Tourblog und Impulse

10. Dezember 2019

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Impuls 7:

Komponieren

Läuft nicht alles, was ich über Musik lerne mein Leben lang, darauf hinaus zu komponieren? Ist es nicht das, um was es geht? Ist nicht dies letztendlich der einzige wirklich künstlerische Weg? Waren nicht die großen Musiker große Komponisten? Ließen sie sich nicht sogar ihr aktives Musikersein ein Stück weit zurück, um zu komponieren? Immer mehr soll dies mich drängen. Schreiben ist Komponieren, und Komponieren ist Schreiben. Ach danke, wunderschöne Kadenz.

Konzerte sind alles sehr gut gelaufen. Morgen wird das Beethoven-Jahr im Detail geplant.

Das Adventskonzert in der Pfarrkirche Biebelried war sehr schön, eine schöne entzückende Orgel. Ach Advent … Adventskalender, Gans, Kerzen, Rosen, Brettspiele, Schach, Kuhstall, Regen. Aber vor allem das Lukasevangelium.

Schön ist, mehr über meine Stimme zu erfahren und kennenzulernen. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass man mit absolutem Gehör die Tonlage der eigenen Stimme hören und auch ein Stück weit kontrollieren kann. Ich liege also entspannt bei fis klein, vor allem im Zweiergespräch, kann aber, wenn ich aufgebracht bin, weit über das e1 hinausgehen. Schon sobald ich vor anderen Menschen spreche, wird meine Stimme deutlich höher, bei circa c1. Es ist wichtig, die Anbindung zu behalten, Wärme, Zwerchfell, Brust, Bauch, mich. Spricht nicht die Bibel von Eingeweide? Von Nieren?

Stimme sagt viel über Seele aus; spiegelt sie; wie spüre ich mich selbst? Wie ist mein “Wohlfühlmodus?” Wenn ich angespannt bin, habe ich “Nebengeräusche in der Stimme”. Es ist jedoch viel besser, klar zu sprechen. Ich dachte immer, meine Stimme sollte ein unangetastetes Kunstwerk bleiben. Aber der Gedanke stimmt so nicht; meine Seele und Stimmung sind ja auch kein “unangetastetes Kunstwerk” – sondern Dinge, an denen ich arbeiten kann. An und mit meinen Händen arbeite ich auch. Tempo, Lage, Atmung. Nicht rennen. Königin sein. Zunge vorne. Kauen. Schwingen.

Seele in die Hand nehmen. Spiegel und Stimme in die Hand nehmen. 

Ich ahnte nicht, dass Frauen im Brustbereich Stimme so viel dünner ausgestattet sind als Männer (Gott??). Aber das bedeutet nicht, dass ich nicht daran arbeiten sollte, im Brustbereich mehr Stimme zu involvieren, also das Zwerchfell; sie und sich zu spüren; denn wenn ich gleich in die Kopfstimme gehe, gebe ich eventuell weniger von mir preis, sondern verstecke mich. Support. Stütze. Denn: Bin ich eine große Pfeife? Oder eine kleine? Das ist hier die Frage.

Ich denke also darüber nach, wo fühle ich mich wohl?; kann meine Stimme auch im Brustbereich schwingen?; gebe ich mehr von mir preis, will ich, ohne Druck?; dann kann ich auch mit der Stimme entspannt sein und wesentlich mehr als Kehle involvieren. Musik und Wohlfühlen – das muss mehr in meine Seele. Erstaunlich, dass dies eine Musikerin sagt.

Impuls 6:

Einheit, Zweiheit und Entzweiung

Entzweiung ist etwas anderes als Zweiheit. Zweiheit ist Einheit, oder sollte es sein, kann es sein; ist es von Natur her; ich würde von Dreiheit ist Einheit sprechen; jedoch Entzweiung ist das Verabsolutieren von Gegensätzen und Widersprüchen mit dem Ziel der Trennung und der Zerstörung von kreativen Synergien (die durch Unterschiedlichkeiten, Gegensätzen und Widersprüche, durch das Kreuzen von Vertikal und Horizontal im Dialog erst entstehen.)

