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19. Mai 2009

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Augenbeute

Es ist schön, Konzerte in meiner nahen Umgebung, in meiner Heimat zu geben: Konzert-Blumen, die ich direkt mitnehmen kann, nach dem Essengehen gleich heimfahren können, nachbestellte CDs abgeben, wenn ich nicht genügend dabei hatte — sehr entspannt. Allerdings bin ich auch gern Gast in grossen Städten wie Berlin. Übermorgen nach meinem Vormittagskonzert treffe ich den Chef der Stadthalle Bremerhaven. Anschließend bin ich in Stuttgart bei meiner Schwester und besuche Kollegen, schaue mir eine TV Sendung hinter den Kulissen an. Danach spiele ich Filmmusik mit Schauspielern vom Bayerischen Fernsehen ein. Aber all dies läuft nebenbei, da ich für Wettbewerbe übe und nach einem Jahr meine Magisterarbeit für Musikwissenschaft schreibe. Die Analyse der Werke habe ich meistens in den Fingern, als ob diese mein Mund wären und sprechen könnten. Analyse ist Mund. Hören ist wichtig.

Meine Augenfarbe wechselt je nach Licht und Stimmung.

12. Mai 2009

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Bremen

Bremen ist die Partnerstadt von Riga, daher sieht man in der Stadt auch die Bremer Stadtmusikanten als Denkmal in der Nähe des Schwedischen Tores. Die russisch-orthodoxen Kirchen, die ich das erste Mal in Riga bewusst besuchte, und dies zufällig zu Gottesdienstzeiten, schwimmen in einem starken Weihrauchduft. Die Räume haben eine vollgestopfte kindliche Süßlichkeit, erfüllt von dem entfernten monotonen, unverständlichen Gesang von Priestern, teilweise off tune, wenn andere einsetzen. Wir Menschen sind klein wie Menschenpuppen und des Trostes sehr bedürftig.

Riga-Frankfurt

Meine Zeit ist zuende in Riga, ich fliege heute zurück nach Frankfurt, dann nach Mainz. Gestern besuchten Dace und ich das große ethnographische Open-Air-Museum am Jugla See, ähnlich wie in Litauen in der Nähe von Siauliai, in dem, da Muttertag, stundenlang lettische Tänze in traditionellen Gewändern aufgeführt wurden, Kokle-Spielerinnen zusammenspielten, wir lettisches Bier tranken, mit Prieka! anstießen und Pirags aßen, bevor wir zum internationalen Konzert in der Nähe der Musikschule per Taxibus fuhren. Konzerte und Meisterklassen sind vorbei. Am späten Abend feierten wir noch Abschied. In vier Stunden fliege ich los, wir frühstücken noch zusammen in der Musik-Akademie. Ich liebe das Improvisieren, denke an die Wale, die improvisierende Wesen sind, die ihre Lieder Ton für Ton wiederholen können, obwohl sie 30 Minuten lang improvisiert hatten – die singende Wale, wie liebe ich sie!

Größe 36

Riga, Lettland

Am Abend des Tages war Feuerwerk in Riga, da dies der Erinnerungsabend des Sieges der Russen ist, und in langen Märschen marschierten die Russen teils sehr betrunken und schreiend zum Siegesdenkmal. Das ist schwer für Lettland, zu ertragen. Sie fürchten sich oft und bleiben in ihren Häusern, vor allem die Mädchen und Frauen. Ich finde es schade und traurig, vor allem, weil es so viele ganz junge Russen sind, die durch die Stadt laufen, „Nacija“ schreien, singen und rote Flaggen schwingen. Zuerst dachte ich, sie schreien Vacija, was Deutschland heisst. Manche Letten sagen, sie würden sofort erkennen, ob jemand russisch ist, andere sagen, das sei unmöglich. Aber die russische Sprache ist viel dominanter und härter als Lettisch, und es ist schwer für Lettland zu vergessen, was Russland Lettland angetan hat, und wie groß, nah und gefährlich Russland nach wie vor für sie ist und präsent im eigenen Land, in Lettland. Es ist unsicher, auf nächste Generationen zu warten, die anders sein könnten, wenn so viel Hunger da ist auf jedem Gebiet, vor allem in der Krise. Aber ich sehe auch eine Leidenschaft in den Augen der Letten, eine Wildheit, die ich oft woanders sehr vermisse, dort, wo es immer brav und nach denselben Regeln zugeht, ohne Entscheidendes zu verändern. Auch Zaiga hatte Angst, da dies eine organisierte Feier ist. Als ich nach Hause kam und singend das Treppenhaus hochlief, lief Ilze mir warnend entgegen, eine betrunkene Frau läge im Treppenhaus und schlief. Wir weckten sie, aber sie konnte nichts sprechen und schlief sofort wieder ein.

