Blog und Tourblog

Tägliche Impulse, Zitate und Artikel über Konzerte, Reisen, Musik, Orgeln, Wunder, Leben, Erkenntnisse, Kunst: Tourberichte, lebendig, leidenschaftlich, provokativ, zum Nachdenken. Ein Kunstwerk. Fresh. Frisch um Mitternacht neu.

23. Oktober 2020

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Die Geschichte der Musik ist noch lange nicht zuende. (AHS)

Bochumer Orgeltage: Die wunderschöne, historische, grüne Orgel hier in der evangelischen Kirche Hattingen Blankenstein, direkt an der Burg Blankenstein, ist etwas, was ich vorher noch nie gesehen habe: Eine historische Orgel hoch oben, direkt über dem Altar. Es ist eine Orgel des Orgelbaus Bautzen, von Eule rekonstruiert, neulich saniert. Eine gefährliche Treppe führt hinauf. Oben: Hinter mir ein Engel. Unter mir: Die Kanzel. Es ist unglaublich, wenn man in die achthundert Jahre alte, gotische Kirche kommt und anstatt eine Orgel hinten statt dessen eine kleine Orgel hoch oben thronen sieht, direkt über dem Altar. Der ganze hohe Altar wirkt dadurch lang wie ein Stab oder eine Pflanze, die vom Boden in die Decke wächst, wie Efeu, und die Orgel oben ist die Blüte, die Knospe. Erst dachte ich, es sei eine optische Täuschung oder die Orgel Dekoration, eine Wohnung für einen Engel oben. Aber nein, sie ist echt:

Sie hat zwei Manuale, ein hübsch gestimmtes Krummhorn, keinen Prinzipal 8, aber viele Flöten und kleine Mixturen und Koppeln und Schweller, es lässt sich sehr viel spielen, Mozart, Trio-Sonaten, Piece, Scheidemann… Die Akustik ist recht trocken, aber die duftigen Flöten machen dies wieder wett.

Anschließend wurde mir der wunderschöne, mittelalterliche Ort gezeigt, die Fachwerkhäuser, die Burgfreiheit, die Burg, dazu die Handelsstrasse Hellweg (Hell oder Hall früher für Salz), die quer durchs Ruhrgebiet bis ans Meer führt, die Wasserburg Kemnade, früher für Damen und Burgfräulein. Nachts sehr schön beleuchtet alles, romantisch.

Hattingen bei Bochum ist ein malerischer Ort mit einer faszinierenden Innenstadt voller Fachwerkhäuser. Es sollte Unesco Weltkulturerbe werden in meinen Augen. Und was für Fachwerkhäuser! Sie stehen direkt an der großen Festung der mittelalterlichen Kirche St. Georg: Fachwerkhäuser nach außen gewölbt, schräg, schief und wunderschön, gepflegt, geschmückt, auch das Bügeleisenhaus und das alte Rathaus, deren einmalige Fensterchen wie ein Adventskalender fungieren im Dezember, der Marktplatz – eine Augenweide. Ich habe lange als Kind in einem großen Fachwerkhaus in Reichenschwand gewohnt. Ich liebe den Duft, das Holz, die Größe, den Style.

Wir waren in Hattingen nach dem Üben italienisch essen, Vitello Tonnato und Dorade mit Alio e Olio. Die hübsche Ruhr. Hattingen, die 55.000-Einwohner-Stadt liegt direkt bei Bochum.

Hier in Bochum-Stiepel (eine sehr schöne Gegend mitten im Herbst) habe ich auch die wunderschöne Kirschner-Orgel in der tausendjährigen, evangelischen Kirche gespielt. Die Deckenmalerei und die herrliche Akustik haben mir sehr gefallen. Die Orgel ist ein Schmuckstück, auch die wunderschön verzierte Truhenorgel unten mit einer Zunge (Regal).

Arno und Wolfgang sind sehr nett. Arno hat früher meinen Papa oft im Radio gehört.