Wie schreibt Henri Frédéric Amiel: “Doch selbst wenn wir eine ethische Wahrheit auf alle Arten durchdrungen und besessen haben, kann sie sich uns dennoch entziehen.” Wie? Wenn wir Wahrheiten zwar erkennen, aber nicht leben, wenn Wahrheiten nicht in unser Sein eingedrungen sind, sondern wenn wir sie an uns binden wollen, wenn es uns mehr um uns als um die Wahrheit geht, dann werden wir außerhalb von ihr bleiben.

Denn es geht nicht um das Besitzen von Wahrheiten; nicht um Eitelkeit; sondern um das Leben von Wahrheit und das Weitergeben. Um das Vorleben und Lehren. Um Sein von Wahrheit. 

Einheit ist kostbar und zerbrechlich. “Wer sein inneres Gedankengebäude nicht zu verändern vermag, wird niemals die Realität verändern und keinen Fortschritt erreichen.” (Anwar El-Sadat).

Das Evangelium hätte nie die Welt durchdrungen, wenn Jesus sich seine Anhänger ausgesucht hätte: “Bei dir passt mir die Nase nicht.”

Was ich am meisten an Jesus mag: Er hat die typisch vertikale männliche Kommunikation von Revier, Besitz, Bühnenverhalten und Hierarchie verlassen. Er hat die Rangordnung nicht klargemacht. Jetzt erst und heute wird mir bewusst, was er als Mann damit geleistet hat. Wie revolutionär! Das ist ungetoppt! Nie wieder so dagewesen! Und dann noch als Gott! Er wurde nicht unsicher, weil er nicht ständig sagte, dass er der Heiland, Retter und Richter sei. Er sagte es selten. Er wurde gefragt. Er fragte und hörte zu.

Es hat ihn nicht irritiert und verwirrt, dass die Rangordnung ins Wanken kam, dass sterbliche Menschen den ungleich Höhergestellten ablehnten. Er musste nicht “der große Macker” sein. Er drückte nichts durch. Er suchte keine Zeugen und Indizien, er wurde das Lamm. Er ließ sich verurteilen! 

Als Kind hatte ich dies sein Verhalten eine Zeitlang als “Softie-Verhalten” missverstanden. Heute ist mir durch meinen eigenen Alltag klargeworden (und durch das Buch Das Arroganz-Prinzip von Modler, in dem er das vertikale Verhalten von Männern detailgenau beschreibt, was ich täglich erlebe), was für eine enorme Kraft und Power im Verhalten Jesu steckt. Dadurch kann ich mit Erleichterung deutlich feststellen: Das Verhalten Jesu als (Prototyp) Mensch auf dieser Erde ist so dermaßen “unmännlich”, dass es klar ist, dass Gott auf keinen Fall ein Mann ist (was viele behaupten, da er sich Vater nennt). Er ist die perfekte Synergie aus horizontal und vertikal, aus männlich und weiblich. Kreuz. Er ist Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Mensch und Gott. Auch die akademisch-frauenfeindlichen Hierarchien und der “ganz normale” tägliche Alltagssexismus in Hochschulen und Kirchen sind durch Jesus an den Pranger gestellt. Das verärgert viele. Die Rangordnung muss doch ständig für viele Männer klar sein!

Ganz klar verurteilt die Bibel durchgehend das vertikale Machtstreben von Männern. Die Bergpredigt ist das Gegenteil von dem, was heute überall gang und gäbe ist. Unser Auftrag, den wir haben, lautet: das Gegenteil zu sein. Dazu gehört viel innere Kraft, Selbstsicherheit, Demut und Weisheit. Bach war so einer. Erstaunlich ist, dass es auch Männer gibt, die anders sein wollen und anders sind. Gott sei Dank. 

Im Himmel zählt nicht mehr Mann oder Frau. Endlich! Bis dahin ist durchhalten. I love you.

8. Dezember 2019

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Musikalischer Impuls 5: (Gesegneten 2. Advent!)

Cembalo

Ich mag das Schwungvolle und Gefühlvolle der sogenannten Alten Musik. Wie kann so ein Zupfinstrument mit Tasten Sprache malen?

