Blog und Tourblog

Mit täglichen Impulsen ein Kunstwerk über Leben, Musik, Wunder und Erkenntnis. Tourberichte, lebendig, leidenschaftlich, provokativ und zum Nachdenken.

23. Juni 2020

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Bach üben ist, Kompositionsunterricht zu haben. Im Fluß zu sein. (AHS)

Was sind Tücken beim Üben? Teil 1:

  1. Wenn ich Orgel übe, fällt mir oft der Stift runter; er fällt wie auf der spanischen Treppe alle Manuale hinunter bis unter das Pedal in den hintersten Winkel, der kaum erreichbar ist.
  2. Manchmal schreibe ich um eine Note herum, wenn ich sie immer wieder falsch erwische, den Namen (also den Buchstaben) der Note. Aber das hilft nicht immer sofort: Es kann passieren, dass es Noten in meinen Noten gibt, die von allen Seiten einen Buchstaben haben, oben, unten, rechts, links.

22. Juni 2020

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Aus seinen Flügeln rauschen Liebesworte, Gedichte, Liebkosungen. (Rose Ausländer)

Es macht mir Spaß, die vielen verschiedenen C.f.  – Bass, Sopran, Tenor – zu üben. Es ist schön, wenn Theorie Kunst wird und wirklich Sinn macht. Weite Lage, enge Lage, Quintlage, Terzlage – und alles dreht sich um den Bass (was drüber bleibt, was drunter geht)… So wie man seinen Kiel im Springer schneidet und spitzt, oder den “Blei”stift, so spitze ich mein Gehirn.

21. Juni 2020

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Die Anfangszeit mit einem neuen Werk (einem neuen Instrument) ist entscheidend, ist mit das Schönste, das Schmackhafteste, ist der Spargelkopf. Auch meine erste unschuldige Anfangszeit mit der Orgel möchte ich mir bewahren. Die erste Liebe. (AHS)

Es ist schön, dass Atmen und Raum nehmen auch mit Musik machen zu tun hat. Bach hat die (musikalischen) Regeln seiner Zeit gebrochen (damit in gewisser Weise auch politische natürlich), wie man zB an den vier Duetten (besonders da so völlig entblösst) deutlich sieht. Nun ist es an mir. Musik ist eben doch Politik. Dennoch bin ich immer noch unter den Fittichen des Lernens. Ich weiß nicht, warum. Schutz? Oder auch nicht. Was hat Gott mit mir vor? Wenn ich merke, dass es beim Atmen und bei Tempo um die Bewegung geht, wie man Bewegung formiert oder organisiert  – dann ändert sich meine Herangehensweise… zum Positiven wohlgemerkt. Lebendigkeit ist etwas anderes als Schnelligkeit und hängt sehr mit Klang zusammen, und Klang wiederum mit Artikulation. Diese vielen Bausteine, die doch nur eine Einheit bilden. Das fliegende Gefühl am Clavichord – völlig anders als an irgendeinem anderen Tasteninstrument – wenn die Finger dicht und vorne sind, wenn man entspannt ist und dennoch Kraft durch Dichte gibt, damit der Ton nicht bröselt  – das meine ich mit fliegend. Auf diese Weise werden Läufe und gesetzte Eins und Triller anders.

Ich liebe dieses Schwingen, wenn Akzente genau richtig gesetzt sind – nicht zu viele, so dass alles leicht bleibt, tänzerisch wie alles bei Bach – Um die richtigen Schwerpunkte zu kennen, muss man Form, Zwischenkadenzen, Motive und Dissonanzen, das Steigende und Fallende gut kennen.

Handklang am Klavier:

20. Juni 2020

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Wir geraten in der Musik in eine Zustand des Einswerdens unserer Befindlichkeit mit dem, was die Musik mit uns tut. (Eggebrecht)

Das neue Orgelwerk mit Zuspielband ab libitum (Elektronik) wird es bald als Noten zu kaufen geben, ich freue mich:

Wunderschöne historische Ehrlich-Orgel ev. Stadtkirche Bad Wimpfen

19. Juni 2020

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Veni Creator Spiritus!

Wenn ich für Klavierabende Beethoven und für die Orgelprüfungen übedann komme ich mir schon masochistisch vor, wenn ich dann mit Armen, die noch von Schmerzgel glänzen, am Instrument sitze. Und das um sieben Uhr früh! Am Fingersatzschreiben. Meine Nachbarn stehen insgesamt schon wieder kopf.

An der Orgel braucht man viel mehr den weichen Anschlag, das Herausgehen, das Formen und Modellieren des Tones, nicht das oft “Überartikulierte” (“Angriffslustige”) wie am Klavier.