Das Hotel hier, Tucholsky, ist ein Künstlerhotel direkt bei der Christuskirche Bochum (eine “entweihte” Konzertkirche mit einer wunderschönen Schuke) und dem Bermuda-Dreieck. Die Zimmer sind große Wohnungen. Es sind viele Schauspieler schon hier abgestiegen. Man kann bis 15, früher sogar bis 18 Uhr frühstücken. Sehr künstlerfreundlich. Für Kneipentouren oder “auf jück gehen” habe ich keine Zeit. Morgen ist das Konzert. Es ist schon ausgebucht, viele Leute dürfen leider wegen Corona nicht mehr hinein.


Es ist auch interessant, wie Cembali gestimmt werden. Wichtig ist zu beachten: Ist eine Schwebung da, ist der Ton unsauber. Er muss ohne Schwebung und Vibration dastehen. Stabil. Spannend sind hierbei die Naturtöne, also beispielsweise der Ton zwischen f und fis, das sogenannte Alphorn-fa. Denn die Alphörner spielten diese Naturtöne zur Verständigung und Nachrichtenkommunikation. Das Alphorn-fa, den sogenannten elften Ton, kannte Bach auch. Es gibt hier also noch einige Intervalle, die wir nicht verwenden und vielleicht nicht mal kennen. Das ist spannend. Die Geschichte der Musik ist noch lange nicht zuende. C ist der 8. Ton, G ist der 3. Ton.

Es kommt mir vor, als wäre Instrumente stimmen wie angeln gehen.

Bach kannte die Verhältnisse, Obertöne, Kombinationen und Frequenzen der Töne und Intervalle, sicher auch die sogenannten Cents. Er wusste: Alles ist in einem Ton. Zwei ist eins. Die Oktav-Kopie. Dieses Wunder von Intervallen. Drei Intervalle in einem Dreiklang. Zwei Zweierbeziehungen. Das Gesetz von Bachs Fugeneinsätzen spiegelt das Intervall-System mit seinen Gesetzen wider. Bach hat das ganze Universum mit Musik eingerahmt, so wie die Wahrheit im Wort festgehalten wird. Daher auch das WTK I. Im Grunde ist es nicht wohltemperiert, sondern nicht mehr mitteltönig, also nicht nicht gleichschwebend. Bach lebte ja in einer mitteltönigen Welt. Er hat diese revolutioniert. Er wollte fort von der Wolfsquinte gis-es. Erst beim Stimmen von Cembali ist mir klar geworden, was Bach gehört, empfunden und was er geleistet hat. Inwiefern er trotz seiner angeblichen Altmodischheit revolutionär unseren modernen Klang eingeführt hat.

Ich mag auch die rauchigen Klänge, die andere als unsauber bezeichnen.

Ich habe neue Werke für Clavichord und Cembalo geschrieben.

Ob Bach mit dem eis in die Nähe des Alphorn-fas wollte?

Neue Passacaglia, in einer Farbe diesmal, in organo pleno, an der schönen Goll-Orgel Hannover:

22. Oktober 2020

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Sich nur auf ein Instrument zu begrenzen, ist, als würde man nur eine Sorte Fisch kennen und essen. Sind das dann besonders gute Ein-Fisch-Esser? (AHS)

Ich finde, man muss mehrere Sorten Fisch kennen und essen, sich auf mehrere Instrumente professionalisieren. Vor allem bei Tasteninstrumenten. Warum sollte man ein besonders guter Einfischesser sein? Das ist langweilig.

Ich habe mir das Hörspiel von H.G. Wells angehört. Es geht um Marsmenschen in New York. Ich finde solche Geschichten unsinnig. Und das heißt es im Cover: Wells war einer der wichtigsten …. Und der Sprecher “gilt als Genie” – da loben sich Männer selbst und gegenseitig in den höchsten Tönen, noch dazu mit Kreationen, die mehr als fragwürdig und eher kindisch sind. Es ist wie bei Organisten, die sich einer nach dem anderen als “die vielseitigsten und profiliertesten” nennen – was soll das bitte heißen? Dass sie “markant” sind? Nichtssagende Begriffe. Und vielseitig sind gerade diese nun wirklich nicht. Aber manche Kirchenmusiker denken, sie seien passé vielseitig.