Heute fand die Improvisations Meisterklasse auch in der Musikakademie statt, da dort die Kokles in einem Extra-Raum stehen. Wir improvisierten diesmal direkt in einer größeren Gruppe mit zwei Kokles, Akkordeon, Klavier, Geige und Gesang — eine solche Kombination habe ich noch nicht erlebt. Mir sind die Tränen gekommen. Warum wird etwas so Wichtiges und Schönes so selten gemacht? Besonders als die Geigerin einsetzte, konnte ich mich kaum beherrschen. Ich habe das Gefühl, ich bin durch eine neue Tür hindurchgegangen. Es ist emotional sehr anstrengend für mich, höre, leite, führe, aber möchte und muss gleichzeitig vor allem anleiten, dass die jungen Musiker vor Ort selbst wissen, wie sie sich führen können.
Wir sprechen viel in meinem Improvisationskurs miteinander, da durch die Musik so viel ausgelöst wird. Ich war erstaunt, die ‘Mutter’ des Kokles zu sehen: eine Art Holz-Zither, wie eine Gitarre klingend, ein uraltes Instrument, vielleicht das Instrument Davids, ein nationales Instrument, das das Herz der kleinen Nation trägt.

Auch Finnland hat ein ähnliches Instrument, allerdings chromatisch. Kokle selbst wird nun sogar mit Mikrofonen gebaut und mit Klappen, damit es lauter klingt, und ist ein diatonisches Instrument. Natalija spielte uns ihre eigenen Stücke vor, Stücke, wie die Letten von den Russen nach Sibirieren verbannt worden sind, so wie Israel damals nach Babylon verbannt wurde, und wie sie zurückkamen. Auch mich bewegte das sehr, denn auch ich fühle mich manchmal als Künstlerin verbannt und warte auf Leben und Gerechtigkeit. Ich habe erlebt, dass Menschen, die kein Instrument spielen und Zweifler sind, so wunderschön improvisiert haben, dass ich fast weinen musste, denn sie haben eine Offenheit, eine Ehrlichkeit, eine kindliche Art zu suchen, die notwendig ist, um Kreativität ‘zu holen’. Sie verbannen Scheu und unguten Ehrgeiz. Die Musik rollt irgendwann von allein.

09. Mai 2009

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Agenskalns-Kirche Alt-Riga

Die Improvisations-Meisterklasse in der großen weißen Agenskalns-Kirche am anderen Ende der Stadt und des Flusses war ein Genuss. Ich hatte einen kleinen braunen Flügel, einen Babygrand, und sprach in deutsch und englisch, da viele Amerikanerinnen da waren; Zaiga und Ilze übersetzten ins Lettische. Es war eine junge Russin da, die nur Russisch verstand, so wurde ich von Natalija Munda, einer jungen Komponistin, ins Russische übersetzt. Es ging dadurch alles ein wenig langsam und doch geordnet zu. Ich erzählte darüber, was für mich als Musikerin Kreativität bedeutet, sowohl in der Interpretation klassischer Werke als auch in ganz neuen, eigenen Wegen: in Komposition, Improvisation und Songwriting. Wie lange der Prozess bei mir gedauert hat, mich zu trauen, Neues zu wagen und zu finden, kreativ zu sein außerhalb von Leistungsdenken, Bewertung, Wettbewerben und Konkurrenz, mich zu lösen von der Norm, auch von den festen Rahmen von Musikhochschulen und CD-Einspielungen, wie etwas zu sein, zu klingen hat.