Das Cembalo ist für mich exotisch. Als würde ich in die Vergangenheit reisen und als wäre ich Bach dadurch näher. Beim Cembalospiel erwacht Bachs Epoche und seine Werke und all die Epochen zuvor zu ganz neuem Leben. Ich hoffe, nächstes Jahr ein eigenes Cembalo zu bekommen. Ich brauche jeden Tag meine motorische, tägliche Dosis von Anschlag Flügel, Cembalo, Orgel. Viele Pianisten können mit Cembalo nichts anfangen; viele Organisten auch nicht.

Als hätte ich einen Reifrock oder ein Kleid aus seiner Zeit an, als wäre ich auf einem Ball und werde zum Tanzen aufgefordert. (Und tripple mit kleinen Schritten davon.)

Spaß beiseite: Wichtig beim Cembalo-Spiel ist natürlich, dass beide Hände unabhängig voneinander sein können, so dass sich die rechte Hand mit Melodien und Linien (das Horizontale) frei vom Vertikalen (Akkorde) der linken Hand und auch unabhängig von deren Betonungen und Struktur bewegt und entkoppelt ist, damit diese Ebenen nicht aneinander kleben. Dabei soll die freie Melodie und auch die Verzierungen weich, nicht hölzern oder hart klingen. Die Verzierungen sind bei Louis Couperin besonders wichtig; hier nicht überartikulieren; ich liebe seine Unmeasured Préludes; hierzu hilft es, die Hände dicht an den Tasten zu lassen, um den Druckpunkt besser zu spüren. Gitarrenmusik.

Ich mag das Überlegato beim Cembalo. Ich habe schon einiges am Cembalo gespielt, Muffat, Froberger, Steigleder, Böhm, Couperin und Bach; die Regeln, wie man Akkorde bricht, wie man Klang steigern kann: hochinteressant. Auch das Cembalo weckt den Spieltrieb in mir.

Den Aufbau von Musik lernt man an “nicht-dynamischen” Instrumenten oft besser, denn es ist, als würde man in härterem Ackerboden graben. Man muss einfach Dynamik, Spannung und Entspannung durch Artikulation (bei Sequenzen, Synkopen, Kadenzen, Dissonanzen und Auflösungen…) herstellen – und die Feinheit dabei erreichen. Die Feinheiten sind die Kunst.

Empfehlung: Sehr empfehlen kann ich den Film Sein oder Nichtsein von E. Lubitsch.

7. Dezember 2019

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Musikalischer Impuls 4:

Erkenntnis, Interpretation, Disposition und Improvisation

Genius ist Obsession. Ob Musik eine Art Droge sein kann?

Ich glaube nicht, da Tiefe, Vernunft und Werte in der Kunst liegen. In dem Buch Die Orgeln J.S. Bachs und bei Klinda lese ich viel über unterschiedliche Dispositionen der Thüringer Orgeln, der Orgeln aus Sachsen und der norddeutschen Orgeln. Ich meditiere über diese, wie was zusammen klingt, was wie begleitet werden kann und wie die Orgeln aufgebaut sind, wo welches Werk positioniert ist, wo die Streicher sind, wo was ineinandergreift, wie aufregistriert werden kann, welche Werke korrespondieren, wie die Orgel proportioniert ist – da mir die Registrierungen zu Bachs Orgelwerken wichtig sind (nicht nur 8-4-2-Mixtur…).

Da sind zum Beispiel die Johanniskirche in Lüneburg, Naumburg, die Kirchen und Orgeln in Dresden und die große Trost-Orgel in Waltershausen bei Gotha von 1730, die Bach eventuell kennengelernt hat (er arbeitete hier bereits 8 Jahre in Leipzig). Es ist für mich spannend, Dispositionen zu meditieren und einen Orgeltyp mit einem anderen (den ich schon kenne) zu vergleichen. Der Unterschied zu den Orgeln Mitteldeutschlands und den norddeutschen (und sowieso süddeutschen) ist groß. In Waltershausen gibt es im Hauptwerk sechs Achtfüße und einige Streicher und Schwebung. Mit diesen Streichern und vielen Acht- und Vierfüßen kann man neue Farben kreiert.

An norddeutschen Orgeln gibt es keine Streicher und keine Möglichkeit, viele Achtfüße zusammenzuziehen, im Gegenteil, dies ist zu vermeiden. Wenn man Dispositionen nicht meditiert, können schöne Orgeln sehr schnell sehr schlecht klingen. Man kann an Dispositionen natürlich nicht alles und vieles nicht erkennen: Man kann beispielsweise nicht ablesen, ob die Mixtur eine Terz hat oder nicht.