Sehr lustig finde ich Knallerfrauen auf facebook – sie ist einfach sehr talentiert.

Manche Menschen, stelle ich fest, muss man irgendwie mögen, obwohl sie es überhaupt nicht verdient haben, einfach so, gerade weil sie es nicht verdient haben – wenn es das nicht gäbe, gäbe es Gott nicht.

Ich freue mich, dass ich ein neues Stipendium bekommen habe und in der Anthologie des Ulrich-Grsnick-Lyrikpreises aufgenommen wurde.

Auch das Methodenseminar Dissertation war sehr spannend, ich habe meine Studie vorgestellt.

Wunderschöne Ehrlich-Orgel Stadtkirche Bad Wimpfen

18. Juni 2020

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Was ist dieser Klang, der dir Heimweh macht? (Ingeborg Bachmann)

Mir gefallen die unterschiedlichen Klangproduktionen und die unterschiedliche Mechanik von Tasteninstrumenten. Die Saiteninstrumente faszinieren mich besonders. Das Cembalo ist im Grunde auch eine Art Zupfinstrument – aber nicht wie Gitarre oder Harfe direkt an den Saiten, sondern indirekt. Das Clavichord mit seinen Quersaiten aus Metall wird dagegen nicht gezupft. Hier besteht eine direkte Verbindung. Dynamik und Volumen und Bebung kann man erzeugen, durch das Plektrum, Tangente genannt. Die Saite wird angestoßen. Dadurch ist das Clavichord dem Klavier ähnlicher. Beim Cembalo mit seinen Längssaiten aus Metall wird die Saite angerissen. Dynamik und Volumen sind daher schwer möglich. Im länglichen Springer befindet sich das Plektrum, Kiel genannt, und die Zunge. Der Kiel muss zugeschnitten werden und ist heute meist aus Plastik, früher aus Vogelfeder oder Leder.

Ein gebundenes Clavichord (weniger Saiten) mit angehängtem Pedal kostet um die 18.000 €, ein ungebundenes mit zwei Manualen und freiem Pedal (ein extra Clavichord, ein Bass-Clavichord) kostet um die 60.000 €. Was die Stimmung angeht, ist ein Clavichord viel stabiler als ein Cembalo, was man gefühlt ständig stimmen muss. Bei einem gebundenen Clavichord ist nur eine Stimmung möglich, meist Richtung Silbermann, also Richtung mittelttönig.

Ich wünsche mir sehr ein Clavichord, wie Bach eines hatte: ungebunden mit zwei Manualen und freiem Pedal. Aber auch ein gebundenes mit angehängtem Pedal finde ich wundervoll und freue mich, wenn ich eines habe, aus den Niederlanden.

Rheydter Musiksommer Mönchengladbach 2020

17. Juni 2020

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Die Füße auf dem Pedal sind für mich wie Saugknöpfe. (AHS)

Ich freue mich auf die Konzerte in Mönchengladbach und Schweden.

Wenn ich die Passacaglia c-Moll übe, dann bekomme ich Gänsehaus beim Üben, obwohl es doch noch nicht rund läuft, da neu. Es ist einfach die Komposition an sich, die mich völlig fasziniert. Ein Werk mit Universen, Monden und Sternen. Ich finde die Anfangszeit mit einem neuen Werk entscheidend, ist das Schönste, das Schmackhafteste, ist der Spargelkopf. Auch meine erste unschuldige Anfangszeit mit der Orgel möchte ich mir bewahren. Die erste Liebe. Es ist/war eine so kindliche, zärtliche Annäherung, die ich mir für immer bewahren möchte. Ich bin oft entsetzt über die lieblose, abgestumpfte, arrogante, blinde, harte, nüchterne “Beziehung”, die manche mit ihren Instrumenten nach einer Weile haben und dies professionell nennen. Es ist einfach schmutzig und unrein. Das Kindliche muss bleiben, ist kreativ. Ich glaube, dass Bach auch etwas Kindliches hatte. Genau wie Gott. Das Harte fehlt. Ich kann das an Tieren sehen, an Bäumen, Blumen, an Wolken, an Kindern, an allem, was schön ist, an Bachs Musik. “Professionell” kann in der Kunst sehr negativ sein. Oft ist es tot und unkreativ.

In Bachs Passacaglia blinkt das Thema auf wie ein Lichtstrahl durch dichte Wolken auf, buchstäblich. Es hat beinahe etwas Magisches, da das Thema meist irgendwo ist für den Hörer, ungreifbar, unten, oben, überall.