Für mich ist es besonders inspirierend und dringlich, zu jungen Musikern zu sprechen. Sie verstehen mich vielleicht noch einmal in einer ganz anderen Tiefe. Ich sprach auch davon, was für Regeln zu beachten sind, auch in Technik, Harmonien, in der Logik einer Sprache, da Musik Sprache ist, auch dort muss man Grammatik und Verben kennen. Zuerst übten wir, in zwei Harmonien zu bleiben und zu improvisieren.

Die Akkordeonistin improvisierte wunderschön und sang ein eigenes Lied dazu in wehmütigen, doch goldenen, hoffnungsvollen Klängen. Sie erzählte, sie hätte zuerst ein Bild im Kopf gehabt: Eine Prinzessin, die weint, die Tau auf ihrem Gesicht hat. Es kam ein Mann und sagte: Warum bist du so traurig, Prinzessin? Der Tau steht dir nicht. Aber die Sonne steht dir! Weine nicht mehr, die Strahlen der Sonne werden den Tau auf deinem Gesicht trocknen. — Aus diesem Bild entstand eine Melodie, dann der konkrete Text. Ich war überwältigt: es klang so schön in Lettisch.
Ein weiteres Puzzlestueck in meinem Leben wurde eingefügt und berührte meinen Geist.

Ich hätte nie gedacht, dass Akkordeon ein so herrliches Instrument ist und so gut harmoniert mit Klavier. Jedes Instrument ist eine Gabe des Himmels, wenn es gut gespielt wird — jedes Instrument. Liene erzählte mir, dass sie erst mit zehn Jahren begann, und da blieb für sie damals nur das Akkordeon übrig in der Musikschule. Und nun ist es ihr Instrument — ein seltenes. Es ist berührend zu sehen, wie diese zarte, kleine Frau ein so grosses Instrument beherrscht und auf den Knien hält. Da hat sich jemand was besonderes ausgedacht! Es ist nicht leicht, zu seinem eigenen Instrument zu stehen; es ist oft eine Art Hassliebe. Viele Musiker haben insgeheim eine Liebe, eine Sehnsucht zu einem anderen Instrument, zum Beispiel viele Geiger nach dem Klavier; viele Pianisten sehnen sich nach der Geige oder nach der Orgel, ich auch; man braucht zwei Instrumente.
Die Basis für die Improvisation ist natürlich die Stimme. Eine lettische Pianistin sang mit heller, fast schneidend schöner Stimme ein lettisches Lied. Ihre Klänge sind in angenehmer Weise melancholisch. Sie wiederum hatte zuerst die Melodie und dann den Text, allerdings fast gleichzeitig.

08. Mai 2009

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Riga

Zaiga (Zaiga mit weichem s ausgesprochen; im Schwedischen gibt es kein weiches s), Kokle-Spielerin, wird mich heute und morgen auf dem Meisterkurs ins Lettische übersetzen. Mir ihr bin ich gestern durch das nächtliche Riga geschlendert. Leider gibt es keinen lettischen Wein.

Wenn statt Englisch und Schwedisch in meinem Kopf vermischt, mein Gehirn allmählich versteht, was was ist und ich in Schwedisch nun zu denken beginne, freue ich mich. Die lettische und litauische Volksmusik berührt mich sehr. Ich liebe es, neue Klänge zu hören. Volksmusik und Chormusik formen eine Nation.

Maya von Patel schreibt: „Die Seele eines Landes liegt in ihrer Musik. Ein Land, welches seine Musik verkauft, ignoriert oder dem Kommerz preisgibt, verdient es, Coca Cola als Folge zu haben.“