Frauen sind laut Männern “talentiert”, “begabt”, “junge Damen”, “fröhliche Mädchen” – und die Männer selbst dagegen sind “genial”, “profiliert”, “die besten ihrer Generation” und hastenichtgesehenwasnochalles … in was für einer unsinnigen Welt leben wir? Wer spielt dieses Spiel weiter noch alles mit? Mit dem absurden “die besten ihrer Generation” oder gar “die besten ihrer Zeit” ist eindeutig der weibliche Teil der Generation und der Zeit ausgeschlossen. Die Männer meinen damit nur sich selbst. Die begabten Frauen dürfen und sollen nur begabt sein. Da haben sie stehen zu bleiben. Weiter als begabt ist nicht erlaubt. Sie dürfen nicht die Besten werden, sie sollen nicht besser werden als Männer selbst, schon gar nicht “die besten ihrer Generation”. Denn da wären die Männer eingeschlossen.

Oder Filmgeschichten. Da heißt es “eine tragische Liebesgeschichte” …  Dass es eine Liebesgeschichte ist, denken die Männer, weil sich der Mann in die Frau verliebt hat. Die Frau würde diese Geschichte gar nicht unbedingt als Liebesgeschichte bezeichnen. Im Gegenteil. Sie weiß, dass der Mann sie selbst gar nicht meint. So ist das bei vielen Dingen. Die Geschichte der Welt, von Männern dominiert, definiert Dinge, die Frauen meist völlig anders definieren und sehen. Auch wenn wann wo herausragend war. Aber die Frauen denken sich: Ist doch egal, sollen die Männer halt machen, wenn es ihnen gar so wichtig ist… zu herrschen… Eigentlich ist es erbärmlich. Die Männer loben sich, rackern, definieren sich, meinen, sie schreiben Geschichte – und es ist nichts als Schall und Rauch, und die Frauen sollen bewundernd zusehen und respektvoll hauchen, wie wundervoll sich die Männer selbst als “Genie”, als “bester”, als “profiliert” darstellen. Leider gibt es genug Frauen, die genau das tun (obwohl sie es besser wissen). So geht unsere Erde damit rund und rund und rund und kaputt. Bei manchen Männern heißt es gar: Auch in seinem Privatleben war er sehr aktiv: Fünf mal verheiratet, und er hatte 8 Kinder.

Wunderschöne Goll-Orgel Hannover, einfach hier klicken:

21. Oktober 2020

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Clavichord-Love. Von Zander nach Kather nach Ruys. (AHS)

Es ist spannend, auf einem Kather-Praetorius-Clavichord, gebunden, mit kurzer, gebrochener Oktave und mit geteilten Obertasten Reincken Fuga g-Moll zu spielen. Der Anschlag ist völlig anders als alles, was ich kenne:

Insgesamt wird quasi legato gespielt. Manchmal sogar überlegato. Alle gebrochenen Dreiklänge können gut gebunden werden. Auch alle Läufe mit Terzabstand legato. Nicht staccato. Das, was aufgrund der Gebundenheit nicht legato geht, erfordert ein dichtes non legato.

Diatonische Läufe müssen also leicht abgesetzt werden. Also Läufe mit Sekundenabstand quasi legato.

Ingesamt wird das Clavichord lieblich und süß gespielt. Nicht wild und aggressiv. Nicht spitz.

Die Tangenten sind aus Messing. Dieses ganze neue helle Instrument in Hamburg duftet stark nach Holz.

Man muss die Lautstärke des Instruments gut kennen. Nicht darüber gehen! Nicht lauter spielen. Nicht drücken. Besonders oben ganz weich spielen.

Das Handgelenk ist weich, man spielt nicht mit dem Arm. Gerade und locker sitzen und Finger verwenden.