Jede Mixtur ist ein Unikat. Waltershausen hat eine tiefe Mixtur. Jedoch erst am Repetieren einer Mixtur ist zu erkennen, wie tief oder hoch eine Mixtur wirklich ist. Waltershausen besitzt sehr viele Grundregister vieler verschiedener Bauarten. Neobarocke Orgeln werden heute mit zu vielen Aliquoten gebaut.

Waltershausen besitzt sogar einen Geigenprinzial, eine Art Koppel, obwohl dies eigentlich ein Registerzug für die Romantik ist, wie viele sagen, dazu viele weiche Flöten, eine überlassene, spuckende Traversflöte, ein Nachthorn als milde Quintadena (immer gedackt), Blockflöte und Gemshorn.

Wichtig ist, nie zu vergessen, dass man bei einer Orgel Flächen zum Klingen bringen muss (Koppeln) und dass Orgelspielen ein Spielen in Räumlichkeiten ist. Dass man im Resonanzkörper der Orgel sitzt.

Ich beschäftige mich auch mit Eggebrechts Orgelbewegung von 1967. Erstaunlich ist, dass dieser berühmte Forscher von “wahrheitsgemäßen, gültigen und vorbildlichen Orgeln” spricht und damit bestimmte Orgeln abwertet und nicht den Schaden der Orgelbewegung erkennt. Die Frage der Orgel ist noch immer nicht geklärt. Natürlich hat die Orgelbewegung auch Gutes und Nachdenken bewirkt. Aber eben nicht nur.

Dabei gibt es so viele spannende Orgeln: Auch die neue Klaisorgel in Würzburg mit lieblicher Cytharra (Streicher), Physharmonika und ihrem Windschweller, Holzharmonika, Harmonium und dass man die Windzufuhr komplett von 0-9 einstellen kann, fasziniert mich. Hier zu improvisieren und dabei einfach die Orgel “machen lassen”, ohne Melodien, ohne konkreten harmonischen Plan, sie einfach klingen (oder nicht klingen) zu lassen, mal wie ein Schlaginstrument, mal wie Frösche eines Akkordeons…

6. Dezember 2019

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Musikalischer Impuls 3: (Gesegneten Nikolaus!)

Widerspruch, Gegensätzlichkeit und Einheit

Leonard Bernstein (New York Young People’s Concerts 1965) ist nicht der Meinung, dass Musik eine konkrete Bedeutung hat. Er behauptet sogar, dass eine Note noch keine Musik sei. Dieser Meinung bin ich nicht. Stille ist schon Musik.

Musik lässt intensive innere Bilder entstehen, oft sogar Lyrik in mir. Besonders bei Bach, Brahms, Beethoven.

In Bachs Musik finden wir je mehr als ein inneres Bild, sogar mehr als ein spezifisches inneres Bild: Es ist die intensive Botschaft des Evangeliums, manchmal alles in einem Takt. Bachs Musik drückt in meinen Augen das Evangelium aus: Immer wieder neu vertont er Erlösung und Trost in seiner Musik. Dadurch lebt er, was er ist.

Bachs Musik ist ein sozialer Spiegel, ein Skript, ein Stamm, Wurzel, Vermächtnis und Liebesbrief.

Aus was besteht Musik? Aus Tonleitern, aus Melodien, Harmonien und Akkorden… Laut Bossert und Eggebrecht ist in unserem Abendland der Akkord Schwerpunkt, während in anderen Ländern der Akkord nicht zentriert im Mittelpunkt steht, sondern beispielsweise schwebende Pentatonik…

Leonard Bernstein spricht von horizontalen und vertikalen Intervallen, Bossert von vertikalen (Akkorde) und horizontalen (Linien, Melodien) Gegensätzen, die die Musik an sich von alleine aufweist. Ich lese das Horizontale und Vertikale auch im Weiblichen und Männlichen, in Braut und Bräutigam und in der oft sehr unterschiedlichen Kommunikation unter der Zweiheit der Geschlechter, die eine Einheit sein soll, sein kann (zum Beispiel durch Geburt): Unterschiedlichkeit als Trennfaktor oder als Verbindung, Trost und Einheit. Das ist die Frage.