Es macht Spaß, mit Dace Violin-Stücke vom Blatt zu spielen im Herzen von Riga, denn Riga ist so romantisch in sich, an sich, dass auch ein verstimmtes Klavier nicht stört: Wokaliza von Rachmaninov, russische Komponisten. Auf dem Turm der St Petera Baznica stand ich zwischen Schweden und Deutschen und innerlich symbolisch zerrissen. Wie angenehm der schwedische Klang, die Melodie ist — eine Offenbarung, sie zu verstehen. Die Gruppe der Sachsen und Deutschen dagegen klang so hart und konservativ, dass ich abgeschreckt war. Warum sage ich eigentlich nicht, dass ich schwedisch-deutsch bin? Das stimmt genauso. Kommt mein Fernweh vielleicht daher, dass ich eigentlich schwedisch bin und im falschen Land wohne? Eine Sprache macht sich nicht nur durch Worte aus, es sind auch die Schnauber durch die Nase, sogar das Seufzen, dass im Schwedischen so anders und weich klingt. Daher formt eine Sprache das Herz des Menschen, des Landes. Dennoch liebe ich Deutschland und werde es nicht verraten. Da stand ich mit meiner schwedischen Tasche zwischen Russen, Japanern, Amerikanern. Als ich die Kirche verliess, kam mir ein Mann entgegen und murmelte: ah, svenska — als er mich sah.

Ich lief über eine der großen Brücken, die Steinbrücke, die sich über den breiten Daugava Fluss spannt hinter dem Ocupation-Museum, und kam mir vor wie damals New York, auf der Washington Bridge über den Hudson River, nur dass diese Brücke viel niedriger war.

Ich liebe Brücken trotz Höhenangst. Dort, wo Wind und Sonne die Wasseroberfläche berühren und küssen, antwortet sie mit vielen Lippen und Mündern, die sich immer wieder neu formen und Gold auf ihren Rändern zeigen. Eigentlich ist diese Schönheit zu verwirrend, zu viel für einen Menschen: die Antwort des Wassers auf Sonne und Wind — und doch nur sichtbar, wenn ein Mensch genau hinsieht. Es gibt so viel überwältigende Schönheit, die noch nicht wahrgenommen wird.

Rigas Geschichte ist schwer und traurig, denn erst 1991 war Lettland eine freie Nation, also lange nach dem Zweiten Weltkrieg. Zaiga hat als Kind noch erlebt, dass das Ausland Russland war und die Grenzen zu.
Zurück spazierte ich die Freiheitsstrasse am Park entlang, die Brivibas Allee. Wie schön, dass auch Riga eine Freiheitsstatue hat.

Ich kenne mich mittlerweile in dieser Fast-Millionen-Stadt ganz gut alleine aus, zu Fuß und mit Tram. Und wenn ich einmal alleine bin, dann rufen sich Zaiga und Ilze gegenseitig an, ob ich wann und wo und wie gut angekommen bin. Ein Lit ist mehr wert als ein Euro, und 3.50 Lit sind schon über 5 Euro, während es in Litauen genau anders herum ist, 3.50 Lat sind erst ein Euro — wenn man zwischen diesen Ländern hin und her pendelt, darf man da nicht durcheinander kommen, da die Dinge, die man für umgerechnet 5 oder 1 Euro kaufen kann, oft auch noch gleich sein können.

Die meisten Balten haben untereinander kaum etwas miteinander zu tun. Unser Lieblingsplatz ist ein kleines zweistöckiges Teehaus mit großen Glasfenstern in der Nähe der Akademie und der Oper am Vermanis Park. Man trinkt im Liegen auf dicken Kissen seinen Tee, isst Schokolade mit Honig und schläft fast ein oder sieht auf den Kanal von Riga und die kleinen Boote. Der Strand von Jurmala ist einsam und wundervoll, die Stadt selbst ein kleiner Kurort, das „russische Paradies“ mit sehr wertvollen Häusern und Autos von reichen Russen, das schockierende Gegenteil vom Zugbahnhof in Riga, auf dem ich viele Arme, Resignierte und Betrunkene gesehen habe; in den Zügen, in die man hineinklettern muss, verkaufen sie in langen russischen Litaneien Zeitungen, Eis, Blumen. Bevor ich verstand, dass die Quittung mein Zugticket war, hatte ich beinahe mein „Ticket“ weggeworfen. Wir fuhren über den großen Daugava, der viel größer noch ist als der Rhein, und den Lielupe (Großer Fluß), der direkt ins Meer fließt. Als Zaiga und ich in Jurmala ankamen, trafen wir auch auf einen menschenleeren Strand, da die Saison erst im Juni beginnt. Es war sonnig und windig, Bernstein wird wohl in Massen an den Strand gespült laut den Geschäften. Es tut mir gut, schweigend auf das Meer und in den Himmel zu sehen und das Rauschen der Wellen zu hören. Ich mag das Beängstigende, Gezähmte des wilden Meeres, als hätte Gott es nur angestupst und nun rollt es von alleine. Immer noch spüre ich dumpfes Fernweh, wenn ich in der Ferne Schiffe sehe, noch dazu, wenn ich weiß, dass hinter dem Horizont Skandinavien liegt.