Den Ton nicht nachdrücken, es verstimmt sich sofort. Immer nur plock-plock. Den nur vor und im Anschlag herstellen. Nicht nachdrücken oder im Nachhinein verändern wollen.

Manche Stellen im Stück müssen aufgrund der Gebundenheit umgestellt werden, sonst gibt es Störungen. So auch der Fingersatz.

Akkorde und Choräle spielen helfen für einen schönen Klang, der ohne abgewürgt zu werden, klingt. Die kurze Oktave beachten und oft den zweiten Finger verwenden. Übe Handgelenks-Rotationen, Kreis.

Ich freue mich auf mein Clavichord  von Sander Ruys, das 2021 kommt. Ich mag die Niederländer sehr. Insgesamt. Top Lehrer, top Orgeln , top Mentalität, top Instrumentenbauer.

Ich lese gerade die Clara-Biographie im Aufbau-Verlag.

Frescobaldi an der Goll-Orgel Hannover 2020:

21. Oktober 2020

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Die Musik soll vornehmlich das Herz berühren. (alte Meister)

Ich freue mich, dass ich bei der GEMA in E und U in der Wertungsgruppe V bin. Immerhin. Momentan bin ich dort hauptsächlich E-Musik-Künstlerin.

Ich liebe das Dirigieren. Es ist wichtig, beim Dirigieren nicht in Ekstase zu verfallen, denn das hilft den Musikern in der Probe nicht, die stets einen aktiven Menschen vor sich brauchen, der aktiv hört. Wenn man in Ekstase ist, dann hört man nicht mehr. Dann bildet man sich Klänge ein. Bei Konzerten ist es natürlich gut, da die Kunst durch den Körper strömt. Aber in der Probe geht es darum, genau zu wissen, wann man wie dirigiert und warum, in 1 oder in 2 oder…

Schön finde ich, dass mein Clavichord nach einem schwedischen Vorbild frühbarocker Art gebaut wird (Stockholm). Frei, mit großem Umfang.

Ich habe am Clavichord auch den Franzosen Claude Goudimel von 1505 entdeckt. Ich mag den runden, warmen Klang und die Ruhe. Das détouché. Es war schön in Amsterdam vor ein paar Wochen.

Global on Fire: Neue Komposition an der Sauer-Orgel:

20. Oktober 2020

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Man braucht unbedingt beim Einregistrieren eine Nacht dazwischen: Nach dem Schlafen justiere ich einiges nach. Es ist wie beim Malen. Oder auch beim Schreiben. (AHS)

Ich liebe zur Zeit besonders die Orgeln in Alkmaar und in Hamburg Katharine. In Hamburg hat die Flentrop 17 Register allein im Pedal! Offene Pfeifen aus Metall, auch der 32-Fuß! Dazu 7 Zungen! Zum Stimmen dieser Zungen gibt es eine Vor- und Hinterlade in den Pedaltürmen und einen Weg dazwischen, damit man überhaupt stehen und stimmen kann. In Alkmaar sind es 4 Zungen im Pedal. Ich liebe das Regal im RP in Hamburg, die Zinke im OW, und dass bei beiden Orgeln im RP das Prinzipal 8 verdoppelt ist. Was für ein Sound! Und dass das HW in Hamburg Katharine allein drei 16-Füße hat. Ich finde es eine große und wichtige Kunst, Orgeln oben einschätzen zu können, wie es unten klingt, aufgrund der Unbalance oben, besonders, was große RP betrifft. Hier Passacaglia zu spielen mit 32-Füßen im Pedal und der zehnfachen dunklen Mixtur und den dazugehörigen 16-Füßen im HW, da blühen die Hemiola in der Fuge.

Erstaunlich finde ich den Musiker und die Persönlichkeit Matthias Eisenberg.

Am Donnerstag fahre ich nach Bochum zum Konzert an die Eule-Orgel.