Ich sehe: Bach nimmt diese Gegensätzlichkeit in der Musik, um die Gegensätzlichkeit in Leben und Glauben auszudrücken. Aber nicht nur die Gegensätzlichkeit, sondern auch die Einheit, in die die Gegensätze, Widersprüche und Widersprüche letztendlich fallen. Überall im Leben finden wir diese Widersprüche, die sich auflösen in Trost und Einheit: Beispielsweise in dem Weihnachtslied Maria durch ein Dornwald ging: “Da haben die Rosen Dornen getragen”. Ist Gott nicht der größte Philosoph? Der größte Künstler und der größte Mathematiker. An Gott vorbei zu philosophieren ist geradezu lächerlich. Hier eine Zusammenfassung und meine Schlussfolgerung: Was vertont Bach? Was ist das Evangelium? Und wie vertont Bach?

Bach vertont,  dass Jesus als Mensch und Gott unerschaffen und wesenseins mit dem Vater und gleichzeitig wesens-eigen, also eine eigene Person ist. Die Worte wesens-eins und wesens-eigen (Bossert) finde ich besonders eindrücklich. Für mich ist der Heiland am Kreuz ein Widerspruch, der aber der Weg schlechthin wird. Unsere Erlösung, der Plan Gottes für unsere Rettung ebenfalls schon maximaler Gegensatz zu unserer Natur. Dass Gott unsere Sünde auf sich nahm: Für viele Menschen ein völliges Paradoxum. Und wie vertont Bach, dass der Heiland unsere Schuld auf sich nahm? Ist es nicht bereits perfekt, dass Musik an sich schon Gegensätze verbindet?

Wie drückt Bach das Symbol der Gebrochenheit aus?

Den gebrochenen Körper Jesu am Kreuz drückt Bach laut Bossert unter anderem durch gebrochene Akkorde, durch den Styl Brisé, maximalen Querstand, durch Pausen, die Töne zerschneiden (Tmesis: Zerschneidung in zwei Gebilde) und durch das Kreuzmotiv aus, wenn sich Linien zerschneiden. Ich glaube, Musik an sich wie unsere Schöpfung drückt die Gebrochenheit unserer Welt aus, das Elend und den Schmerz seit dem Sündenfall. Allein gebrochene Tasten an Orgeln drücken Gebrochenheit aus. Leonard Bernstein beschreibt Kirchentonarten als Kick, verbindet Sibelius, Bach und Beatles und ebenso Gegensätze.

Doch Bach ist für mich der musikalische Verbinder, Brücke, Medizin und Salbe, vom Geist überflutet, der der Tröster ist, der nicht nur lehrt, sondern lebt, was er ist und sagt.

Bachs Musik ist nicht nur Heftpflaster und Aspirin, sondern Raum zwischen Reiz und Reaktion.

5. Dezember 2019

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Musikalischer Impuls 2:

LO – wie übe ich “Liturgisches Orgelspiel”?

Ob Bach anders komponiert hätte, wenn er in Hamburg die Stelle bekommen hätte? Hätte er beispielsweise Manualwechsel konkret notiert, da er eine ganz andere Orgel zur Verfügung gehabt hätte? Und ich frage mich manchmal, wie menschlich-bodenständig Bach eigentlich war. Da er musikalisch gesehen so revolutionär war! LO brauchte er sicher nicht zu üben.

Hier 12 Punkte zum Üben von LO:

  1. Tonleiter harmonisieren, zurück Pachelbelbass
  2. was auch passiert, denke generalbassmäßig von unten her
  3. keine Angst vor Sextakkorden, nur eben nicht die Terz verdoppeln
  4. ein Gefühl bekommen für Gegenbewegungen
  5. Fugata üben, beide Hände unten, Kadenzen, Luft dazwischen, evtl. Pedaleinsatz
  6. Suiten üben
  7. Terzfall und Kadenzen enge und weite Lage üben und verbinden, auch mit Stimmtausch

Empfehlen kann ich übrigens den neuen Kino-Weihnachtsfilm Last Christmas. Hier kann man lachen und weinen! Perfekt!