Ich liebe es, wie die Variationen überlappend ineinander übergreifen, diese Verschränkungen. Wie Bach musikalisch Drama versteht und komponiert, wie er also das Dramatische komponiert, gefällt mir am besten. Er komponiert Dynamik aus, Virtuosität, Verdichtungen, Crescendi – all das ist atemberaubend. Aber wie er Drama auskomponiert – das ist für mich das Atemberaubendste: Dass und wie er unerwartet Akzente und Crescendi auf die unbetonten Zählzeiten bringt, die ins Leere laufen, ins Nichts; die kraftvollen Pausen; dass er das Thema auch in Brummkreiseln bringt, die im Kreis drehen, die oszillierenden, schwingenden Variationen  – man weiß nie, was als nächstes passiert – dann wieder Drehfiguren ohne Kontur, die das Thema umspielen, ein herzzerreißendes Seufzermotiv sechsmal in drei Takten (!), aus dem Nichts plötzlich 5-stimmig bei dem Genauen – steigend, absteigend, dann beides zusammen, was freche Harmonien ergibt, süffige Dissonanzen, alles genau geplant, dann das intensiv Auftaktige – majestätische Fanfaren – alles spitzt sich zu zur Fuge – und inmitten diesem allen leuchtet immer wieder das Thema auf, wie eine stabile, profilierte Botschaft, Lichtstrahl durch Wolken und Geflecht. Und in all dem dieses Persönliche, sein Gefühl. Die Musiktheorie wird nicht nur Kunst, sondern wird Gefühl. Viel mehr Persönliches als das Galante, wenn auch versteckt – was nicht bedeutet, dass Bach, auf sensible Weise, Galantes in seiner Musik nicht durchaus verwoben hat. Obwohl die Passacaglia nicht an Fahrt aufnimmt, keine Binnen-Agogik hat, nimmt sie doch durch ihre Dramatik an Fahrt auf.

Die Art, wie Bach mit dem Bass umgeht. Mit Bass. Ja, die Orgel ist Bass. In vieler Hinsicht. Von unten alles aufgebaut und geschichtet. Der Bass, dem sich alle Stimmen unterordnen müssen. Mal Thema, mal Fundament, mal Harmonie. Das ist das, was mich anzieht. Auch die Art, wie Bach mit den Regeln der Musikheorie umgeht. Bei ihm wird das Trockenste und Simpelste und Komplexeste gleiche Kunst. Dominante und Tonika Neapolitaner. Nie habe ich eine schönere Dramatik gesehen und gehört. Selbst wenn ich wie ein Storch noch vorwärts stake, bin ich voller Gänsehaut beim Üben. Bei Bach macht alles Sinn.

“Gut abgesetztes Legato” – so etwas gibt es nur an der Orgel.

Was mich wundert ist, dass das ganze Leben politisch ist. Alles scheint Politik zu sein. Ich habe zufällig in das Buch von Helmuth Kohl (“Tagebücher”) hinein geschnuppert. Er schreibt, dass es das System der Seilschaften (von Männern erfunden) gibt. Er schreibt, dies kann sehr gefährlich und negativ sein. Ich weiß noch nicht recht, wie ich mich damit arrangieren soll.

Natürlich gehört zum Lernen auch Wollen, Mut und Demut. Ich glaube, viele sind nicht demütig genug und zu feige, ab einem bestimmten Alter Neues zu lernen. Ich meine, wirklich Neues. Besonders die im System der Seilschaften.

16. Juni 2020

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Habt keine Angst. Öffnet die Grenzen der Staaten weit für Christus. (Pabst Paul II.)

Das, was man lernt, ist wie Gold in einem innen, das kann einem niemand mehr wegnehmen. Manchmal ist der Preis dafür hoch, ich meine an Zeit, Kraft und Opfer – und weil manche komisch schauen oder einem Hindernisse in den Weg bauen. Aber umso mehr glänzt alles, umso wertvoller wird alles, genau durch diese Steine, die manche in den Weg legen. Trotz all der Hindernisse bin ich so dankbar, was ich lernen darf. Als würde jemand von oben alles dirigieren (was manchmal wie ein Chaos aussieht). Und Corona hat nichts davon aufgehalten, im Gegenteil, intensiviert. Natürlich gibt es Menschen, die an Lernen ohnehin nicht sonderlich interessiert sind. Aber Lernen ist für mich mehr als Lernen. Es ist Wissen, Weitergeben, Kennen, Verstehen. Erkennen

Ich finde, meine ausgewählten Bachstücke sind eine perfekte Mischung, G-Dur, F-Dur, d-Moll, c-Moll. Wie kann man es besser treffen? Die Triller sind rund, die Sechzehntel ruhig und eine durchlaufende Kette, die Achtel mit Richtung, das Pedal zwingend und dennoch brillant und weich, die Triolen ausgeruht, dicht und fließend – ich brauche drei Köpfe. Alles muss unabhängig sein. 