Anbei mein Liszt Ad nos an der wunderschönen Sauer-Orgel:

19. Oktober 2020

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Pleasure is the law. (Claude Debussy)

Ich freue mich sehr, dass ich ins Finale gekommen bin im österreichischen Prosa- und Lyrik-Wettbewerb Zeilen.Lauf in Baden bei Wien, am 6. November. Das wird schön, weil man, wie in Österreich üblich, der Jury live die eigenen Texte vorliest. Das liegt mir. Wie in Villach und Klagenfurt. Es geht hierbei immer um die Leidenschaft und die Ehre und nicht um große Gelder. Etwas stressig, da ich am 7. sofort dann frühs nach Hannover fahre zum Konzert. Und am 4. in Hamburg spiele. Ich freue mich auch, ein Stipendium von der Ernst von Siemens Musikstiftung erhalten zu haben. Auch die GEMA hat mir nachträglich eine Nach-Ausschüttung angekündigt. Das alles ist schön in Corona-Zeiten, wobei ich ja emsig spiele wie eh und je. Dazu Videos, das macht mir unglaublich Spaß. Insgesamt bin ich auch froh, dass sich Bayern um die Künstler durchaus kümmert – anders als in anderen Bundesländern.

Traurig ist, dass eine Angehörige von mir an Krebs erkrankt ist. Ich verstehe nicht, warum ein Körper sich selbst zerstören will und “Veranlagung” dazu hat. Ich beobachte die flinken Vögel auf meinem Balkon und merke, dass ich mit Krankheit an sich immer noch große Probleme habe und vor Krankenhäusern Panik, trotz befreundeter Ärzte. Dabei weiß ich, dass alles in Gottes Hand liegt. Auch Krankheit. Ich habe vor Tod weniger Angst als vor Krank- und Schwachsein. Der Tod ist für mich der wichtige und notwendige Übergang (ein Übergang wie die Geburt) in die Ewigkeit zu Gott. Es ist ja kein wirkliches Sterben. Die Seele mit ihren Talenten und ihrem Wissen, die Würde und die Persönlichkeit und der Charakter sind unsterblich.

Mir fällt auf, dass Frauen Männer kaum darauf ansprechen, ob und wie sie eine “Maske” tragen. Frauen sind aber umso mehr hinter anderen Frauen her. Auch fällt mir auf, dass “die Maske” oft als Grund für sämtliche andere Gründe, meist psychologische, genutzt wird, u.a. auch, um komplett vom Thema abzulenken, auszuweichen, generell zu belehren und Macht auszuüben. Zudem fiel mir auf, dass ich die “Maske” nicht einhändig “anziehen” kann. Insgesamt denke ich, dass die Maske das leider recht pedantische Deutschland noch pedantischer macht.

Kreativität steckt in jedem Menschen: Interview

18. Oktober 2020

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Dieser Artikel ist Helen May Butler (1957 gestorben) gewidmet, der Komponistin und Dirigentin. 

Liszt h-Moll-Sonate für Orgel ist nicht schlecht gemacht – wenn ein Klavier-Stück auf die Orgel übertragen wird, wird es im Grunde orchestriert – , aber es ist natürlich trotz allem nicht dasselbe – das Brillante der Klavierläufe klingt an der Orgel oft eher wie ein Trupp Glühwürmchen und die tiefen Passagen wie aus einer Selbstmordszene einer Wagner-Oper. Es hat etwas Komisches, Gewolltes. Manche Tempi sind dadurch verheerend verzerrt. Vielleicht bin ich auch zu sehr an das Original gewöhnt, habe ich es doch so oft gespielt. Das spontan Klagende und Traurige des puren Klavierklangs geht verloren an der Orgel, da diese so durchstrukturiert ist. Manche sind ja große Fans von Orgelübertragungen. Ich nicht unbedingt. Ich liebe Originale. Will man Liszt h-Moll spielen, muss man Klavier spielen. Will man Bach Trio-Sonaten spielen – übertrage ich diese aufs Klavier? Nein. Organisten würden sich ja das Maul zerreißen. Ich spiele diese an der Orgel. Aber umgekehrt wird es fröhlich gemacht, alles Erdenkliche auf die Orgel zu übertragen. 