Klaipeda und Nida

Der Bus von Klaipeda über Siauliai nach Riga brauchte fast 5 Stunden. Ich schlief die ganze Strecke. Nur als wir über die Grenze fuhren, wachte ich auf. Dabei kenne ich die kleine Grenze ja längst. Gestern abend zeigte mir Dace (Daze ausgesprochen) das Opernhaus in Riga. Es ist groß, weiß und wunderschön. Dace spielt im Orchestergraben in der Gruppe der ersten Geiger. Die Pianistin Ilze, die aus Cesis kommt, und ich wohnen bei ihr. Dace führte mich in die Künstlerkantine, wir tranken etwas zusammen mit der Pianistin des Opernhauses, die sehr gut Deutsch spricht. Beide haben früher hier in der Akademie in Riga studiert. Es erinnerte mich an das Nürnberger Opernhaus, in dem meine Schwester Violine spielt. Sie ist auch Geigerin der ersten Geiger. Ich sah gestern das russische Ballett The Fountain of Bakhchisary von dem Komponisten Boris Asafjev. Eine traurige, aber ergreifende Geschichte; eine Legende.

Als mich Dace während der Pause in den Orchestergraben führte, sah ich all die großen und dünnen Tänzerinnen, die für den zweiten Teil als Bauchtänzerinnen gekleidet und sehr geschminkt waren. Sie machte ein Foto von mir, als ich auf das Dirigier-Podest kletterte und ein unsichtbares Orchester dirigierte.

Gestern noch bin ich auf der Kursiu Nerija aufgewacht (Kurische Nehrung), der Halbinsel-Zunge im Baltischen Meer, oder für uns Ostsee, die sich bis nach Russland hinstreckt, so nah an der Russischen Grenze. Die große Sanddüne, die Parnidener Düne in Nida, früher Nidden, alles ehemalig deutsches Gebiet, ist nur zwei Kilometer von der russischen Grenze entfernt, allerdings vom winzigen, verstreut liegenden Teil von Russland: Kaliningrad. Ich dachte noch kurz daran, ob ich vielleicht über die Sanddüne heimlich nach Kaliningrad wandern könnte.

Nach Nida zu kommen, ist eine Art Odyssee. Zuerst fuhr ich von meinen Verwandten früh mit dem Zug von Telsiai nach Klaipeda. Dann mit der kleinen Fähre über den Fluß Dane, der bereits zum Meer gehört, auf die Kurische Nehrung. Es ist noch nicht Saison und es war unterhalb der Woche, so dass ich die einzige war. Keiner spricht dort Englisch. Man kommt mit Deutsch etwas besser voran. Der Strand in Smiltyne war menschenleer. Es war trotz Sonnenschein sehr windig. Ich legte mich in den Sand, mit dem Gesicht in die Sonne. Ein langer, menschenleerer Strand um mich rum und rauschende Wellen im Wind, der meinen weißen Rock aufblähte.

In Smiltyne traf ich zwei Russinnen, die in Oslo Kunst und Journalismus studieren. Sie fuhren nach Hause. Sie hatten Ferien. Die eine fuhr nach Minsk und die andere nach Kaliningrad. Der Bus nach Kaliningrad stand neben meinem nach Nida, zum Greifen nah. Eine Minute lang dachte ich, ich wechsle den Bus und fahre mit ihnen nach Kaliningrad. Ich fühlte wieder die Sehnsucht nach Russland. Von Kaliningrad war es nur ein 40-Minuten-Flug nach Weissrussland. Ich bräuchte also zwei verschiedene Visa. Sie sprachen Schwedisch-Norwegisch mit mir, und ich antwortete in Englisch. Verstehen ist leichter als Sprechen. Wie schön klingt Schwedisch auch mit russischem Akzent! Wie schön muss es sein, eine Weile in Stockholm zu arbeiten!
Von Smiltyne fuhr ich mit dem Bus in die größte Stadt der Kursiu Nerija (auch Landbrücke genannt), nach Nida — über Preila und Pervalka, vorbei an den ‘toten Dünen’. Das berühmte Dolphinarium hatte leider geschlossen.