Und einen Tipp für Adventskalender: Das Lukas-Evangelium hat 24 Kapitel, jeden Tag eines lesen bis Weihnachten!

Ebenfalls spannende Lektüre: Wild von C. Strayed.

4. Dezember 2019

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Musikalischer Impuls 1:

Orgel, Flügel und Orchester

Es kann sicherlich sein, dass die Orgel lange vor dem Orchester tonangebend war; dann wiederum übernahm das Orchester die Führung: Beethoven an der Wendemarke mit Oktaven und Bläserpartien; dann kam wieder die Orgel; und nun? Für mich ist besonders entscheidend, was die fundamentalen Unterschiede von Flügel und Orgel sind.

Hier Rat und 14 Punkte für Pianist*innen, die Orgel spielen: 

Der entscheidende Unterschied liegt im Großen und Ganzen zwischen dem eindrucksvollen Klang-Legato (Singen) am Klavier und der ganz anderen Herangehensweise durch Artikulation an der Orgel. Es gibt das pianistische Legato an der Orgel nicht! Versuche es erst gar nicht. Vergebliche Liebesmüh! Auch nicht das klangliche Herausarbeiten der Spitzentöne bei Akkorden! 

Das typisch Pianistische ist oft fatal an der Orgel. Es muss hier ein automatisches klares Verstehen (warum was und was nicht) und dadurch jeweils ein Umswitchen geschehen. Am Flügel zählt das Hineingehen in die Taste, bei der Orgel das Herausgehen aus der Taste. Dies ist nachhaltig umzusetzen!

Orgel ist an sich strukturierter, nüchterner anzugehen, während mir das Klavierspielen durchaus auch intuitiv und sinnlich vorkommt. Der Flügel ist an sich schon sinnlich; dazu steht er einladend in einem warmen Raum oder beheizten Saal. Der Flügel ist nie eine Maschine. Er atmet schon lange, bevor ich komme. Die Orgel schlägt erst die Augen auf, wenn sie eingeschaltet wird. Sie ist erst kalt,  und um sie herum ist es ebenfalls kalt. Das Warme und Berührende entsteht erst (später). 

Mir liegt beides. Das Strukturierte und Intuitive. 

An der Orgel:

  1. Triller mit 1-3 typisch pianistisch; sind an der Orgel, vor allem bei Stücken vor der Romantik, nicht ratsam. Es ist besser, mit 3-2 zu trillern. Zudem: nicht mit 4-5 trillern, besser mit 4-3. Sogar “blinde Triller” beherrschen
  2. Triller ingesamt nicht im Stile Beethovens – also nicht zu gut trillern, nicht zu schnell und virtuos, sondern eher langsam, eher portato, kein (über)legato, sondern gezählt, metrisch 
  3. kein Überlegato generell!
  4. Vorsicht! Klang nicht instinktiv durch überlegato oder intensives legato erreichen wollen! Fatal an der Orgel! 
  5. kein Ellenbogen-Einsatz! Ellenbogen ruhig!
  6. Hände dicht an den Tasten 
  7. Finger vorne an den Tasten 
  8. keine fliegenden, hohen Finger – du stößt nur ans andere Manual! 
  9. bei decrescendo und Seufzern Handgelenk hoch
  10. bei ausdrucksstarken Linien und Melodien nicht drücken, eher leicht spielen 
  11. wirklich richtig absetzen vor den Taktstrichen (nicht nur andeuten), auch wenn das am Klavier in diesem intensiven Maße nicht vorkommt – auch dann, wenn es nicht in den Noten steht (zum Beispiel Bindebögen)
  12. Ruhige Bewegungen; Kopf ruhig. Mach die Orgel durch intensive Körperbewegungen nicht kirre!
  13. Setze deine Energie sparsam ein! Nicht die Energie in den Wind schießen und Kraft verpulvern, die du für die Konzentration brauchst. Stell dir vor, du spielst nüchtern und konzentriert auf Sparflamme. Verwende deine Konzentration für andere Dinge: Polyphonie, weiche Töne, Überlegung, welche Töne kommen später, welche früh, zarter Anschlag, Achtel erzählend, Sechzehntel ruhig, Koordination…
  14. verwende im Pedal viel Spitze, da die Ferse zum Überlegato verleitet; Knie manchmal über dem Fuß; viel Innenseite; sehr gut sind die Pedalschulen Germani und Dupre zum Legatospiel im Pedal: Die Feder überwinden, das Pianogefühl im Fuß bekommen. 