Bochumer Orgeltage 2020, Hattingen-Blankenstein, dann bald Fulda, Hannover, Wilhelmshaven, Stade. 

Ich lerne so viel als Süddeutsche in Norddeutschland und auch in Holland. Ich liebe die Flentrop in Hamburg, diese Mixtur im HW, sechzehnfußbasierend und zehnfach. Und wo gibt es solche Zungen im Pedal, wo eine solche Zinke? Sieben Zungen im Pedal? Das ist doch einmalig. 

17. Oktober 2020

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Orgellove. Ein Fest für die Orgel

Presse Kolbermoor Konzert

Ich freue mich wieder auf die blaue Ehrlich-Orgel: Die blaue, mainfränkische Orgel in der evangelischen Stadtkirche Bad Wimpfen vom süddeutschen Orgelbauer Johann Adam Ehrlich (1703-1784) ist ein Wunderwerk. Mit ihren zwei Manualen und 23 Registern erklingt sie farbig, warm und berührend. Ein Barockinstrument mit drei leuchtenden Klangkronen, das mit allen großen Orgeln mithalten kann. Der reiche Klang der Ehrlich-Orgel in diesem wunderschönen Raum ist sprechend und sehr differenziert in der angenehmen Akustik.

Es mag sein, dass es in Frankreich, USA und weltweit anders ist, aber in Deutschland, Österreich und Schweiz sind alle Kirchenmusik-Abteilungen der Hochschulen ausschließlich von Männern besetzt. Es sind 100prozentig nur Männer Orgelprofs, nur Männer Domorganisten, alle wichtigen Orgelkantorenstellen der Großstädte und Innenstädte haben Männer inne, KMDs meist Männer, es ist nicht mal 90-10. Und meist können sie nicht sonderlich gut Orgel spielen. Kantorinnen werden auf die viel kleineren Stellen oder in Würzburg auf die andere Mainseite verbannt, schlechter bezahlt. Die Jurys zu Kantorenstellen (zB Hannover) nur Männer, nur Männer eingeladen, es wird ein Mann (Stelle neue Bachorgel). Manche Kirchen wie in Leipzig oder auch Arnstadt hatten noch nie eine Frau als Kantorin. Der neue Leipziger Kantor St. Nikolai wurde von Anfang an als „neuer Kantor“ bezeichnet, es war von Anfang an klar, dass es nie eine Kantorin hätte werden können. Das wäre eine historische Angelegenheit gewesen! Oder neuer Thomaskantor? Eine Frau? Ich habe unglaubliche Orgel-Machos erlebt. Die Kantorenstellen sind keine musikalischen Stellen. Es sind politische Stellen. Diese Seilschaften betreffen viele “Musik”-Festivals, fast ausschließlich von Männern geleitet, die wiederum fast nur Männer einladen (außer die eigene Freundin).

16. Oktober 2020

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Es gibt beruflich und künstlerisch leider kaum Seilschaften unter Frauen. (AHS)

Ich freue mich auf meine Konzerte in Waltershausen an der wundervollen Trost-Orgel nächstes Jahr, und auch an der schönen Strobel-Eule-Orgel in Bad Frankenhausen. Diesen Monat erst mal Bochum, Wilhelmshaven und Fulda.

Ich bin gerade in Hamburg an der wunderschönen Stellwagen-Flentrop-Orgel in St. Katharine – eine viermanualige Wunder-Orgel. RP-HW-OW-BW. Solowerke besonders RP und OW. Die Registerzüge für das Brustwerk (4. Manual) sind rechts und links an der “Decke”. Eine große Orgel, 8-Fuß und 16-Fuß-basierend, HW (2. Manual) 16-Fuß-basierend, 16-fußbasierende Mixtur zehnfach, sehr viele herrliche 8-Füße auf allen Werken, ein enormes, riesiges Rückpositiv. Die direkten Klänge eines solchen Rückpositivs muss man gesondert beachten beim Einregistrieren.