Nida selbst erinnert mich an die Nordseeinseln Langeoog und Juist, auf denen ich mit meiner Familie als Kind jedes Jahr gespielt habe. Die kleine Stadt mit circa 2000 Einwohnern liegt direkt am Kurischen Haff, einem Teil der Ostsee, mit Sandstränden, niedlichen bunten Häusern, frischer Luft, wenigen Autos, dafür Pferdekutschen, schwedische rot-weiße Häuschen mit Sauna, viele Fischerboote, große Sanddünen, viele Kiefernwälder.

Thomas Mann war hier in Klaipeda 1930-1932. Ich habe sein Haus besucht, froh, dass es geöffnet war außerhalb der Saison. Eine Frau zeigte mir persönlich alles, sprach fließend Deutsch. Sie erzählte mir viele Dinge, die ich noch nicht wusste. Er war verheiratet mit einer Jüdin und verließ schon 1933 Deutschland, emigrierte nach Amerika. Ich wurde plötzlich traurig. Hätten das doch alle gemacht! Es bedeutete, dass sie alles zurücklassen mussten und erst 13 Jahre später heimkamen. Thomas Mann hat sein Haus in Nidden nie wieder gesehen; es war fast zerstört worden. Es gehört nun Litauen und wird als Museum genutzt. Ich sah seine Fotos und Schriften. Sein Schreiben ist im Vergleich zu meinem maskulin. Mein Schreiben dagegen kommt mir feminin, hungrig vor im Vergleich. Es kam mir vor, als würde ich erneut einen wichtigen Teil der deutschen Geschichte erspüren. Selbst hier, in einer Gegend, die mir überhaupt nicht deutsch vorkam, sah ich Spuren der deutschen Geschichte. Hätte es auf dem Plateau nicht angefangen zu regnen, hätten mich einheimische Frauen nicht zufällig mit dem Auto nach unten genommen, hätte ich das Thomas Mann-Haus verpasst.

So verpasste ich aber die letzte Fähre zurück aufs Festland. Es wurde bereits kühl. Als ich das Plateau der Sanddüne erklommen hatte, fing es bereits, kaum dass ich oben war, zu regnen an. Ich wusste nicht, wo ich übernachten sollte. Alles war geschlossen. In einem Cafe erzählte ich, was passiert war. Als erstes wurde an mir herumgezupft, ich bekam gegen meinen Willen eine Tasse Kaffee und einen schwarzen Tee nach dem anderen, und ich wusste, dass ich jetzt sowieso nicht mehr würde schlafen können. Schließlich fand sich ein nettes goldiges russisches Ehepaar, bei dem ich übernachtete. Dafür war ich sehr dankbar. Leider waren die Umstände für mich so, dass zuerst an Schlafen nicht zu denken war. Durch die Wand hörte ich lautes russisches Fernsehen, der Kaffee hielt mich wach, und es tickte eine Uhr laut und immer lauter in meinem Ohr. Eine tickende Uhr ist nachts für mich das Schlimmste. Sie wird immer lauter und rhythmischer. Schließlich begab ich mich auf Uhrenjagd. Kaum hatte ich eine von der Wand genommen und eliminiert, indem ich die Batterie herausnahm, hörte ich irgendwo eine andere. Schließlich hatte ich alle Uhren entfernt, der Fernseher schwieg und allmählich ließen der Kaffee und mein Heimweh nach, und ich schlief ein. Irgendwo in der Ferne hörte ich die rauschenden Wellen des Meeres und etwas Regen an meinem Fenster.
Nachts kann ich manchmal meine Hände fühlen. Ich spüre ganz deutlich, dass sie da sind, schwer wie Blei, obwohl sie klein sind. Besonders, wenn ich viel geübt habe.

