10. Februar 2020

Musik überhaupt ist für Kenner. Und es sollte jeder ein Kenner sein. (N. Harnoncourt)

Der Klavierabend im Großen Saal Petrus-Gemeindehaus Heilbronn, evangelische Kirche Böckingen (neobarocke Plum-Orgel), war sehr schön und gut besucht. Ein kleiner Bechstein. Das gläubige Kantoren-Ehepaar Astfalk ist einfach spitze, Bettina und Thomas. Super Künstlerbetreuung. Ich habe mich wohl gefühlt.

Ich spielte Chopin, viel Beethoven, Bach, meine eigenen Stücke, erzählte etwas über mein Leben und das der Komponisten, sang auch meine Lieder.

Klavierabend ev. Kirche Heilbronn-Böckingen

Böckingen ist ein wichtiger Stadtteil Heilbronns und sehr eigenständig.

Das besondere Geschenk war, dass ich morgens im Gottesdienst in Bad Wimpfen an der historischen wunderbaren Ehrlich-Orgel mit ihren 1363 Pfeifen spielen durfte. Das habe ich erst gestern Abend erfahren und war sofort Feuer und Flamme. Ich habe schon von dieser Orgel gehört und brenne für wundervolle historische Orgeln. Ich bin sofort mit der Orgel gut zurecht gekommen. Viele sollen wohl erst mal dran “baden gehen”. Aber ich hatte gleich eine gute Verbindung. Vielleicht durch Schnitger und Walcker Hoffenheim, Gabler Ochsenhausen und Klosterkirche Maihingen. Ich mag die süddeutschen und auch die alpenländischen Orgeln, die aus Wien und aus dem Allgäu…

Was ist das Besondere an dieser Ehrlich-Orgel von 1747/48? Sie ist sinnlich, empfindsam. Es ist zunächst der Raum. Die Akustik ist wie Samt und Seide. Die Akustik an sich besitzt schon Obertöne: Sie ist brillant im Diskant und abgefedert und gehalten in der Mitte und in den Tiefen. Mitten hinein in diese wundervolle Akustik klingt dieses Juwel, die Orgel von Johann Adam Ehrlich, niemals zu laut, selbst wenn alles gezogen ist, und sie füllt die große Stadtkirche Bad Wimpfen. Ihre Obertöne mischen sich samtig, perfekt aufeinander abgestimmte Farben, ein Klang voll kerniger und sanfter Brillanz in einer Akustik aus Samt und Seide. Mit der fauchenden Gambe. Mit der schönen Zunge im Pedal – klingend, als hätte die Orgel viele unsichtbare Zungen. Die sie ja eben nicht hat, aber sie “kompensiert” sie mit ihren Farben. Die Kirche und auch der Ort sind ebenso wertvoll, die Wandmalereien mit den Aposteln, Altar, Gewölbe, Fresken und Decke, die weißen Musikerengel an der Orgel.

Es tönt so, als hätte das Plenum im Hauptwerk oben einen Sechzehn-Fuß im Prinzipal. Jedoch auch das wird durch Farben erwirkt, also den Eindruck geweckt. Den geschmackvollen Eindruck von vielen Zungen und Sechzehnfüßen, die gar nicht da sind. Auf diese Weise wird die kleine Ehrlich-Orgel sehr groß. Ein Klang-Wunder. Ein süddeutscher Diamant.

Vollkommen klingen hier Pachelbel, Steigleder, Muffat, Kerll, Froberger, Knecht, Krebs, Böhm, Zachow, Vogler, aber auch Sweelinck und Bach. Das Pedal ist sehr angenehm, auch wenn der Umfang manchmal gerade etwas zu klein ist, beispielsweise für Bachs Trio-Sonaten.

Das Unterwerk besitzt eine warme, helle Flöte. Durch die Kälte heulte das Hauptwerk zunächst etwas, und die Tasten sind in der Mitte aufgewölbt.

Es gibt dort ein kleines Büchlein namens Störungsprotokoll, das noch ganz frisch ist, und in dieses kann man eintragen, was einem aufgefallen ist. Das um diese Jahreszeit die Zunge verstimmt ist, muss man nicht notieren, das ist normal. Man muss diese Orgel einfach liebhaben! Ich freue mich, dass ich als bisher einzige Frau auf der Webseite zum Orgelverein zur Orgel zitiert werde. Orgelverein Bad Wimpfen

Auch die große, rote Ehrlich-Orgel in der katholischen Dominikanerkirche Heilig Kreuz ist eine Pracht in perfekter Akustik, vielleicht sogar noch wertvoller, noch stimmiger – wenn sie nicht lieblos kaputt-restauriert worden wäre von einer Firma, die daraufhin pleite ging. Es würde um die 600.000 € kosten, diese Orgel wiederherzustellen. Diese Summe ist nicht groß. Es muss möglich sein, dieses Geld für diese wundervolle Orgel aufzutreiben. Und dann: Orgelbau Rensch? Oder eine andere wundervolle Firma in der Nähe?

Ich bewundere, mit wieviel Sorgfalt und Liebe der Orgelverein vor Ort sich um diese beiden Orgeln kümmert gegen alle Widerstände. Im Dezember spiele ich dort ein Konzert: Ein festliches Weihnachtskonzert mit Kerzen, am 26.12. – Gott ist voller Überraschungen. Noch 24 Stunden davor wusste ich von all dem nichts.

Ich sehe schon, mein Tourblog wird manchmal zum Orgelblog. Am 11. Juni spiele ich wieder Klavier in Heilbronn, in der Harmonie (Stadthalle).

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