Die Prinzipale des HW sind warm und leise, da sie von den 16-Füßen verdeckt werden. In der großen, wunderschönen Kirche mit den langen, blauen Fenstern, den weißen Säulen und den roten Steinen und dem 6 Sekunden Nachhall thront der Klang füllig majestätisch. Das Pedal kann man (nur) an das riesige Rückpositiv koppeln. Dieses ist ja eine eigene Orgel. Werke 2-3-4 kann man koppeln. Das Pedal ist so herrlich, mehrere 32′, viele 16′, viele 8′, so dass man es nicht koppeln muss. 2-Füße sind nicht nötig, da in Rauschpfeife und Mixtur. Denn: 32′-Prinzipal, 32′-Großposaune, 16′ Posaune, 16′ Prinzipal, viele 8-Füße, Rauschpfeife (Brücke zur Mixtur), Mixtur, Trompete 8, Krummhorn 8, Dulzian 16. Die herrlichen Pfeifen stehen im Prospekt. Da die Orgel sehr viele Achtfüße hat und um diese Wunderpfeifen im Prospekt solistisch zum Klingen zu bringen, sind Vierfüße nicht unbedingt nötig im Triospiel; die Vierfüße stehen weiter hinten.

Ich liebe neben den enormen, warmen und großen Pedalpfeifen die Rauschpfeifen und die Zungen dieser Orgel, besonders Zinke, Dulzian, Trommete… Timpani auch und sanft und mehrere langsam schwingende Zimbelsterne. Ich mag nicht so gern, wenn die Zimbelsterne aufgeregt rasen.

Keine Setzeranlage, keine Schweller, herrliche schwarze Registerknöpfe, Sperrventile wie in Merseburg. Ein Registerzug heißt Soli me tangere und führt ins Off. Es war früher Calcant – das Warn- und Klingelzeichen, dass die Balg-Windtreter wieder ihre Arbeit aufnehmen sollen, beispielsweise nach der Predigt: “Die Stunde ist rum, Leute, macht weiter!”

Es gibt auch Vogelgeschrei – eine Nachtigall, wenn das Wasser aufgefüllt wird. Ist das Wasser dieser Pfeife leer, wird aus dem Vogelgeschrei ein echtes Geschrei. Zuerst dachte ich: Was soll das denn für ein Vogel sein? Und war entsetzt, dass die Wundererbauer dieser Wunderorgel bei der Auswahl von Vogelklängen einen solch schlechten Geschmack hatten. Aber nein, es liegt daran, dass das Wasser hier nicht nachgefüllt wurde.

Man braucht unbedingt beim Einregistrieren von Stücken eine Nacht dazwischen, also nach dem Schlafen justiere ich noch einiges nach. Es ist wie beim Malen. Oder auch beim Schreiben.

Wir leben in einer Welt, in der billige Jeans von einem Weltende zum nächsten gekarrt werden, die Kinder zusammennähen, damit es billig bleibt, die 30.000 km zurücklegen, um bei uns verscherbelt zu werden. Schlimm!

Das Gehirn ist ein Organ. Meine Organe scheinen klein zu sein, auch meine Hände und Füße. Wenn ich mich mehr als 8 Stunden lang konzentriere, dann läuft mein kleines Organ Gehirn heiß wie ein Wasserkocher. Der Dampf entfaltet sich.

Presse Konzert Erlangen:

15. Oktober 2020

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Das Illusionshören erschafft auch eine Wirklichkeit, vor allem im Konzert. Ich kreiere künstlerische Illusion für alle. (AHS)

Freu mich auf mein Interview-Orgelpodcast auf www.8fuss.de

Podcast Schlüter auf 8fuss.de

Neu: Scheidemann-Choral Heiliger Geist an der Heissler-Elenz-Orgel St. Laurentius Marktheidenfeld (Intonateur Video Heissler-Orgelbau):