3. Dezember 2019

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10jähriges Tourblog-Jubiläum 2009-2019: Zeit fliegt schön 

Mein Kunstwerk ist nun 10 Jahre alt.

Neu: Buxtehude 137. Und viel Mozart. 

Es macht Spaß, bei Buxtehude, Bruhns und Bach über Registrierung nachzudenken: Kammermusikalische Consort-Registrierung nach Vogler für die Fuge (zum Beispiel Keysound Flöte oder Zunge), wobei die Stimme jeweils von Klangfarben anderer Pfeifenbauart zusammengesetzt sind, z.B. Zunge 8, Oktave 4, Flöte 2. (Zunge wird meist mit Gedackt stabilisiert.)

Das Plenum, für freie Teile und Toccaten, das meist die Mixtur braucht, sollte immer klar und schlank, nicht dick sein, sonst empfinden es einige als “stilistisch unsauber”. Jedoch kann das berühmte Buxtehude g-Moll auch mal nicht im Plenum beginnen, sondern ganz zart!

Die zweite Fuge bei Buxtehude könnte mit 16-Fuß sein, also voller oder größer klingen, für Abwechslung. Wichtig ist, sich zu trauen, Zungen und auch den Tremulanten einzusetzen. Zungen müssen besonders atmen. Pausen schwingen. Singuläre Stimmen dürfen hervortreten. Welche Partien sind besonders schön für selbstbewusste Trompeten? Kurz gesagt: Buchstäblich ein Händchen bekommen. Die freien Teile bei Buxtehude und die e-Moll Bruhns (ausschlagend für Bach) können Plenum oder aber auch melancholische, zartere Elevations-Toccaten sein.

Es gibt in der Musik tatsächlich gut und schlecht, auch falsch und richtig; doch dann gibt es, und das ist noch wichtiger: die Freiheit, selbst zu entdecken und selbst zu entscheiden; frei zu sein, meine eigenen Entdeckungungen zu interpretieren. (Trillere ich hier auf der Hauptnote oder von oben mit Vorhalt? Welche Ausgabe bevorzuge ich und warum? Wie spiele ich die 36 Neumeister, an welcher Stelle mit Pedal? Oder ganz manualiter? Wechsle ich die Manuale für Echoeffekt oder nicht? Wie arrangiere ich Mozart? Schubert? Mendelssohn? Was für Strophen möchte ich für welches Choralvorspiel verinnerlichen?…) Die Paradigmen für falsch und richtig, gut und schlecht sollen genauso verinnerlicht sein, um innerhalb dieses Rahmens kreativ und frei zu sein: Crescendo und Decrescendo, Puls, Akzente, Proportionen, Absprache…

“Und wähne nicht Widerspruch zwischen Ja und Nein. Denn Gott steht jenseits davon.” (Dionysius) So auch die Musik. Sagen wir so: In Jesus ist aus dem Nein ein Ja geworden.

Oder: “Zweiheit gleich Einheit.” Wird Einheit. Ist Einheit.

Und: Zweiheit gleich Dreiheit. Die Gegensätze sind verbunden, nicht verabsolutiert. Bach hat die Wahrheit erkannt zwischen Einheit und Zweiheit. Es stimmt, was Christoph Bossert (der in den Neumeister Chorälen Signaturen der Kunst der Fuge findet) sagt: Die Orgel an sich spiegelt die Realität wider: Ohne Atem und ohne Wind ist die Orgel nur eine Maschine. Wie tot.

Ich finde, wir spiegeln dies genauso wider: Erst durch den Wind, der auch in unsere Nase geblasen wurde (wir sind auch ein Blasinstrument!) entstehen Leben und Bewegung. Leben ist Bewegung. 

 

2. Dezember 2019

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Maskuline und feminine Orgeln: Ladegast-Orgel ev. Dom Schwerin und Liszt B-A-C-H 

Gesegneten ersten Advent!

