29. Juni 2020

Klang ist Wissen. Wissen ist Klang. (AHS)

Es war wunderschön, im Wald zu reiten. Wir haben keine Wege benutzt, wie ich es sonst kenne, nicht mal einen Waldweg, sondern sind quer durch den Wald geritten. Inmitten Wald, sozusagen. Ohne Weg. So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich kenne Menschen, die so etwas nie erlauben würden, da sie es für viel zu gefährlich halten, denn es gibt überall Äste, Gräben, Baumstämme, Löcher, Moos, Steine und Matsch, es geht hoch und runter. Wir ritten wirklich so, querfeldein. Die Sonne schien, das dichte und saftige Grün des Waldes glitzerte, die Schatten tanzten. Es war ein wunderschöner Sommerabend.

Liisa wohnt seit ihrer Kindheit im Wald ihrer Eltern und Großeltern, und ihre zwölfjährigen Isländer sind bereits seit 10 Jahren bei ihr und kennen den Wald blind. Isländer sind unglaublich schöne, kleine und robuste Pferde. Auch wenn die beiden Wallache Arne und Jamid klein sind. Jamid ist gescheckt und Arne dunkelbraun. Beide haben dichte Mähne und glänzendes, blankes Fell. Ich habe noch nie so glückliche Pferde gesehen. Sie haben alles: sie sind zusammen, verstehen sich gut, haben einen riesigen Auslauf mit Wiese und Unterstellplatz, sie können raus und rein, sind inmitten von Wald, werden gehegt und gepflegt, werden nur geritten, wenn es in den Wald geht. Ich war auf Arne, und Arne habe ich auch blind vertraut. Ich ließ manchmal die Zügel locker, damit er besser vorwärts laufen und seinen Weg finden kann. Die Pferde sind, auch wenn sie manchmal stolpern, sehr schlau. Sie finden ihren Weg und kennen den Wald. Dennoch dachte ich anfangs, mein letztes Stündchen habe geschlagen. Mit diesem Sattel und dieser Trense war ich nicht vertraut: Die Trense war ganz anders als daheim, ohne Backenriemen, ohne Nasenriemen, ohne Maulriemen, im Grunde nur ein Mundstück; der Sattel hatte keine Erhöhung und keinen Riemen zum Festhalten und kein Vielseitigkeitssattel wie zuhause. Jedoch weich aus Leder mit dicken Kniepauschen, die Steigbügel mit Noppen und ich mit Gummistiefeln, die zu groß waren, weil bei Liisa keiner so kleine Füße hat wie ich.

Ich wusste noch nicht, wie man mit diesem bloßen Sattel und dieser winzigen Trense reitet. Aber es ging hervorragend. Arne gehorcht immer. Jamid tänzelte oft, weil er galoppieren wollte. Ich war noch etwas ängstlich.

Liisa sagte, wir würden eine relaxte Tour machen. Umso erstaunter war ich, als sie sagte, ich solle ihr einfach folgen, und ab ging es durch den Wald. Das erste, was ich sah, war, dass die Wiese in den Wald steil nach unten und dann steil wieder nach oben ging. Ohne Weg. Es überfiel mich eine Melancholie, da ich mich an den Krimi von Donna Leon erinnerte, bei dem die Reiterin bei einem solchen Anstieg (allerdings im Galopp) mit dem Pferd zur Seite umkippte. Das Pferd starb, und sie war lange verletzt. Ich dachte daran, dass es vielleicht schön wäre, an einem solchen Sommerabend im Wald zu sterben. Und feige wollte ich auch nicht sein. Was würden Liisa und Arne von mir denken?

Also tat ich es einfach. Arne stiefelte los, machte hier und da sogar einen Satz, es schaukelte etwas auf ihm, aber die Steigbügel waren bequem, und ich hatte Liisa auf Jamid vor Augen.

Aber es wurde noch viel wilder. Es ging über bemooste Baumstämme, die ich kaum sah, an Felsen vorbei, überall hin, ins dichteste Laub, auf Lichtungen und an Feldern vorbei und immer wieder steil an und runter. Isländer sind richtige Kletterer. Im Grunde ritten wir nicht, wir kletterten. Am Schluss galoppierten wir etwas und tölteten sogar. Dazu muss man den Rücken und die Oberschenkel anspannen und sich nach hinten lehnen, “Tölt” sagen und los – es ist anstrengend, wenn man nicht loslässt, das gelang mir erst nach einer Weile, aber Arne weiß ja genau, wie es geht. Es scheint im Grunde wie Galopp im Schritt zu sein…

Durch die vielen tiefhängenden Äste und hohen Brennnesseln habe ich jetzt Kratzer und Stiche, aber das macht nichts. Als wir wieder zurück waren, haben wir die Pferde abgespritzt, mit Heu gefüttert, selbst und Eis gegessen.

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