Um 7 Uhr früh wollte ich nach dem Frühstück noch einmal auf die Sanddüne steigen und den Sonnenaufgang sehen, falls es einen gab, bevor ich mit dem Bus zurück nach Klaipeda und dann zurück nach Riga fuhr. Der russische Mann sprach etwas Deutsch. Er erzählte mir, seine Frau sei litauisch, und er selber habe keinen russischen Pass mehr. Um seine Geschwister in Kaliningrad zu besuchen, nicht weit von hier, müsse auch er ein Visum kaufen. Das fände es so absurd, dass er sich keines kaufen würde. Es sei auch zu teuer. Ich sagte ihm, er solle doch, um seine Familie zu sehen, wenigstens einmal im Jahr das Visum kaufen, auch wenn er es nicht gut fände (für mich kostet das Visum um die 70 Euro und ist einen Monat gültig). Aber egal, in wievielen Umschreibungen ich dies sagte, er ‘verstand’ plötzlich mein Deutsch nicht mehr. Ich sehe, dass das Zusammenleben von Russen und den Balten, so nah aufeinander, nicht leicht ist. Die Russen fühlen sich nur in Russland oder in ihrer russischen Familie zu hause. Und das russische System ist noch immer unsichtbar in der Luft. Auch ich muss manchmal daran denken, dass mein Vater in russischer Gefangenschaft war während des Krieges. Ich frage mich, obwohl ich wenig darüber weiß, ob das nicht unbewusst einen gewissen Widerwillen manchmal hervorruft in mir, selbst in mir, trotz meiner Sehnsucht und meiner Liebe der russischen Musik, der Opern und Ballette, der Texte, der Kunst, der Leidenschaft, der Geschichte Russlands. Kaliningrad war früher Ostpreußen und ist damit auch Teil ‘meiner deutschen Geschichte’, wenn auch so lange vor mir.

Meine Verwandten in Telsiai zu besuchen, ist für mich ein wichtiger Punkt meiner Reise.

03. Mai 2009

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Ginkunai

Das Konzert in der Kirche in Ginkunai war trotz Sonnenschein sehr gut besucht, standing ovation. Am Anfang dachte ich, der Estonia-Flügel bricht unter mir zusammen, und das Pedal quietschte, aber dann ignorierte ich alles, was stört.

Das geht, auch für das Publikum, und ich tauchte ein in das Herz der Musik. Ich liebe es, Effekte mit dem linken Pedal zu kreieren, transparente Klänge in weichen Nebel zu hüllen. Aber dazu brauche ich einen Steinway oder einen ähnlich guten Flügel. Zwischendurch erzählte ich von meinem Leben (wobei ich manchmal nicht weiß, ob ich deutsch oder englisch rede), und wurde von Ramone ins Litauische übersetzt. Der Wechsel zwischen Reden, Warten, Singen und Spielen ist nicht immer leicht, denn die klassischen Werke brauchen meine volle Aufmerksamkeit, wenn ich sie auswendig spiele. Für mich am wichtigsten und schönsten war das Improvisieren. Was ich in dem Moment fühle und wahrnehme und was herauskommt, ist für mich selbst eine Überraschung. Heute waren meine Improvisationen wie rufende, warnende Glocken. Für viele Menschen sind meine Lieder und Texte das Schönste im Konzert, aber viele geniessen es auch, Haydn und Franck und Chopin und Bach zu hören. Für mich sind diese Komponisten nicht Musik ‘aus einer anderen Zeit’, sondern so, als würde ich sie jetzt auch improvisieren. Über die Musik kann ich oft besser kommunizieren als über Sprache im herkömmlichen Sinne. Es ist für mich selbst erstaunlich, wie schüchtern ich sein kann, wenn es wirklich drauf ankommt.

Siauliai, Verkörperung und Neuzeit

Mein Improvisationskurs Klavier war heute in Siauliai, Litauen:
Junge Menschen aus Kanada, USA, der Schweiz, Deutschland und Litauen kamen und hörten zu. Es ist erstaunlich, wie schüchtern und reserviert die Litauer teilweise sind. Auch die Schweizer sind eher still und abwartend. Dennoch spüre ich, wie wichtig es ist, was ich weitergeben möchte. Ich habe Deutsch und Englisch geredet und wurde ins Litauische übersetzt.
Die Fahrt von Lettland nach Litauen über die kleine Grenze eine Stunde hinter Riga lief ruhig und schön über Land durch Joniskis nach Siauliai (gesprochen showlay), der viertgrößten Stadt Litauens. Ich bin irgendwann im Auto eingeschlafen. Die drei Baltischen Länder sind nicht dicht besiedelt, überall viel grünes Land.