Eine maskuline Orgel ist in meinen Augen zum Beispiel die Ladegast-Orgel im Schweriner Dom (1871), eine feminine die Bach-Orgel in Ansbach. Was ist der klangliche Unterschied? Die maskulinen klingen erdiger, die weiblichen lieblicher und auch schärfer. Eine feminine Orgel ist natürlich nicht erst dann eine feminine Orgel, wenn eine Frau daran sitzt. Dann gäbe es ja kaum feminine Orgeln weltweit.

Jede Orgel ist ein Unikat. 

Die wunderschöne romantische Ladegast-Orgel mit vier Manualen und 84 Registern (einige funktionieren momentan nicht wegen des kaputten Barkers) klingt wie ein Grand Seigneur, tief majestätisch, edel, sehr schwergängig, schwerer weiser Klang eines alten Gentleman, Oboe, 32-Fuß, Progressiv-Harmonika… Von Schuke restauriert. Das vierte Manual (eine Art Echowerk) ist besonders schön. Mozart und Liszt klingen herrlich hier. Besonders gefiel mir die zarte tiefe Liszt-Zunge Aeoline, auch wenn sie etwas verstimmt war. Bach und Händel … kann man hier “romantisch” spielen.

Der Porsche in Leipzig erinnert an den typischen Ladegast-Spieltisch. Mich hat natürlich die Schweriner Orgel an Leipzig erinnert. Nikolai. 

Es war schön, nachts im leeren Dom viele Stunden zu spielen, während draußen noch der letzte abendliche Rest des ersten frischen Weihnachtsmarktes herein leuchtete und wehte, besonders Drehorgel, Parytband… Die spitze dunkle Ladegastorgel hat keinen Schweller, jedoch gibt es Fußtritte (10=Schweller), die an eine Art Schweller erinnern. Es war mit sieben Grad auch gerade erträglich mit Mütze und Mantel (7=Tutti-Pedal). Die blauweiße Schrift der Registerzüge erinnerten mich an Teetassen, an Bremer Tee. Hauptwerk ist 2 (=1), 3=2, 1=3, beautiful 4=4. Die Pfeifen der Orgel deuten in den Bögen der Kirche wie Finger in den Himmel. Die Heizstrahler helfen, ansonsten hat der Dom auch so etwas wie eine kleine Winterorgel, wo es beheizt ist. 

So war mein erster Weihnachtsmarkt dieses Jahr in Mecklenburg-Vorpommern. Ich hoffe, ich komme trotz Orgel auch wieder dazu, Lieder und Songs zu schreiben. 

Es gibt Menschen, die meinen, die Manuale und die Traktur der Schnitger und der Ladegast… müssten dringend überholt werden, da verfärbt, wellig, schwergängig, ungleich. Jedoch solle man historische Orgeln ganz mit Vorsicht behandeln. Außerdem ist es gerade das, was mir gefällt. Natürlich braucht man “Finger-Muckies”. Aber das schadet ja nicht. 

Den Umgang mit Wind und Absprache kann ich an meiner Hauptwerk-Orgel “Kairos” (she came in the rain) nicht üben. Dafür die Klais. Das Gehirn muss für Orgel programmiert werden. Ich kann mir hierbei nicht genügend ins Gedächtnis rufen: Ich habe es mit einem Blasinstrument zu tun. 

31. November 2019

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Vorweihnachtszeit

Ach Mist, es gibt ja leider gar keinen 31. November. Also 1. Dezember.

Bisher war ich diese Weihnachten auf den Weihnachtsmärkten Schwerin, Stade, Hamburg und Würzburg. Meistens esse ich Lachs auf den Weihnachtsmärkten, Flammlachs oder Stremellachs oder Lachsburger. Mit Glühwein bin ich so schnell betrunken, dass ich ihn meist nicht anrühren kann: warmer Alkohol!

In Hamburg habe ich diesmal das Teemuseum Messmer Momentum besucht, das Schokoladenmuseum Chocoversum Hamburg. Und flaniert um Elphi und Steinway.

Anbei eine Rezension zu meiner Bach-WTK-CD im Vivita Würzburg:

Seite 20/21:

Bach-Rezension WTK CD

https://www.vivitamagazin.de/images/franken-aktuell/pdf-ausgabe/vivitaFranken_129.pdf