viel geschrieben. Morgen wieder.

6. Juni 2020

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Beim Üben müssen sich die Hände gut vertragen. (AHS)

Ja, meine Hände müssen sich nahe kommen und dürfen nicht zanken.

Mit diesem Flügel-Gefühl an der Orgel liegt mir Liszt besonders.

Ich mag es, immer mehr zu erfahren, wie man mit Klang an der Orgel umgeht in romantischer, symphonischer Musik.

Das Abgesetzte kann dicht als  legato durchgehen, was für mich früher portato war. Wie man dabei besonders im Pedal umgeht, ist interessant, denn hier ist eigentlich immer der Legato-Gedanke wichtig. Da man an der Orgel im Nachhinein Klang definiert, ist auch die Art, wie man Akkorde spielt, die Länge der Akkorde und generell die Länge sämtlicher Artikulationen entscheidend. Das macht sehr viel Spaß: Die Länge von Achteln, von Staccato, die Länge von Vorhalten definieren, die Länge von diesem oder jenem legato, die Länge von diesem oder jenem Absetzen:

Das Wort oder besser der Klang kurz oder dicht kann sämtliche Facetten, Schattierungen und Farben beinhalten – sehr schön: Meine Kreativität hat angedockt. So entscheide ich durch Längen die Dynamik und auch den Charakter, und diese können ineinander verschmelzen und übergehen.

Ich finde, in der Orgel steckt viel musikalische Weisheit. Sie ist anfangs so introvertiert, so steif, und wird durch mich wachgeküsst, und plötzlich ist sie wie ein elegantes Pferd unter meinen Händen, wird durchlässig und geschmeidig, streckt den Rücken unter mir, und mit ihrem enormen PS fliegen wir um die Welt.

5. Juni 2020

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Ich habe das Flügel-Gefühl an der Orgel. (AHS)

Es braucht diese gewisse Körperspannung an der Orgel. Relaxte Körperspannung, wie beim Reiten.

Beim Üben kaue ich sämtliche Stifte an. Geht es anderen auch so? Ich muss sie dann leider alle frühzeitig austauschen.

Ich freue mich, wenn endlich wieder in den Konzerthäusern und Opernhäusern Konzerte und Opern besucht werden können. Ich habe ein paar schöne Tickets.

Doch momentan ist eine Arbeitszeit. Ich bin fleißig mit meiner Dissertation und mit der Orgel.

4. Juni 2020

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Denn Bach war ein Liebhaber von Dissonanzen; ein Künstler darin, wie man mit Dissonanzen umgeht. Die Kunst der Fuge ist im Grunde sehr dissonant, ein Tanz mit Dissonanzen. (AHS)

Wenn man mal überlegt, wie dissonant der Mittelteil von Bachs Piece d’Orgue geklungen hat auf mitteltönigen Orgeln zu Bachs Zeiten! Und selbst heute flirrt und zittert das Gravement geradezu vor Dissonanzen. Und da kommen Leute und meinen, Bach wäre konservativ gewesen. Ich kenne bis heute niemanden, der so absolut revolutionär war/ist. Gleichzeitig lädt er mich beim Üben mit seinen Werken immer wieder zum Singen ein. Da sagen Leute, Bach sei nicht melodisch, und dabei singe ich bei keinem Komponisten so intensiv mit beim Üben wie bei Bach. Selbst wenn ich böse bin auf Gott, muss ich beim Üben Loblieder singen, während ich Bach spiele. Es ist nicht anders möglich. 

Es wäre sonst so, als würde man Nutella essen und müsste dabei angewidert das Gesicht verziehen oder als würde man Spargel mit Sauce Hollandaise essen und dürfte dabei nicht den Mund voll Genuss verziehen. Übrigens mag ich besonders, wenn diese Sauce etwas schaumig ist und der Spargel weicher als normal. 

Wenn ich manchmal Bach im Pedal ohne Schuhe übe, komme ich mir vor, als würde ich ohne Steigbügel reiten. Das hilft auch ab und zu, besser zu spüren.