Der Tag, an dem ich in Riga ankam, war der erste schöne, sonnige Tag. Ab jetzt hatten wir nur wunderschönes Sonnenwetter, allerdings mit viel Wind. Die Winter sind hier noch oft sehr dunkel und kalt, und ist der Alkoholismus (und sogar noch das illegale Brennen von Branntwein) erschreckend.
In Litauen wohnen weniger als 10 Prozent Russen; das fällt auf in der Identität der Bevölkerung. Leider haben die Länder wenig miteinander zu tun; die osteuropäischen Länder oft generell weniger miteinander. Die Sprachen sind unterschiedlich, aber sonst haben sie eigentlich sehr viel gemeinsam. Die ausländischen Künstler hier haben es nicht leicht mit der Tatsache, dass sich die Balten nicht wiederum jemandem beugen wollen, weder den Deutschen noch den Russen noch der EU. Es dauert, bis Vertrauen aufgebaut ist.

Lettische und litauische Wohnverhältnisse zu sehen, ist berührend, sehr unterschiedlich. Zuvor habe ich eine Radtour mit den jungen Leuten der Kirche gemacht, wir sind 47 Kilometer insgesamt über Land gefahren durch Kairiai. Die Wege waren Sand, Schotter, Steine bei Gegenwind. Wir sind mit den Rädern zum Ferienhaus gefahren, haben dort gegrillt. Die Häuser hier sind sehr billig gewesen vor der Krise, mit Sauna und Ofen und Stall und Grundstück, wunderschön; er hat dort eine Stute, eine Hannoveranerin namens Wasera, und Ziegen. Ich habe das Pferd gefüttert und gestriegelt. Sie bekommt ein Fohlen. Wir haben in dem Haus übernachtet, es war kalt nachts, aber ein Holzhaus auf dem Land. Morgens merke ich die Stunde Zeitverschiebung, da ich immer von alleine aufwache. Wir machten Ausflüge nach Jurgaiciai, zum Hügel der Kreuze. Der Ort war mir unheimlich. Morgen nach dem Konzert in Ginkunai geht es weiter nach Telsiai und Degaiciai. Grenzen nicht akzeptieren?

29. April 2009

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Lettland

Lettland ist sehr interessant. Einerseits hoere ich, dass 60 Prozent der Bevoelkerung Russen sind oder zumindest russische Eltern haben, und andererseits ist es nicht richtig, wenn ich Osteuropa sage, sondern wenn, Nordosteuropa. Was ich aber weiss, ist, dass Riga eine wunderschoene Hauptstadt ist, in der fast die Haelfte der Menschen Lettlands wohnt, dass die Menschen gastfreundschaftlich, interessiert, liebevoll sind und dass ich mich nach einem Tag wie zuhause fuehle. Besonders die Akademie, die Musikhochschule, ist ein ruhiger, gleichzeitig kreativer Ort, in dem die jungen Kuenstler nicht hip sind oder gestresst, sondern einfache und hart arbeitende Leute mit beiden Beinen auf dem Boden.
Überall auf den Straßen ist Straßenmusik in Riga (ich schreibe nun wieder an meinem eigenen Laptop: so habe ich die Umlaute mitgenommen. Diese Laute brauche ich ja auch). Das Institut der Musikwissenschaft ist interessant, vor allem, weil die Musikwissenschafter an der Akademie studieren, nicht an der Universität; in Deutschland ist Musikwissenschaft nur an der Uni möglich, und leider herrscht zu oft Konkurrenz anstatt Zusammenarbeit zwischen Universität und Musikhochschule. Eine persönliche deutsche Stadtführung durch Erasmus-Studenten der Musikwissenschaft hat mir die Stadt nahe gebracht.

Auch der wunderschöne Dom mit der weltberühmten Walcker-Orgel ist evangelisch.