Sowohl an der Orgel als auch an Cembalo und Clavichord (und anderen Saiteninstrumenten) ist vieles herumgedreht zum Klavier: Die ruhige Art zu trillern beispielsweise. Der Daumen spielt bei weitem nicht die Rolle, die er am Flügel hat, im Gegenteil: Am Clavichord und auch an der Orgel ist man weit vorn an den weißen Tasten, nicht innen zwischen den Tasten, und man vermeidet 5. und Daumen auf schwarzen Tasten, vor allem auch bei Trillern und Sprüngen. Denn dies beeinflusst die Artikulation. Auch die Fingeraufteilung ist anders, ganz zu schweigen von altem Fingersatz. Und dass man im Nachhinein noch definieren kann, wie ein Klang war! Im Grunde spiele ich Orgel mit dem Mund, als würde ich mit den Fingern blasen. Ich forme den Ton. Und die Orgel sieht mich dabei mit Katzenaugen auf den Pfeifen an. 

Ich lese gerade Bücher über den polnischen Pabst, sehr interessant.

Ein Musiker sagte mir, es sei schön, dass ich in der traditionellen und geschichtsträchtigen Handwerksstadt Nürnberg geboren wurde, eine “deutschere Stadt gäbe es nicht”, und das als Schwedin, bzw. als Schwedisch-Deutsche. Und mein Papa aus Torgau  – eine besondere, geschichtsträchtige Stadt, Luther und Co. “Eine schöne Mischung”. 

15. Juni 2020

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Eine Dissertation schreiben ist für mich wie eine Verdauung: Man verdaut die Texte, die man liest. (AHS)

Das Interview in Darmstadt ist nun am 22.7. Und das Streaming-Concert am 5. Juli in Marktheidenfeld St. Laurentius, Streamstart 19 Uhr, ich gebe noch genauere Infos.

Ich liebe bei L’ascension besonders den 4. Satz und den 2. Ich finde es auch erstaunlich, wie Messiaen mit dem Transport der Freude (Freudenausbruch der Seele) Freude in Musik ausdrückt: Dieses sein Faible für Zungen.

Wenn die Orgel-Videos aus Würzburg Teil I fertig sind, poste ich sie.

14. Juni 2020

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Bach schwingt zwischen Kadenzen und Höhepunkten, zwischen Abkadenzieren, das meist gleichzeitig ein neues Hochschwingen, neue Anläufe und kein Ende meint – dem manchmal beinahe unerträglich langem Nichtabkadenzieren; er schwingt zwischen lebendig Festlichem und Weichem. (AHS)

Es regnet in Strömen, aber das mag ich gern. Außerdem steigt die Luftfeuchtigkeit enorm, wenn ich die Balkontür aufmache. Die Instrumente baden und glucksen vor Freude.

Ich mag sehr Messiaens Orchesterfassung L’Ascension. Der Zungenklang im Orchester. Das ist tatsächlich eine ganz andere klangliche Vorstellung als ich normalerweise am Klavier hatte. Es gibt keine Zungen am Klavier. Das gibt es wirklich nicht. Daher fand ich Zungen erst mal nicht attraktiv. Aber jetzt schon. Sehr. Es ist, als hätte ich durch die Orgel neue Sinne erhalten. Neue Geschmacksnerven. Messiaen hat dazu beigetragen.

Ich freue mich auf die neuen Orgel-Aufnahmen und dass das Reisen langsam wieder los geht. Fast muss man sich an das erneute Reisen wieder gewöhnen. Ich freue mich auf die Beethoven Klavierabende, die Interviews und auf Marktheidenfeld. Es macht Spaß, an Orgeln zu improvisieren, wenn man mit Tastenfesseln einen Hintergrund legen kann und darüber mit spanischen Trompeten oder mit Superkoppeln Rhythmen zaubern kann. Kreativität ist viel sportliches Auspowern für mich. Ich brauche das ab und zu, sonst platze ich  – wie Leute, die unbedingt joggen gehen müssen.

Erstaunlich, wieviele von den Hobbymusikern oder Semiprofessionellen den Beruf der Musiker und Künstler als den härtesten der Welt abtun, etwas, von dem man nie leben könnte – was eine Lüge ist, offensichtlich. Man muss jedoch wirklich die Berufung dafür auf sich nehmen, sehr fleißig sein und das Leben lang daran feilen. Jedoch für viele ist dies alles nur ein Hobby in der Freizeit. Das ist eine ganz andere Geschichte.

Es geht beim Musikersein nicht um Beruf allein, sondern eben um Berufung.

Eine Berufung ist nie ein Hobby. Das schließt sich aus.